Spezialausgabe: Ungarn vor der Richtungswahl - Bedeutung für Europa und die Märkte.
Eszter Gárgyán:
Eigentlich gibt es kein Wirtschaftswachstum in Ungarn seit 2022.
Die Konsumnachfrage bleibt weiterhin im Wachstum, aber das war nicht stark genug, um einen deutlichen Aufschwung im Bruttoinlandsprodukt mitzubringen.
Philip Gisdakis:
Der Ausgang der Wahl ist nicht nur wichtig für Budapest, sondern auch sehr relevant für Brüssel.
Nächstes Jahr wird ja auch in Frankreich gewählt und ein Sieg von Fidesz könnte eben bedeuten, dass Ungarn bei den Budgetverhandlungen auf europäischer Ebene möglicherweise Europa ein wenig unter Druck setzt in einem politisch sehr wichtigem Zeitraum.
Nikolaus Barth:
Herzlich willkommen zur neuesten Ausgabe des HVB Markt-Briefings.
Mein Name ist Nikolaus Barth, ich bin Wertpapier- und Börsenexperten bei der HypoVereinsbank, und ich begrüße Sie sehr herzlich zu dieser Folge.
Schön, dass Sie wieder dabei sind.
Am 12. April, dem Sonntag nach Ostern, wählt Ungarn mit seinen knapp 10 Millionen Einwohnern ein neues Parlament. Der Wahlkampf ist mittlerweile in die heiße, manche sagen sogar in die siedendheiße Phase eingetreten.
Ministerpräsident Viktor Orbán, seit 2010 im Amt, stellt sich zum vierten Mal zur Wiederwahl und als Vertreter der Fidesz-Partei hat er zumindest Wiederwahlchancen. Sein Herausforderer ist Peter Magyar, 45 Jahre alt und Spitzenkandidat der Tisza-Partei. Laut Umfragen ist ein Regierungswechsel möglich. Die Wahl hat sicher auch Auswirkungen auf Europa, oder? Für mich Grund genug, abseits der anderen geopolitischen Lagen einmal nachzufragen.
Und nachfragen darf ich heute bei Eszter Gárgyán, Global Investment Strategin für Mittel- und Osteuropa im Team der UniCredit seit 2023 und uns heute aus Budapest zugeschaltet, und bei Philip Gisdakis, Chef-Anlagestratege der HypoVereinsbank.
Schön, dass ihr beide euch heute die Zeit für uns nehmt.
Eszter Gárgyán:
Hallo Nikolaus, hallo zusammen, einen schönen Tag aus Budapest.
Nikolaus Barth:
Ja, Eszter, du hast ein bisschen geschmunzelt bestimmt, als ich die Namen jetzt gesagt habe.
Wir haben im Vorfeld Philip und ich uns schon darüber unterhalten und ’ne schlaflose Nacht hinter uns, dass wir die Namen richtig aussprechen.
Ich hoffe, das war einigermaßen o.k.
Eszter Gárgyán:
Ja, das war völlig o.k.
Nikolaus Barth:
Starten wir gleich mit der Wahl in Ungarn. Was steht bei den Wahlen in Ungarn auf dem Spiel und wann können wir denn mit ersten Ergebnissen rechnen?
Eszter Gárgyán:
Es ist eine entscheidende Parlamentswahl, ob Viktor Orbáns Fidesz-Partei, die seit 2010 in Regierung steht, an der Macht bleibt oder gelingt es, der neuen Tisza-Partei, den politischen Durchbruch, der bisher den Oppositionsparteien nicht gelungen ist.
Die Stimmenauszählung geht in Ungarn in der Regel ganz schnell. Wir können schon bereits am Wahltag, am Spätabend, die ersten Ergebnisse erwarten. Diese bedeuten ein vorläufiges Ergebnis und spätestens in den Morgenstunden haben wir schon ein klares Bild über die Ergebnisse. Im Fall von sehr knappen Ergebnissen kann es aber noch eine ganze Woche dauern, bis alle Briefwahlen gezählt werden und wir ein offiziellen Ergebnis bekommen.
Nikolaus Barth:
Wie aussagekräftig sind denn die Meinungsumfragen und welche Szenarien gibt es aktuell?
Eszter Gárgyán:
Es steht eine ziemlich große Unsicherheit um die Umfragen. Die unabhängigen öffentlichen Umfragen zeigen, dass die Oppositionspartei Tisza zwischen 10 bis über 20 Prozent vor der regierenden Fidesz steht, also zwischen 40 bis 50 Prozent für Tisza gegen ungefähr 30 Prozent Unterstützung für Fidesz.
Es gibt aber auch regierungsnahe Meinungsforscher und die zeigen, dass Fidesz vor 4, 5 oder 6 Prozent liegt.
