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HVB Markt-Briefing – Audio vom 05.10.2026

US-Wahlen: Kommt nun ein Super-Aktienjahr? +++ KI: Kommt mit den Mid Terms eine Regulierung?

Christian Stocker: :
Wer US Aktien kaufen möchte, sollte das wegen der guten Fundamentaldaten tun und nicht wegen eines historischen Kalendereffekts. Die Midterms sind eher eine Beilage als das Hauptgericht.

Andreas Rees:

Trump kann nach meiner Einschätzung weiter sein Ding machen und über diese Executive Orders seine KI Politik gestalten, ohne den Kongress zu fragen. Also auch nach den verlorenen Zwischenwahlen, wenn man das mal unterstellt, könnte Trump vieles immer noch selber bei KI steuern.

Philip Gisdakis:  

Mittlerweile haben wir in den USA eine Realrendite von über 2% und das bedeutet, dass dieser sichere Hafen Gold im Vergleich zu dem sicheren Hafen US Treasuries aufgrund der hohen Coupons, die eben die Inflationserwartung auch noch deutlich übertreffen, unattraktiv wird und deswegen fällt der Goldpreis.

Titus Kroder:

Wir sagen ganz herzlich willkommen zum HVB Markt-Briefing. Wir, das sind Titus Kroder und das Expertenteam der HVB.

Gewählt, wird ja in Deutschland jeweils am Sonntag. England wählt übrigens immer an einem Donnerstag und in den USA finden nationale Wahlen jeweils am Dienstag nach dem ersten Montag im November statt. So ist es schon seit 1845 festgelegt. In diesem Jahr sind es dort Zwischenwahlen, die sogenannten Midterms. Es geht um das US Parlament, nicht um den Präsidenten. Vor allem wird spannend sein, ob die bürgerlich-liberalen Demokraten eines der beiden Häuser des Kongresses für sich erobern können oder sogar vielleicht beide Kammern. In jedem Fall könnten die Ergebnisse Wellen schlagen, die auch in Europa anbranden.

Wirtschaft und Investoren blicken deshalb bei uns mit Spannung auf eben jenen Wahldienstag am 3. November und auf dieser Seite des Atlantiks steht auch schon unser Expertenteam quasi mit dem Feldstecher für eine Analyse der Midterms bereit, die HVB Fachleute Andreas Rees, Philipp Gisdakis und Christian Stocker.

Hallo erstmal in die Runde.

Christian Stocker:  

Hallo.

Andreas Rees:

Hallo zusammen.

Philip Gisdakis:

Hallo, grüßt euch.

Titus Kroder:
Andreas, als Chefökonom der HVB  hast du Szenarien über den Wahlausgang entwickelt. Das US Parlament hat ja 2 Kammern, das Repräsentantenhaus, das nun im November komplett neu gewählt wird, und den Senat, der zu einem Drittel neu besetzt wird. Die Partei des jeweils amtierenden US Präsidenten verliert häufig diese Midterm-Abstimmungen. Die Demokraten können also zumindest auf einen Erfolg hoffen, nämlich das Repräsentantenhaus zu erobern. Die Wettbüros haben die Partei entsprechend vorne liegen. Du hast gerade noch mal nachgeschaut, was besagen denn die allerletzten Umfragen unter Wählern und Wählerinnen?

Andreas Rees:

Ja genau, Titus, ich fang mal mit dem Repräsentantenhaus an, da haben die Demokraten einen spürbaren Rückenwind, zumindest in den Umfragen, da liegen sie landesweit je nach Umfrage etwa 8 bis 11 Prozentpunkte vor den Republikanern, aber es ist natürlich keine nationale Abstimmung, sondern es ist wichtig, wie die Ergebnisse in den Wahlkreisen ausfallen und das sind 435 Wahlkreise und da gibt es eben auch besonders umkämpfte Distrikte. Also es ist jetzt keine ausgemachte Sache, dass die Demokraten eine Mehrheit im Repräsentantenhaus kriegen, aber es ist schon, ich würde sagen, sehr wahrscheinlich und das ist auch unser Basisszenario.

Beim Senat, da sah es lange Zeit so aus, dass die Republikaner ihre Mehrheit behalten würden. Aber jetzt die letzten Umfragen, die zeigen dann schon, dass der Wahlausgang deutlich offener geworden ist als noch vor einigen Wochen. Es ist ja so, im Augenblick, die Republikaner halten 53 Sitze und die Demokraten kontrollieren 47 Sitze. Also, sie brauchen 4 Sitze mehr, da ja der republikanische Vizepräsident Vance im Senat auch eine Stimme hat. Und wenn man sich jetzt die Umfragen anschaut, mittlerweile liegen die Demokraten in mehreren, eigentlich bislang republikanisch gehaltenen Bundesstaaten, also zum Beispiel in North Carolina, Ohio und sogar in Texas und Alaska, mittlerweile vorne. Das Rennen ist allerdings sehr, sehr eng in einigen Bundesstaaten und wir wissen ja alle, Umfragen sind nicht immer 100% zutreffend. Also insofern ein vollständig demokratisch kontrollierter Kongress, das ist mittlerweile möglich, aber es ist noch nicht unser Basisszenario.

