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HVB Markt-Briefing – Audio vom 23.02.2026

‚Feuer mit Feuer‘? Warum Europa jetzt über Protektionismus nachdenkt.

Andreas Rees:

Was die Europäer machen, sie bekämpfen Feuer mit Feuer, nachdem eben die USA und China ja schon länger mit wirklich harten Bandagen kämpfen. Ich würde es machen, ja, bei European in einigen wenigen strategisch wichtigen Sektoren, damit wir hoffentlich bald weniger erpressbar wären.

Christian Stocker:

Gerade die Large Caps, die produzieren global, die haben in den verschiedenen Kontinenten, in verschiedenen Ländern ihre Produktionskapazitäten und sind von einem bei European eher mal weniger betroffen.

Positive Auswirkungen könnte ich mir im Bereich der Small Mid Caps vorstellen, da könnte es schon zu positiven Nachfrageeffekten kommen, unter dem Strich dann auch zu einer Stabilisierung der Gewinne.

Nikolaus Barth:

Herzlich willkommen zur neuesten Ausgabe des HVB Markt-Briefings. Mein Name ist Nikolaus Barth. Ich bin Wertpapier und Börsenexperte bei der HypoVereinsbank. Ich begrüße Sie sehr herzlich zu dieser Folge.

Die Stimmung passt zum Wetter, zumindest in der transatlantischen Beziehung. Belege dafür gibt es genügend. Zuletzt die Münchner Sicherheitskonferenz. Wir sehen zunehmenden Protektionismus in den USA, aber auch in China. Die EU setzt sich gleichzeitig für den Freihandel ein. Mit der Initiative Buy European könnte Europa jetzt aber den Spieß umdrehen. Ist das der richtige Weg, um sich gegen die USA und China zu behaupten? Darüber wollen wir heute sprechen mit dem Chefvolkswirt der HypoVereinsbank Dr. Andreas Rees und Christian Stocker, der Leitende Aktienstratege der Bank.

Schön, dass ihr euch wieder Zeit für uns nehmt.

Andreas Rees:

Hallo, grüßt euch.

Christian Stocker:

Ja, hallo zusammen.

Nikolaus Barth:

Freut ihr beide euch denn schon auf das Frühjahr?

Andreas Rees:

Auf das Frühjahr, also wenn es ein bisschen weniger turbulent werden würde, dann wäre es nicht schlecht, aber ich freue mich natürlich auch über spannende Themen.

Christian Stocker:

Ja, also metaphorisch gesprochen, wenn ich zum Fenster rausschaue, ist noch alles weiß und es wäre schon schön, wenn wir auch hier langsam mal die Eiszeit hinter uns lassen würden.

Nikolaus Barth:

Also die Stimmung darf sich gerne ein bisschen aufhellen.

Andreas, wir wollen gleich mit dir starten, wenn man bei European hört, klingt das erstmal unverdächtig. Was steckt denn konkret dahinter?

Andreas Rees:

Ja, Nikolaus, also das klingt wirklich erst einmal sehr harmlos, aber das ist es wirklich gar nicht, denn es geht hier um eine grundlegende Richtungsentscheidung in der Wirtschaftspolitik der Europäischen Union.

Also, was heißt das, 'Buy European'? Das ist ein Vorschlag der Europäischen Kommission und dieser Vorschlag, der sieht Zielwerte vor bei der Produktion von strategischen Gütern in Europa. Also, ein Teil der Produktion soll dann zwingend in Europa stattfinden. Was sind diese strategischen Güter?

Das könnten zum Beispiel Halbleiter sein, aber auch Güter, die wir bei der Energiewende benötigen, also Solarpanel, Batteriespeicher und so weiter. Und auch Elektrofahrzeuge, die könnten in dem Zusammenhang als strategisches Gut aufgefasst werden. Also jetzt ganz konkret, es könnte dann vorgegeben werden, dass zum Beispiel 70% der Wertschöpfung oder des Werts eines Elektrofahrzeugs aus der Europäischen Union stammen muss. Ist das nicht der Fall, dann würde zum Beispiel beim Kauf eines E-Autos keine staatlichen Fördergelder mehr fließen können. In Deutschland ist es ja im Moment so, dass wenn man ein E-Auto kauft, dass man dann die Förderung auch dann erhält, wenn man sich etwa für ein chinesisches E-Auto entscheidet.