Und da gibt es noch eine große Frage, ob eine dritte Partei es ins Parlament schafft.
Das wäre die rechtspopulistische Partei Mi Hazánk, das bedeutet „unsere Heimat“.
Laut Umfrage steht sie genau an der 5-Prozent-Hürde. Im Fall eines ganz knappen Ergebnisses könnte diese kleine Partei als Königsmacher auftreten.
Nikolaus Barth:
Nun sind Umfragen das eine, das Wahlsystem das andere. Könnte aus dem Wahlsystem heraus vielleicht noch eine Überraschung kommen?
Eszter Gárgyán:
Ja, das Wahlsystem in Ungarn kompliziert auch die Prognosen. Von insgesamt 199 Parlamentsmandaten werden 106 in einzelnen Wahlkreisen verteilt und dieses System begünstigt immer die stärkste Partei. Fidesz hat diese Wahlkreise mehrmals umstrukturiert. Das bedeutet, dass die Anzahl der Wähler in den größeren Städten, wo die Opposition eine deutliche Mehrheit hat, deutlich höher ist als in kleineren Städten oder Dörfern, wo Fidesz dominiert.
Nikolaus Barth:
Auf welche Themen setzt denn die aktuelle Regierungspartei im Wahlkampf?
Eszter Gárgyán:
Fidesz, die Regierungspartei, konzentriert sich deutlich auf außenpolitische Narrative.
Hier steht die Frage im Mittelpunkt: Frieden oder Krieg. Das ist insbesondere mit Blick auf den Krieg in der Ukraine. Fidesz hat auch eine klare euroskeptische Tonalität. Ungarn möchte weder finanzielle noch militärische Unterstützung für die Ukraine geben. Und Fidesz stellt sich vor als eine Versicherung für Stabilität und eine Versicherung, dass Ungarn sich nicht in diesen Krieg einmischt. Dabei blockiert die Fidesz-Regierung häufig Entscheidungen auf EU-Ebene, wenn es um Ukraine-Hilfen oder russische Sanktionspakete geht.
Von Tisza steht ein starker Fokus auf einer deutlichen Pro-EU-Ausrichtung. Tisza verspricht, dass sie ganz schnell die eingefrorenen EU-Gelder entsperren wollen und sie wollen auch ziemlich schnell in die Eurozone eintreten, also den Euro in Ungarn einführen. Tisza steht auch für eine starke Antikorruptionsagenda und eine Verfassungsreform. Das bedeutet, dass die Wiederherstellung der rechtsstaatlichen Institutionen auch auf der Top-Agenda von Tisza steht.
Nikolaus Barth:
Für mich zusammenfassend: Auf der einen Seite ein starker Fokus auf die Außenpolitik, auf der anderen Seite stärker Europa und Innenpolitik. Welchen Einfluss hat denn der aktuelle Konflikt im und um den Iran auf diese Positionen im Wahlkampf?
Eszter Gárgyán:
Eigentlich ganz wenig. Es wird viel von der Bedrohung höherer Energiepreise gesprochen, aber das ist eher im Zusammenhang mit der russischen Öl- und Gasversorgung und weniger mit dem Iran.
Nikolaus Barth:
Jetzt hast du die Brücke zur wirtschaftlichen Entwicklung gebaut. Lass uns doch mal einen Blick darauf werfen. Wo ist Ungarn denn besonders stark und wie sieht eigentlich das Wirtschaftswachstum in Ungarn aus?
Eszter Gárgyán:
Eigentlich gibt es kein sichtbares Wirtschaftswachstum in Ungarn seit 2022. Die Investitionen sind besonders stark geschrumpft. Auf der Exportseite steht auch ein starker Rückfall. Das hängt eher mit der europäischen Autoindustrie und deren Herausforderungen zusammen. Die Konsumnachfrage bleibt weiterhin im Wachstum, aber das war nicht stark genug, um einen deutlichen Aufschwung im Bruttoinlandsprodukt mitzubringen.
Es gibt auch einen sehr starken Fokus auf Direktinvestitionen, neben den großen deutschen Autoherstellern auch von chinesischen Investoren in Autoindustrie und Batterieproduktion.
Nikolaus Barth:
Jetzt hast du gesagt, die Wirtschaft lahmt, sie stagniert seit 2022. Ich würde erwarten, dass die Wirtschaftspolitik im Wahlkampf eine große Rolle spielt. Mindestens in deinem Eingangsstatement dazu habe ich das nicht vernommen. Welche Rolle spielt denn die Wirtschaftspolitik jetzt im Wahlkampf?