 

Titus Kroder:

Christian, drehen wir mal auf die Aktienmärkte. Die Amerikaner rechnen ja gerne immer alles ganz genau aus, was mit Wahlen und Kapitalmärkten zusammenhängt. Da liest man etwa, dass seit 1938 in 95% der Fälle das Jahr nach den Midterms einen deutlichen Anstieg der Aktienkurse gebracht hat. Dein Rat also als leitender Aktienstratege der HVB, jetzt erstmal gleich US Aktien einkaufen.

Christian Stocker:  

Ja, das ist eine sehr gute Frage. Historisch betrachtet, ist es richtig, da waren die 12 Monate nach den Midterm-Wahlen tatsächlich oft wirklich ganz ordentliche Börsenjahre. Aber man sollte schon aufpassen, dass man Ursache und Wirkung nicht verwechselt. Ja, die Börse steigt nicht, weil Amerikaner zum Wählen gehen, sondern normalerweise steigt die Börse deshalb, weil Konjunktur, Gewinne und Geldpolitik stimmen, so wie eben jetzt auch. Die Konjunktur läuft gut, das Thema KI ist ein ganz enormes Konjunkturprogramm und die Gewinne der Unternehmen sind mehr als solide. Also, wer also jetzt allein wegen der Midterms US Aktien kauft, der handelt ein bisschen so, als würde man einen Regenschirm kaufen, weil gestern die Wetter-App richtig gelegen ist.

Und einen wichtigen Punkt sollte man dabei nicht wirklich vernachlässigen. Nach den Wahlen verschwindet oft die politische Unsicherheit aus dem Markt und das mögen die Investoren, die Investorinnen. Aber am Ende bewegen die Gewinne der Unternehmen und die Fed-Politik, also die Notenbankpolitik, die Kurse deutlich stärker als die Zusammensetzung des Kongresses. Und deswegen lautet meine Antwort: Wer US Aktien kaufen möchte, sollte das wegen der guten Fundamentaldaten tun und nicht wegen eines historischen Kalendereffekts. Die Midterms sind eher eine Beilage als das Hauptgericht.

Titus Kroder:

Philip, du berichtest ja als Leiter Anlagestrategie, dass in Kundengesprächen immer mal wieder eine ziemliche wirtschaftliche Zäsur da befürchtet wird, dass also die vermutete Tech Bubble endlich platzen könnte, dass die Zinsen eine US Schuldenkrise auslösen könnten und sogar noch darüber hinaus, dass eine Rezession ausbrechen könnte. Jetzt mal ganz kurz und pauschal eingeordnet, wie dramatisch sind diese Wahlen für den Finanzmarkt aus Sicht der Investoren?

Philip Gisdakis:  

Ja, Titus, die Sorgen, die ich in den Gesprächen mit unseren Kundinnen und Kunden höre, drehen sich einerseits, so wie du das impliziert hast, um politische Stabilität, also um die Frage, ob Donald Trump und seine Administration ein für sie negatives Wahlergebnis überhaupt akzeptieren würden und ob es in so einem Fall wieder zu sowas wie einem Sturm auf den Kongress kommen könnte. Ich halt so ein Szenario für wenig wahrscheinlich, da es ja bei den Midterms. um viele einzelne Wahlentscheidungen geht, die auch noch unter die Hoheit der einzelnen Bundesstaaten fallen. Das ist was anders als 'ne Präsidentschaftswahl.

Andererseits gibt es auch sehr viele diffuse Sorgen, die du auch angesprochen hast, also die Themen nicht diffus, aber die Sorgen dazu, die alle irgendwie 'n Bezug zur politischen Dimension haben. Also der wachsende Schuldenberg bei gleichzeitig steigenden Zinsen, die zum Teil schrillen Schlagzeilen, die wir rund um KI hören, also die Warnungen vor dem Ende der Menschheit durch KI im IPO Prospekt von Anthropic, aber auch die möglichen gesellschaftlichen Implikationen der rasanten KI Entwicklung und vieles mehr. Und wie gesagt, diese Sorgen haben irgendwie 'ne direkte Verbindung zur politischen Dimension.