Nikolaus Barth:

Also die Förderung abhängig von der europäischen Produktionstiefe, warum kommt das genau jetzt, Andreas, im Februar 2026 so prominent auf die Agenda?

Andreas Rees:

Das ist schon etwas länger in der Mache, denn dieser Vorschlag, der läuft unter dem sogenannten Industrial Accelerator Act. Das ist ein Gesetzesvorhaben der Europäischen Kommission, aber Nikolaus, deine Frage, die ist schon berechtigt, warum jetzt in dem aktuellen Umfeld, das halt geopolitisch sehr angespannt ist, also, die europäische Politik, aber auch die europäischen Unternehmen, die haben ja bislang im globalen Wettbewerb weitestgehend nach Regeln gespielt und diese Regeln, die haben die USA und China ja schon längst verlassen.

Also, die USA haben zum Beispiel bereits den Buy American Act in der staatlichen Beschaffung, da müssen auf der Bundesebene in den USA 65% der staatlich gekauften Güter auch dann in den USA produziert worden sein und bis 2029, da soll sich dann der Anteil sogar auf 75% erhöhen. Dann hatten wir den Inflation Reduction Act unter Präsident Biden, da gab es Verbraucherzuschüsse für E-Autos, die an Batterien und Materialien geknüpft waren, die in Nordamerika produziert werden mussten. Jetzt hat zwar Trump viele der Anreize zurückgedreht für erneuerbare Energien, das ist ja bekannt, aber da, wo sie bestehen geblieben sind, da wurden sogar die Bestimmungen noch mal verschärft, wenn es um ausländische Hersteller geht.

Ja, und wenn es um China geht, dann ist es, denke ich, klar. Also, China lenkt natürlich traditionell seine Industrie und seine Technologie strategisch und setzt hier ganz, ganz stark auf nationale Lösungen. Das sind die Stichworte, einmal die Strategie 'Made in China 2025'. Also hier wollte man und versucht man natürlich weiterhin den technologischen Aufstieg einzuläuten und das wird sich jetzt vermutlich noch verschärfen mit der neuen Strategie 'China Standards 2025‘. Da geht es dann darum, technische Standards in neuen Technologien zu setzen und damit auch für die restliche Welt vorzugeben.

Also, das ist das Ziel und in so einem Umfeld könnte dann Europas bisherige Offenheit bei Handel und Investitionen schnell ein Wettbewerbsnachteil werden. Also, China und die USA dienen hier als Vorbilder.

Nikolaus Barth:

Europa ist sich ja bei politischen Entscheidungen oft nicht einig und auch hier scheinen sich die europäischen Staaten nicht einig zu sein. Es gibt politische Bruchlinien. Wer ist denn für Buy European? Wer bremst gerade?

Andreas Rees:

Ja, also ganz grob, Frankreich, Italien, Spanien, die sind eher pro und auf der anderen Seite zum Beispiel Schweden und Dänemark, da waren auch einige mittelosteuropäische Länder, sind eher skeptisch. Wir haben zum Beispiel Schweden, ganz prominent. Schweden hat das kommunikativ sogar zugespitzt mit einer staatlichen Kampagne und die heißt 'Made with Sweden' statt 'Made in Sweden', also Wohlstand durch offene Lieferketten und nicht durch Beschränkung.

Wenn man sich anschaut, die deutsche Politik, also so sehe ich das jedenfalls, die wirkt etwas offener als früher für den Vorschlag bei European, aber gleichzeitig hat die Bundesregierung auch betont, dass Buy European gezielt eingesetzt werden sollte, also wirklich nur in Ausnahmefällen, in einigen wenigen strategischen Bereichen und deshalb nicht flächendeckend, denn sonst würde eben der Wettbewerb in Europa ausgehebelt werden.

Nikolaus Barth:

Spannend. Lass uns aber doch bitte erstmal die Pro-Seite sauber sortieren. Was sind die 3 stärksten Argumente, die für bei European sprechen?

Andreas Rees:

Das erste Argument pro, was ich vorhin schon angesprochen habe, wenn die USA und China massiv steuern und auch wirklich zu Ungunsten von europäischen Unternehmen, dann kann Europa nicht passiv bleiben und durch ein Buy European, so argumentieren die Befürworter, würde es dann gleiche Wettbewerbsbedingungen geben. Also das ist so das zentrale Argument der Befürworter.