Der Termin dieser Midterm Elections dient also als so eine Art Kondensationskeim für diese Sorgen, aber obwohl diese Wahlen wichtig sind und wichtige Weichenstellungen für zukünftige Entwicklungen getroffen werden, sind Wahlen aus meiner Sicht kein Anlass für kurzfristige Verwerfungen an den Märkten. Sie können durchaus mittelfristige Veränderungen bringen, die sich dann auch auf die Märkte auswirken. Aber wie so oft, gilt hier eine aus meiner Sicht sehr grundlegende Erkenntnis: Die Marktpsychologie tendiert, die kurzfristigen Auswirkungen von solchen großen Events wie Wahlen zu überschätzen und die langfristigen Events aber deutlich zu unterschätzen.


Deswegen ist es aus meiner Sicht wichtiger, dass wir uns hier unterhalten, was die langfristigen Implikationen sind, als was jetzt irgendwie an den Märkten kurz nach der Wahl stattfinden wird. Ich glaube, da wird gar nicht wahnsinnig viel stattfinden an den Märkten.

„He started this, he's the one who should be painful, it doesn't come out of his pocket, comes out of our pocket. As a day-to-day working class man, definitely has an impact on my family life. I mean, I'm 25 years old and I can hardly afford my own a house.”

Titus Kroder:

Andreas, Stimmen von Wählern an einer Tankstelle in New Jersey waren das eben, was wir gehört haben, die der Sender CNN eingefangen hat. Trump solle doch bitte alles schön selbst bezahlen, sagt zum Beispiel die Autofahrerin. Er habe das alles ja auch angerichtet.

Stichwort Irankrieg, die hohen Benzinpreise, Immobilienpreise, Zinsen, Lebenshaltungskosten. ziemliche Verärgerung kann man da an der Zapfsäule hören. Was beschäftigt die Wähler denn am meisten von diesen Themen vor den Midterm-Wahlen?

Andreas Rees:

Man kann das auch sehr schön in den Umfragen erkennen, die Inflation und die hohen Lebenshaltungskosten, das steht ganz klar im Mittelpunkt des Interesses. Wenn man sich das mal anschaut, was ist dann in den letzten Jahren passiert? Wir hatten seit Anfang 2022, also nachdem der Russland-Ukraine-Krieg begonnen hat, seitdem sind die amerikanischen Verbraucherpreise insgesamt so stark angestiegen wie bei uns in der Eurozone und das ist so ein Anstieg von etwa 16 bis 17 Prozent. Also das ist natürlich sowohl bei uns als auch in den USA eine Wucht und da stehen gerade Nahrungsmittelpreise im Fokus, aber auch die Bezahlbarkeit von Wohnraum und von Häusern.

Das spielt für viele Wähler eine sehr wichtige Rolle und klar, natürlich, der Preisanstieg hat sich zuletzt etwas verlangsamt, aber die Nahrungsmittel sind eben immer noch deutlich teurer als vor ein paar Jahren und das ist die Wahrnehmung der Wähler und was natürlich auch eine Rolle spielt. Wir haben es gerade im Clip gehört, da sind die Spritpreise, das ist natürlich für die Amerikaner schon sehr, sehr ungewöhnlich. Als ich jetzt zuletzt geguckt habe, da hat die Gallone Benzin etwa viereinhalb US-Dollar gekostet, also fast schon so viel wie 2022, als der Rekordpreis bei $5 lag. Beim Dieselpreis, da ist es noch schlimmer für die Amerikaner, da liegen wir bei etwa sechseinhalb US Dollar, das ist also rekordhoch und ja, also wenn man es auf den Literpreis umrechnet, das ist natürlich immer noch günstiger als bei uns in Deutschland, aber eben für amerikanische Verhältnisse sehr, sehr ungewöhnlich. Und dann kommt noch dazu bei Immobilien, wir haben einen sehr starken Zinsanstieg und die Amerikaner finanzieren vor allen Dingen langfristig eine dreißigjährige Hypothek, die kostet aktuell 7,3 Prozent und das ist natürlich auch eine Wucht.

Titus Kroder:

Lass uns mal ganz kurz die politischen Szenarien durchgehen. Was ist, wenn nun am 3. November die Demokraten nur das Repräsentantenhaus erobern können, aber nicht den Senat? Was wäre dann anders aus makroökonomischer Perspektive?

Andreas Rees:

Der größte Unterschied, der besteht in der Finanzpolitik, denn grundsätzlich, da braucht der amerikanische Präsident die Zustimmung des Repräsentantenhauses, wenn es um öffentliche Haushalte geht und damit eben um Geld und dann reden wir halt auch schnell über höhere Ausgaben für das amerikanische Militär und auch über den Konflikt mit dem Iran.

Es ist ja so, dass die Trump Administration bis 2031 mehr als 1000 Milliarden US Dollar für das Militär ausgeben möchte und das könnten die Demokraten dann im Repräsentantenhaus blockieren. Aber was an der Stelle eben auch noch wichtig ist, kurzfristig, Diese neuen politischen Mehrheiten, also wenn sie wirklich zustande kommen, die gelten natürlich nicht gleich dann am nächsten Morgen nach der Wahl, sondern der neue Kongress kommt erst Anfang Januar 2027 zusammen und ich würde vermuten, in dem Fall, also wenn die Demokraten die Mehrheit gewinnen im Repräsentantenhaus, dann dürften die Republikaner versuchen mit dem alten Kongress diese höheren Ausgaben gerade für das Militär, für das Fiskaljahr 2027 noch schnell mit den alten Mehrheiten zu beschließen. Denn es ist ja so, das Fiskaljahr 2027, das ist ein bisschen ungewöhnlich für uns Europäer, aber das hat ja jetzt schon angefangen, Anfang Oktober, und dann haben die Republikaner es vermutlich ziemlich eilig.

Titus Kroder:

Das alternative Szenario, das wäre dann, was ist zu erwarten, wenn es den Demokraten gelingen sollte, beide Häuser zu kontrollieren. Nach klassischer Lesart wäre Trump dann ja schon heute ein ‚Lame Duck‘-Präsident, eine lahme Ente mit politisch nur noch geringen Spielräumen. Würde das hier zutreffen, deiner Meinung nach?

Andreas Rees:

Ja, also ich würd‘ jetzt Trump auch in dem Szenario nicht als eine ‚Lame Duck‘ sehen. Es ist natürlich schon richtig, also seine Spielräume würden sich deutlich reduzieren, zumindest in der Innenpolitik, weil ein demokratisch dominierter Kongress neue Gesetze der Trump Administration blockieren kann. Und das ist wirklich unabhängig davon, ob es jetzt um Wirtschafts- und Finanzpolitik geht oder um andere Bereiche.

Und was auch ganz wichtig ist, der Senat könnte dann auch Personalentscheidungen von Trump ablehnen, zum Beispiel wenn Richter neu besetzt werden oder Mitglieder der amerikanischen Notenbank, die in der Zentrale in Washington sitzen, oder zum Beispiel personelle Entscheidungen bei der Finanzaufsicht. Aber das muss man halt auch noch mal ganz klar sagen, Trump ist nicht machtlos, er hat ein Vetorecht gegen demokratische Gesetze. Das heißt, der Präsident und der Kongress würden sich in dem Szenario vermutlich gegenseitig blockieren. Und was man auch nicht vergessen darf, wir haben das ja in den letzten Jahren gesehen, Trump hat beträchtliche exekutive Befugnisse. Das heißt, er kann diese ‚Executive Orders‘ benutzen, um seine Politik durchzudrücken. Das hat er jetzt schon vorher gemacht, obwohl die Republikaner eine Mehrheit hatten im Kongress. Also nach meiner Einschätzung, es wäre ein Fehler, Trump abzuschreiben, selbst wenn die Demokraten beide Häuser des Kongresses gewinnen sollten.

Titus Kroder:

Ein Hinweis noch, vielen Dank für Ihr wirklich großes Interesse am Live-Podcast am 21. Oktober in München. Aufgrund der wirklich extrem hohen Nachfrage konnten wir leider nicht alle Anmeldungen berücksichtigen, aber keine Sorge, im Frühjahr 2027 ist schon eine Nachfolgeveranstaltung geplant.

Eines oder beide Häuser des Parlaments gehen an die Demokraten, 2 Szenarien und auch möglicherweise 2 Arten von Branchen, die dann am Finanzmarkt profitieren würden. Christian, welche wären das denn? Gib uns da mal den Überblick.

Christian Stocker:  

Ja, beginnen wir mit dem Szenario eines ‚Split Congress‘. Es ist für die Märkte oft der beliebteste Fall.

Titus Kroder:

Heißt, dass das Repräsentantenhaus an die Demokraten geht und der Senat so bleibt, wie er ist.