Dann das zweite Pro-Argument, strategische Autonomie. Wenn wir Europäer stärker eigene Kapazitäten aufbauen in wichtigen Bereichen, dann wären wir weniger abhängig von Exportstopps und auch von politischem Druck anderer Länder.

Ja, und der dritte Punkt, was auch oft genannt wird, die europäische Industrie, die steht ja unter sehr starkem Druck. Wir haben hohe Energiekosten, eine ganz starke Importkonkurrenz aus China, auch durch Subventionen in China und durch Buy European könnte man diese Deindustrialisierung versuchen zu bremsen und Produktionsfähigkeiten und auch Jobs in Europa halten.

Nikolaus Barth:

Andreas, die 3 Argumente klingen für mich logisch. Lass uns jetzt mal kurz auf die Gegenargumente kommen. Wo kann bei European gefährlich werden?

Andreas Rees:

Das große Risiko, was ich sehe, ist, dass Europa Souveränität gewinnt, aber halt nur auf dem Papier. Und draußen dann im richtigen Wirtschaftsleben, wo es wichtig ist, da könnten wir an Tempo verlieren. Also, ich sehe mehr Risiken. Einmal ganz prominent, ganz wichtig, die Gefahr, höhere Kosten und mehr Inflation.

Und dazu ein Beispiel: Wenn Batterien in der Europäischen Union produziert werden, dann sind sie bis zu 70 Prozent teurer als in China und diese höheren Produktionskosten könnten dann zumindest das Risiko ist da zu höheren Preisen führen oder eben auch zu geringeren Gewinnmargen der Unternehmen. Oder ein anderes Beispiel Solarzellen, wenn jetzt die Solarzellen in Europa drastisch teurer werden würden, dann sinkt halt auch die Machbarkeit und vor allen Dingen auch die Akzeptanz in Europa für die Energiewende.

Ja, und dann noch ein weiterer Nachteil, wenn die Politik den einheimischen Markt in Europa zu stark vor der ausländischen Konkurrenz abschotten würde, also man würde faktisch Marktanteile politisch garantieren, dann reduziert es den Wettbewerb in Europa und auch den Innovationsdruck und dann hätten wir am Ende in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern vielleicht schlechtere Produkte, weil sie sich dann eben auch im Ausland nicht mehr verkaufen lassen.

Nikolaus Barth:

Jetzt nehmen wir mal Christian in die Diskussion mit rein. Wenn ich das Thema Kosten höre, dann höre ich ja auch immer steigende Kosten für Unternehmen. Das schmälert meiner Meinung ja auch automatisch die Gewinne der Unternehmen. Welche anderen Nachteile siehst du denn?

Christian Stocker:

Ja, Nikolaus, für mich ist das zentrale Argument die höheren Kosten, gerade wenn die Importkosten deutlich steigen sollten, dann hat es natürlich negative Auswirkungen auf die Gewinnmargen. In der Regel ist es ja so, dass in einem freien Handel die Preise niedriger sind als in einem abgeschotteten Wirtschaftsgebiet. Und das bedeutet, höhere Kosten, die muss man erstmal in Griff bekommen. Und wie Andreas schon gesagt hat, möglicherweise wirkt sich das dann auch als Gefahr einer höheren Inflation aus. Wenn die Inputkosten oder generell die Kosten genauso stark steigen wie die Verkaufspreise, einfach gesagt die Inflation, dann hat es auf die Gewinne der Unternehmen keine Auswirkungen.

Aber in der Regel ist es so, dass in einem abgeschotteten System die Inputpreise oder die Kosten generell stärker steigen als die Output-Preise, und das würde sich negativ auf die Margen der Unternehmen auswirken und damit natürlich auch auf die Gewinne. Auf der anderen Seite, weitere Argumente, wie begegnet man dem Fachkräftemangel durch Abschottung, schottet man vielleicht auch den Arbeitsmarkt ab. Ja, das ist auch eine große Gefahr. Arbeitskräftemangel, Facharbeitskräftemangel insbesondere ist ein ganz, ganz großes Thema in Europa. Und wie Andreas schon gesagt hat, geringere Innovationen als mögliches Risiko, das ist ganz schlecht für die Gewinnentwicklung der Unternehmen, weil nur durch Innovationen kann man ein hohes Wettbewerbsniveau aufrechterhalten und dadurch auch konkurrenzfähig bleiben.