Christian Stocker:
Ja, richtig, genau. Mögliche Gewinner wären in so einem Szenario aus meiner Sicht unverändert die Stars der vergangenen Monate, also Technologiewerte, die Mega Caps, Kommunikationsdienste. Zu diesen Kommunikationsdiensten zählen Alphabet und Meta beispielsweise. Es wären die Finanzwerte, also generell eine breite Grundlage des US Aktienmarktes. Und warum ist das so? Die Wall Street liebt politischen Stillstand, viel mehr als viele glauben. Wenn sich Demokraten und Republikaner gegenseitig blockieren, dann wird es schwer, große Steuererhöhungen oder einschneidende Regulierungen durchzusetzen. Und für die Unternehmen bedeutet das vor allem Planbarkeit. Also kurz gesagt, der Lieblingswahlausgang der Börse ist oft der politische Stillstand, solange das konjunkturelle Umfeld, wie aktuell, wirklich ordentlich ist. Was für die Wähler frustrierend sein kann, ist für Investoren manchmal fast schon ein Geschäftsmodell.

Im anderen Szenario, wenn die Demokraten beide Häuser kontrollieren, dann hätten wir auf der möglichen Gewinnerseite Sektoren und Branchen im Bereich erneuerbare Energien, im Bereich Infrastruktur, Industriewerte mit Energiewendebezug oder auch Unternehmen, die eingebunden sind in die Lieferketten für Elektrofahrzeuge und Batterien, also in das gesamte Elektrifizierungsthema, das wir auch schon öfters diskutiert hatten.

Mögliche Verlierer wären dabei klassische Öl und Gasunternehmen, ein Teil der Pharmaindustrie, weil die Demokraten möglicherweise einen stärkeren Druck ausüben auf die Medikamentenpreise und auch große Technologieplattformen, die könnten von einer schärferen Regulierung denkbar belastet werden oder einen Gegenwind bekommen. Und warum ist das so? Eine demokratische Mehrheit würde tendenziell mehr staatliche Investitionen, mehr Klimapolitik und eine aktivere Regulierung unterstützen und das schafft Chancen im Bereich ‚Green Economy‘ und kann für andere Branchen der klassischen Industrie durchaus Gegenwind bedeuten.

Titus Kroder:

Denken wir mal, das Ganze weiter in Richtung Staatsschulden. Andreas, angenommen, die Demokraten dominieren nur das Repräsentantenhaus ab dem 3. November, wie schon gesagt, ein sehr wahrscheinliches Ergebnis. Wird es dann auf einmal weniger Staatsschulden geben und könnte dann der Aufwärtsdruck zum Beispiel bei den Zinsen aufhören oder sogar komplett entfallen?

Andreas Rees:

Ja, also wenn ich jetzt ehrlich bin, Titus, nee, das ist vielleicht so ein bisschen zu einfach gedacht. Also, in der Realität ist es, denke ich, komplexer und vielleicht kann ich da mal ein Beispiel nehmen mit den Militärausgaben, was ich gerade eben schon angesprochen habe. Trump will natürlich die Militärausgaben steigern und gleichzeitig ist es so, dass er alle anderen Ausgaben, die nicht im Zusammenhang mit Verteidigung stehen, die nächsten Jahre deutlich kürzen möchte.

Und die Demokraten werden das dann aller Voraussicht nach blockieren, gerade wenn es um Sozialausgaben geht. Aber ob dann am Ende wirklich weniger staatliche Schulden daraus gemacht werden, das hängt ja dann davon ab, worauf sich beide Seiten einigen können. Und da halte ich einen Kuhhandel für wahrscheinlich, bei dem dann die öffentlichen Defizite mindestens genauso stark oder vielleicht sogar noch stärker ansteigen werden als bisher. Also vielleicht ein kleines bisschen weniger fürs Militär, aber dafür mehr Ausgaben oder weniger Ausgabenkürzungen in anderen Bereichen. und das halte ich dann für das wahrscheinlichere Szenario. Also, ich glaube nicht, dass die öffentlichen Defizite wirklich stark zurückgehen werden. Die Staatsschulden werden deutlich steigen in den nächsten Jahren.

Titus Kroder:

Philip, was erwartest du denn? Was erwarten Investoren allgemein? Bei der Zinsentwicklung wird das am Anleihenmarkt so spektakulär weitergehen wie bisher. Mittlerweile haben wir bei zehnjährigen Staatsanleihen US Treasuries dieser weltweit ja wichtigen Messlatte die 5% schon ziemlich weit überschritten. Wie geht das weiter?

Philip Gisdakis:  

Der Zinsanstieg, also insbesondere der in den USA, wird ja, wie wir in den vergangenen Podcast Folgen immer wieder diskutiert haben, von im wesentlichen 3 Faktoren getrieben. Also einerseits die hohe Inflation und die Reaktion der amerikanischen Zentralbank darauf, der hohe Kapitalbedarf der Regierung, also des Finanzministers, neue Anleihen emittieren, aber eben auch private Akteure wie die ‚Hyperscaler‘, die eben Geld für den Bau von Rechenzentren brauchen.

Und aber auch der wachsende Schuldenberg der USA, der spielt natürlich auch bei den steigenden Renditen 'ne Rolle, weil das eben der Risikofaktor für Staatsanleihen ist. Viele dieser Themen haben, wie ich das vorhin schon dargelegt haben, einen Bezug zur politischen Dimension, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das Wahlergebnis hier 'ne entscheidende Richtungsänderung in den treibenden Faktoren auslöst, also das jetzt in den USA zu 'ner Haushaltskonsolidierung kommt, das ist eher unwahrscheinlich. Andreas hat es ja gerade dargelegt, dass das sehr wahrscheinlich nicht passieren wird. Also solange diese Treiber also intakt bleiben, bleibt auch der Pfad des Marktes zunächst intakt.

Das heißt jetzt aber nicht, dass die Rendite von langlaufenden Anleihen einfach unaufhaltsam weiter steigen wird, denn steigende Renditen verteuern die Finanzierung von Investitionen. Das bremst dann die wirtschaftliche Aktivität. Das ist ja auch die Idee an einer strafferen Geldpolitik und das wiederum dämpft die Inflation und die Emissionsaktivität der privaten Akteure und es gibt auch zu mindestens in der Theorie Anreize für 'ne Haushaltskonsolidierung. Mal gucken, wann die Renditen dazu hoch genug sind, bis das passiert. Ja, irgendwo ist da also dann irgendwie so 'n Gleichgewichtspunkt.

Und wenn eben das Renditeniveau so hoch ist, dass Anleger das wieder attraktiv finden und nicht mehr von deutlich weiteren steigenden Renditen ausgehen, also wenn die Renditen weiter steigen, halten sich auch bei hohen Renditen die Anleger zurück, weil steigende Renditen zu Kursverlusten führen. Also wenn da dieser Gleichgewichtspunkt erreicht ist, Renditen hoch genug und die Erwartung ist nicht mehr, dass sie so weit steigen, dann kommen eben wieder mehr Käufer in den Markt und das stabilisiert dann eben die Renditedynamik.

Und vor dem Hintergrund muss ich nur mal vor Augen führen, du hast gerade die Zahlen genannt, ja, für sowas wie 'n ‚Safe Haven Asset‘ und US Treasuries sind auch bei dem Schuldenstand immer noch sowas wie 'n globales ‚Safe Haven Asset‘, ja, bekommen wir nun auf 'n zehnjährigen Laufzeithorizont über 5%, deutlich über 5%, dass man sich für 10 Jahre einloggen kann. Das ist durchaus attraktiv und deswegen wird es da irgendwann mal zu einer Stabilisierung kommen. Aber die Wahl an sich wird jetzt aus meiner Sicht heraus wenig Anlass geben, dass sich irgendetwas an diesen zugrundeliegenden Faktoren kurzfristig ändert.

Titus Kroder:

Andreas, die künstliche Intelligenz, die KI, die hat sich ja auch zu einem Politikum par excellence in den USA entwickelt. Die Branche ruft einerseits nach Regulierung. Der Präsident schlägt das bisher komplett in den Wind, lehnt das ab. Ein Nebenschauplatz dabei ist, dass bislang über 2000 neue KI Rechenzentren in den USA entstehen sollen, meistens in ländlichen Regionen. Auf Wählerebene ist das auf jeden Fall auch ein Politikum. Wie sehr entscheidet das Thema KI diese Midterm-Wahl eigentlich mit?

Andreas Rees:

Wir wissen aus den Umfragen, dass KI schon ein Thema ist für die Wähler, auf jeden Fall. Aber es dominiert jetzt nicht den Wahlkampf, so wie die Inflation, über die wir gerade gesprochen haben. Also KI spielt immer dann eine gewisse Rolle in den Bereichen, wo es wirklich konkret wird für den Wähler. Das heißt, wir wissen aus den Umfragen, eine Mehrheit der Amerikaner ist beunruhigt über KI, weil sie längerfristig mit Jobverlusten rechnen.

Dann gibt es das Thema, was du schon angesprochen hast, Rechenzentren, also die Frage nach den hohen Stromkosten und wer für neue Kraftwerke, wer für die Netze und die Leitungen eigentlich bezahlt. Also sind das die Betreiber der Rechenzentren oder sind das die normalen Stromverbraucher? Also das ist ein wichtiges Thema.