Also unter dem Strich würde ich sagen, die Gefahr in einem Buy European Umfeld, dass die Gewinnmargen und damit auch die Gewinne eher rückläufig sein werden in Europa, die sind sehr, sehr hoch.

Nikolaus Barth:

Also durchaus Risiken bei Buy European. Andreas, die Kernfrage bleibt aber ja oder nein. Ist es also jetzt Zeit für Buy European? Deine Antwort am besten in einem Satz.

Andreas Rees:

Ja, also in einem Satz schaffe ich das natürlich nicht.

Nikolaus Barth:

Wir kennen dich.

Andreas Rees:

Ja, ja, ja, ich weiß. Also wirklich, der Versuch auf den ganz kurzen Nenner gebracht, wenn du mir die Frage vor vielleicht 5 oder 6 Jahren gestellt hättest, also vor Corona, Russland, Ukraine, Trump, zumindest die zweite Amtszeit, China und so weiter, dann hätte ich sofort gesagt, also lass bloß die Finger davon, das geht nach hinten los, weil wir reden hier wirklich über schon signifikante protektionistische Maßnahmen der Europäer, also Gegenmaßnahmen.

Eigentlich, was die Europäer machen, sie bekämpfen Feuer mit Feuer, nachdem eben die USA und China ja schon länger mit wirklich harten Bandagen kämpfen. Also das ist auf der einen Seite wirtschaftlich gefährlich, aus den gerade genannten Gründen, auch was Christian gerade eben gesagt hat. Aber gleichzeitig muss man halt auch konstatieren, die Welt um uns herum, die hat sich dramatisch verändert und deshalb, also ich würde es machen, ja, aber eben sehr vorsichtig. Also nicht ideologisch vorgehen, sondern gezielt, maßvoll, also bei European in einigen wenigen strategisch wichtigen Sektoren, damit wir hoffentlich bald weniger erpressbar wären. Also zu den strategisch wichtigen Bereichen, dazu gehören für mich schon genannt Energiebereich, Halbleiter, auch durchaus Elektroautos, aber für mich auch noch ganz wichtig, das wäre der medizinische Sektor.

Also ein klares Ja, aber strategisch beschränkt.

Nikolaus Barth:

Christian, siehst du das genauso?

Christian Stocker:

Ja, sehe ich auch so, allerdings nicht als Abschottung gesehen, sondern unter dem Gesichtspunkt einer Stärkung der heimischen Wirtschaft und einer Herstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen, dann ja.

Nikolaus Barth:

Und jetzt Andreas, in welchem Zeithorizont soll das eigentlich umgesetzt werden?

Andreas Rees:

Also ganz ehrlich, Nikolaus weiß ich nicht, das ist aber 'ne ganz, ganz wichtige Frage und entscheidend, denn wenn man zum Beispiel diese Quoten innerhalb von 1 oder 2 Jahren erreichen will, dann wird es natürlich wirtschaftlich nicht funktionieren, denn kurzfristig wird Europa Importgüter wie Halbleiter, Batterien und so weiter von der Menge her gar nicht skalieren können und dann würden sofort Engpässe drohen. Also, wenn man das machen will, dann muss man der Wirtschaft auch wirklich einige Jahre Zeit geben, damit sie sich umstellen kann.

Nikolaus Barth:

Und da habe ich noch mal direkte Nachfrage, ich habe gelesen, dass die EU-Kommission vorschreiben will, dass 70% eines E-Autos in der EU produziert werden soll. Das geht doch allein deshalb nicht, weil die Batterie zum Beispiel aus China kommt. Ist das überhaupt umsetzbar?

Andreas Rees:

Also, das Ziel mit 70% der Wertschöpfung oder manchmal ist auch die Diskussion 70% des Werts eines Elektroautos aus Europa, das wäre, denke ich, schon möglich. Also zumindest, wenn man den Unternehmen etwas Zeit gibt, denn es gibt Schätzungen von der WTO, also der Welthandelsorganisation, dass zum Beispiel bei einem deutschen E-Auto schon immerhin noch 65% der Wertschöpfung auch in Deutschland stattfindet, also 70%, das könnte man schon schaffen. Aber klar, man muss auch sagen, wenn man sich es mal anschaut, Deutschland im Vergleich zu China und Japan, da liegen wir bei dem Anteil der inländischen Wertschöpfung schon deutlich hinten.