Dann das Thema Kontrolle und Sicherheit, das ist sicherlich virulent bei KI, ist aber jetzt nicht so, glaube ich, entscheidend. Und was passiert denn jetzt eigentlich nach der Wahl mit KI und mit der Regulierung, ändert sich jetzt da was, wenn die Demokraten gewinnen, zumindest im Repräsentantenhaus? Also ändert sich was in der KI Politik, gibt es mehr Regulierung und ja, es ist halt so, wie immer im richtigen Leben, es ist kompliziert.

Also es gibt keinen einzelnen KI Schalter in Washington, den man jetzt anschalten kann oder ausmachen kann, das ist in der Realität so nicht gegeben. Also Trump kann nach meiner Einschätzung weiter sein Ding machen bei KI und über diese ‚Executive Orders‘ seine KI Politik gestalten, ohne den Kongress zu fragen. Also, wenn es um den Einsatz geht, zum Beispiel von KI im Militär oder auch um geringe regulatorische Hürden, da kann er weiterhin sein Ding machen. Was natürlich richtig ist, das Repräsentantenhaus und der Senat könnten gemeinsam strengere Regeln für KI beschließen. Allerdings kann Trump das wieder ablehnen durch sein Veto. Dazu hat er ein Recht. Die Demokraten könnten dann im Kongress dieses Veto rein theoretisch wieder überstimmen, aber nur dann, wenn sie eine Zweidrittelmehrheit im Kongress hätten. Und das ist wirklich sehr, sehr unwahrscheinlich. Also lange Rede, kurzer Sinn, auch nach den verlorenen Zwischenwahlen, wenn man das mal unterstellt, könnte Trump vieles immer noch selber bei KI steuern.

Titus Kroder:

Christian, Thema KI aus Anlegersicht, wie entscheidend ist der Wahlausgang für Investoren, die zum Beispiel stark in Tech und KI Aktien investiert sind? Mehr Regulierung, keine Regulierung oder nur wenig Regulierung? Was ist denn aus Anlegersicht da das ideale Szenario?

Christian Stocker:  

Ja, ich denke, die Technologie oder KI Investoren, die können mit allen Szenarien recht gut leben. Natürlich gibt es Unterschiede bei Regulierungen in der Wettbewerbspolitik oder bei Steuern. Die Demokraten würden tendenziell stärker regulieren, die Republikaner eher deregulieren. Aber wie Andreas schon gerade gesagt hat, Präsident Trump kann hier jeweils auch ein Wort mitreden, er kann Vetos einlegen. Also da wird sich voraussichtlich nicht wirklich ein klares Bild abzeichnen.

Aber die entscheidende Frage für die KI Unternehmen ist derzeit nicht, wer den Kongress kontrolliert, sondern wie schnell die KI Nachfrage wächst. Und die KI Investitionswelle, die ist inzwischen so groß, dass sie kaum von einer Midterm-Wahl gestoppt oder auch beschleunigt wird. Die Unternehmen, die investieren Milliarden in Rechenzentren, in Halbleiter und Software, weil sie einen technologischen Wettlauf sehen und nicht, weil sie auf einen bestimmten Wahlausgang setzen. Und drum glaube ich, manche Investoren überschätzen den Einfluss Washingtons und unterschätzen die Macht eines technologischen Paradigmenwechsels.

Ob der Kongress jetzt blau, rot oder geteilt ist, das ist oftmals egal. Wenn ein Unternehmen seine Produktivität durch KI um 20% steigern kann, dann wird es investieren. Und für viele KI Investoren gilt inzwischen, lieber ein paar Prozent mehr oder weniger Regulierung als den nächsten Technologiesprung zu verpassen. Und aus meiner Sicht, die eigentliche Wahl findet derzeit nicht in Washington statt, sondern in den Vorstandsetagen der Unternehmen.

Titus Kroder:

Philipp, sprechen wir auch noch über Gold. Das ist ein Asset, das viele im Portfolio haben. Eine Vermögensklasse hängt ja auch immer ein wenig am Anleihenmarkt dran. Beide gelten, hast du ja auch gerade gesagt, schon als sichere Häfen. Der Goldpreis ist ja in den letzten Monaten ganz ordentlich vom Rekordhoch im Januar gefallen, als noch fast 5600 Dollar auf der Uhr standen. Sollte man da durch die Midterms vielleicht auf neue Wertsteigerungen setzen?

Philip Gisdakis:  

Ja, Titus, die hohen Coupons bei den US Treasuries, die drücken schon deutlich auf die Attraktivität von Gold und das, obwohl ein wichtiger Treiber für den Goldpreis, nämlich die Inflation, ein ganz großes Thema ist. Das kann man sehr schön zeigen, wenn man auf ein relativ einfaches Modell schaut, wenn man nicht isoliert Renditen und Inflation mit Gold vergleicht, sondern die Kombination aus beiden, also die Realrendite, wenn man also sozusagen, das zehnjährige Renditeniveau nimmt und davon die zehnjährige Inflationserwartung abzieht, dann sieht man sehr schön, dass über weite Strecken in der Vergangenheit da 'ne sehr enge Korrelation war. Immer dann, wenn diese Realrendite negativ geworden ist.

Also, wenn die Inflationserwartung höher war als das Renditeniveau, war Gold stark. Und immer dann, wenn die Realrendite positiv geworden ist, wenn also die Coupons die Inflation überstiegen haben, dann war Gold schwach. Dieses Modell ist mit dem Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine komplett auseinandergebrochen und es liegt schlicht und ergreifend daran, dass die westlichen Nationen auf diesen Angriff mit Sanktionen reagiert haben und die Währungsreserven der russischen Zentralbank, die in Euro und US Dollar Wertpapieren investiert waren, eingefroren haben. Und darauf haben dann viele nichtwestliche Zentralbanken reagiert, indem sie ihre Währungsreserven eben auch in Gold diversifiziert haben, was ja auch 'n bisschen 'n dollarbasiertes Asset ist. Und da stieg dann die Nachfrage nach Gold und der Goldpreis stieg auch weiter durch das sogenannte Risiko-Debasement, haben wir auch immer wieder im Podcast thematisiert.

Und jetzt fällt der Goldpreis von einem höheren Niveau aus fundamentalen Gründen. Die Renditen steigen, aber die Inflationserwartungen, die langfristigen, steigen nicht besonders stark. Mittlerweile haben wir in den USA eine Realrendite, also die Differenz zwischen Renditen für eine zehnjährige Laufzeit und die Inflationserwartung über einen zehnjährigen Zeithorizont von über 2% und das bedeutet, dass dieser sichere Hafen Gold im Vergleich zu dem sicheren Hafen US Treasuries aufgrund der hohen Coupons, die eben die Inflationserwartung auch noch deutlich übertreffen, unattraktiv wird und deswegen fällt der Goldpreis.

Titus Kroder:

Mit hohen Coupons sind hohe Verzinsung der Anleihen gemeint. Andreas, deutsche Unternehmen interessiert ja, abschließend noch kurz diskutiert, an dieser Wahl natürlich auch, ob die Zollpolitik in den USA sich ändern wird nach der Zwischenwahl am 3. November. Was kannst du da abschließend den Markt-Briefing Hörern mitgeben? Wird da Bewegung reinkommen? Wird sich da grundlegend was ändern?

Andreas Rees:

Oh, Titus, das ist jetzt eine schön einfach zu beantwortende Frage. Die Antwort heißt: Nein, da ändert sich leider nichts. Also, genau, um das noch mal kurz zu erklären, Trump ist ja bei seiner Zollpolitik durch den Supreme Court Anfang des Jahres zurechtgestutzt worden. Das heißt, er kann jetzt nicht mehr über so 'ne Art Notstandsgesetzgebung über Nacht die Zölle ändern, so wie er das gerade mag.

Aber Trump kann sich halt immer noch auf andere Gesetze stützen und dann entsprechend über diese Gesetze die Zölle rechtfertigen. Und da ist das Argument zum Beispiel nationale Sicherheitsinteressen der USA. Also die Zölle, die bleiben unserer aller Voraussicht nach erhalten und selbst wenn der Senat auch an die Demokraten gehen würde und der Kongress würde neue Zollgesetze auf den Weg bringen, wenn das wirklich der Fall wäre, dann kann Trump hier wieder auch einfach sein Veto einlegen. Also nein, es ändert sich leider nichts.

Titus Kroder:

Die Midterms, das klingt immer so ein wenig nach harmloser Halbzeitpause im amerikanischen Politikkalender. Es steckt aber doch schon mehr drin als erwartet. Allerhand Anleger- und Wirtschaftsblickrichtungen sind damit verbunden. Deshalb haben wir uns das heute mal ganz genau angesehen. Das ganz große Beben dürfte ausbleiben, so sagen die HVB Experten voraus, und ein positives Szenario für die Aktienmärkte scheint durchaus wahrscheinlich, zumindest für bestimmte Branchen.

In 2 Wochen melden wir uns wieder mit einem neuen Markt-Briefing. Ab 19. Oktober steht die nächste Ausgabe bereit. markt-briefing@unicredit.de, dahin richten Sie bitte Ihre Wünsche und Anregungen. Das war es von uns von Christian Stocker, Andreas Rees, Philip Gisdakis und Titus Kroder. Liken und teilen Sie das HVB Markt-Briefing, wo immer Sie es hören. Machen Sie es gut und bis zum nächsten Mal.