Also, zum Vergleich, ein chinesisches E-Auto hat eine inländische Wertschöpfung von über 80% und bei einem japanischen Elektroauto, das sind es immerhin 75%. Aber Nikolaus, dein Punkt ist schon richtig, wenn wir jetzt anfangen würden, wirklich strenge Vorgaben zu machen bei Batterien, das wird nicht funktionieren.

Nikolaus Barth:

Wir bleiben beim Ja, aber wir haben jetzt gehört, was bei European bedeutet, aus politischer, aus volkswirtschaftlicher Sicht, jetzt stellen wir uns natürlich die Frage, bedeutet bei European auch bei europäischer Aktien.

Christian, was ist deine Meinung dazu?

Christian Stocker:

Diese Frage ist nicht ganz schnell und kurz zu beantworten. Über die möglichen Risiken für die Gewinnmargen haben wir schon kurz gesprochen. Auf Large Caps in Europa sehe ich da eher mal weniger Einflüsse, weil gerade die Large Caps produzieren global, die haben in den verschiedenen Kontinenten, in verschiedenen Ländern ihre Produktionskapazitäten und sind von einem bei European Act eher mal weniger betroffen.

Positive Auswirkungen könnte ich mir im Bereich der Small Mid Caps vorstellen, die ja traditionell nicht so stark exportorientiert sind, nicht so stark außereuropäisch orientiert sind. Und da könnte es schon mit einer stärkeren Nachfrage aus dem Bereich der heimischen Wirtschaft zu positiven Nachfrageeffekten kommen und unter dem Strich dann auch zu einer Stabilisierung der Gewinne.

Also Small and Mid Caps, kleine und mittlere Unternehmen könnten davon profitieren.

Nikolaus Barth:

Jetzt stell ich mir das aber so vor, eine potenziell stärkere Nachfrage bei heimischen Unternehmen erhöht doch den Umsatz und das würde ich jetzt 1 zu 1 in eine positive Situation für Aktien übersetzen. Sehe ich das falsch?

Christian Stocker:

Nein, das siehst du richtig. Höhere Umsätze bedeutet natürlich auch eine höhere Planbarkeit der Gewinne, eine Stabilisierung der Gewinne. Es verbreitert sicherlich auch die Produktionsbasis und die Planbarkeit der Produktion und das wird sich unter dem Strich auch auf die Bewertungen positiv auswirken. Man kann das zum Beispiel schon in den USA sehen, man kann es teilweise in asiatischen Ländern sehen, eine erhöhte Planbarkeit durch Projekte wie Buy American zum Beispiel erhöht die Gewinnsicherheit und damit auch seitens der Investoren, der Investorinnen auch eine höhere Bewertung, die entsprechend zugesprochen wird.

Nikolaus Barth:

Aber das wirst du ja dann in deine Modelle mit einarbeiten und wir werden das dann auch in deinen DAX Prognosen sehen.

Jetzt lass uns noch mal ganz kurz auf die Nachteile zurückkommen. Welche Nachteile siehst du jetzt aus der Unternehmenssicht für Buy European?

Christian Stocker:

Aus der Unternehmenssicht sehe ich den größten Nachteil, dass neue Technologien dann auch in Europa entwickelt werden müssen und das ist nicht immer 1 zu 1 umsetzbar. Ja, gerade wenn man sieht, wie dynamisch Technologien sich in den asiatischen Ländern entwickeln, da hinkt Europa sehr, sehr stark hinterher und dass wir diesen Nachteil sehr schnell aufholen können, da sehe ich schon gewisse Probleme. Das heißt, anstatt auf bestehende Technologien zurückgreifen zu können, müsste man es unter teuren Maßnahmen selber entwickeln, man verliert möglicherweise Zeit, man hat mögliche Fehlentwicklungen, das macht das Ganze teuer und dadurch auch die Produktion in Europa generell teurer als im Ausland.

Das heißt auch unter dem Strich, möglicherweise sind Konkurrenzprodukte aus dem außereuropäischen Ausland attraktiver für die Kunden und die Kunden würden dann auf diese Bereiche ausweichen und das würde sich natürlich entsprechend negativ auf die Umsätze in Europa wiederum auswirken.

Nikolaus Barth:

Da möchte ich ja regelrecht 'n Einspruch jetzt geltend machen. Kann künstliche Intelligenz nicht als Beschleuniger der Transformation in diesem Zusammenhang dienen?

Die Frage stellt sich natürlich nur, Gegenfrage, welche künstliche Intelligenz, die künstliche Intelligenz, die in Amerika und Asien entwickelt wird?

Christian Stocker:

Guter Punkt, in Europa haben wir kaum eigene künstliche Intelligenz, das heißt dann, das müsste man sich schon wieder zukaufen. Auf der anderen Seite, gerade im Technologiebereich, kommt es aktuell ja sehr stark zu diesen disruptiven Entwicklungen, siehe der Software Sektor in den vergangenen Wochen, der sehr, sehr stark unter Druck gekommen ist, nachdem man bemerkt hat, dass die künstliche Intelligenz hier im Bereich der Software, der Softwareanbieter, sehr, sehr stark auch Geschäft zunichte machen kann.

Das heißt, gerade Softwareunternehmen, die müssen sich möglicherweise neu erfinden, wie geht es weiter mit den Einzelplatzlizenzen, die können vielleicht von künstlicher Intelligenz übernommen werden. Da gibt es ganz, ganz viele Bereiche, die ganz, ganz große Fragezeichen haben im Augenblick. Und künstliche Intelligenz wird jetzt nicht mehr so gesehen wie in den letzten 2 Jahren, dass jedes Unternehmen, das sich beschäftigt hat mit KI, positiv bewertet wurde. Nein, es wurde in den letzten Wochen sehr viel selektiver vorangegangen.

Die Unternehmen, die möglicherweise Nachteile erhalten durch KI, die wurden sehr, sehr stark in den Kursen abgestraft, werden wiederum andere Unternehmen, die sehr stark weiterhin davon profitieren, wie beispielsweise die Chiphersteller. Ja, die wurden sehr, sehr stark bevorzugt. Also die Entwicklung hier ist sehr viel selektiver als in der Vergangenheit, aber generell kann man sagen, KI hat sicherlich unter dem Strich schon positive Auswirkungen speziell im Industriebereich und umso höher der Anteil der Produktion in einem Unternehmen ist, desto stärker positiv dürfte sich auch KI auswirken und desto weniger disruptiv dürfte sich die KI auswirken.

Gerade allerdings im Bereich Datenverarbeitung sehe ich schon größere Verwerfungen kommen, positive wie negative Verwerfungen, je nachdem wie die betroffenen Unternehmen reagieren und sich entsprechend anpassen.

Nikolaus Barth:

Also auch hier ein differenziertes Bild notwendig. Erwartest du denn jetzt generell mehr Investitionen in den europäischen Aktienmarkt, also auch von außerhalb Europas?

Christian Stocker:

Ich kann mir schon vorstellen, dass es zu einem gewissen zusätzlichen Kapitalfluss nach Europa kommt, aber nur dann, wenn es die europäischen Unternehmen auch schaffen, weiterhin attraktive Renditen zu erzielen und aufgrund der weiter bestehenden Innovationsfreude in Europa sehe ich da eigentlich keine Probleme, vor allem wenn ich durch bei European die Innovationen auch verstärkt in Europa behalten kann und nicht, wie wir es in der Vergangenheit häufig gesehen haben, dass Innovationen in andere Regionen abwandern, wo die Produktion billiger ist.

Ja, vieles ist noch offen, viele Fragen sind noch ungeklärt. Wir haben das von Andreas und von Christian gehört. Die Politik diskutiert ja aktuell noch darüber und wir werden das in den nächsten Wochen weiterverfolgen und sehen, was am Ende entschieden wird. Und ganz bestimmt werden wir das auch wieder zum Thema im HVB Markt-Briefing machen.

Und wenn Sie mögen, können Sie sich auch einige Details und Grafiken näher anschauen in unserer Publikation 'The Short View: It's Time to Buy European'. Link gibt es wieder in den Shownotes.

An dieser Stelle darf ich herzlichen Dank sagen an Andreas und Christian. Wir hoffen, dass es Ihnen gefallen hat und wir würden uns freuen, wenn Sie das HVB Markt-Briefing  weiterempfehlen und uns weiter treu bleiben. Freuen Sie sich auf ein Wiederhören mit Titus Kroder und spannenden Themen und mit Andreas Rees, Philip Gisdakis und Christian Stocker.

Wir hören uns, wenn Sie mögen, auch wieder bei einer der nächsten Gelegenheiten.

Wir danken Ihnen heute fürs Zuhören und Mitdenken und es verabschieden sich: Christian Stocker, Andreas Rees und Nikolaus Barth.