Eszter Gárgyán:
Ich würde sagen, insgesamt ist die Wirtschaftspolitik eher auf dem zweiten Platz.
Diese außenpolitische Narrative und ob EU-skeptisch oder pro EU, steht deutlich im Fokus, eher als wirtschaftliche Fragen.
Wirtschaftlich orientiert sich Fidesz weiterhin auf niedrigere Energiepreise. Zum Beispiel die Haushaltsenergiepreise sind in Ungarn seit 2013 festgelegt, ohne Veränderung. Fidesz hat auch eine extra 14. Monatsrente für die Rentner versprochen und gibt starke familienpolitische Förderung durch Steuergutschriften und subventionierte Hypotheken für Familien.
Dagegen im Tisza-Narrativ steht ein starker Fokus auf den öffentlichen Dienstleistungen. Gesundheitssystem, Infrastruktur, Bildungssystem sollen entwickelt werden. Ein großer Teil der Einwohner findet, dass dies das wichtigste Problem für Ungarn ist.
Tisza verspricht auch Steuersenkungen, zum Beispiel eine Mehrwertsteuersenkung bei Lebensmitteln und Medikamenten. Ungarn hat eine der höchsten Mehrwertsteuern von 27 Prozent, das betrifft auch alle Grundlebensmittelprodukte. Da gibt es Raum für eine Senkung. Und eine Anhebung des Mindestlohns und Steuersenkungen für Geringverdiener. Das soll die Lebensqualität für Geringverdiener verbessern.
Nikolaus Barth:
Philip, jetzt nehmen wir dich in die Diskussion mit rein. Wie siehst du denn Ungarn als Stratege und vor allem, welche Bedeutung hat es für die europäische Politik?
Philip Gisdakis:
Ja, Nikolaus, der Ausgang der Wahl ist nicht nur wichtig für Budapest, sondern auch sehr relevant für Brüssel.
Wenn man sich überlegt, dass Ende 2026 die Verabschiedung des neuen mehrjährigen Finanzrahmens ansteht, sieht man, welche Bedeutung die politische Dimension für die europäische Wirtschaft hat. Nächstes Jahr wird ja auch in Frankreich der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin gewählt. Ein Sieg von Fidesz könnte bedeuten, dass Ungarn bei den Budgetverhandlungen auf europäischer Ebene ein Druckmittel erhält und damit Europa unter Druck setzt in einem politisch wichtigen Zeitraum.
Wir haben auch gesehen, dass Ungarn in den vergangenen Jahren mehrfach europäische Entscheidungen blockiert hat, zum Beispiel die Hilfen für die Ukraine oder Sanktionspakete gegen Russland.
Ein Machtverlust von Fidesz könnte rechtspopulistische Kräfte im Europäischen Parlament schwächen, insbesondere die sogenannte „Patrioten für Europa“-Gruppe.
Ganz kurz zur Einordnung:
- Die Rechtspopulisten im Europaparlament sind keine homogene Gruppe.
- Die größte ist „Patrioten für Europa“ um den Rassemblement National (Marine Le Pen).
- Dazu gehört auch Fidesz.
- Daneben gibt es die EKR (Europäische Konservative und Reformer) mit Fratelli d’Italia.
- Und „Europa der souveränen Nationen“.
Also Fidesz gehört sozusagen zur größten Gruppe und auch zu der um Marine Le Pen und die ist natürlich für Europa und für das Europäische Parlament schon von großer Bedeutung.
Nikolaus Barth:
Eszter, wir haben jetzt schon von dir gehört, welche Wirtschaftssektoren für Ungarn eine wichtige Rolle spielen. Aber jetzt stellen wir die Frage noch mal anders.
In welchen Wirtschaftssektoren ist Ungarn besonders wichtig für die Europäische Union?
Eszter Gárgyán:
Ja, das ist auch eine gute Frage. Das muss man betonen, dass Unternehmenssteuern und Löhne in Ungarn immer noch sehr niedrig sind und deswegen attraktiv für globale Unternehmen. Das allgemeine Unternehmenssteuerniveau liegt nur um 9 Prozent, deswegen kommen immer noch viele Direktinvestitionen nach Ungarn.
Ungarn ist ein wichtiger Automobilzulieferer der europäischen Industrie. Zwei große deutsche Autohersteller haben vor kurzem neue Produktionskapazitäten in Ungarn ausgebaut.
Ungarn baut auch große Batterieherstellerkapazitäten aus und wird in Zukunft ein wichtiger Batterielieferant für den gesamten Automobilsektor der EU sein. Ungarn ist auch stark im Dienstleistungsbereich, in Geschäftsdienstleistungen, weil die niedrigeren Löhne und die attraktive Qualität der Arbeitnehmer Ungarn zu einem attraktiven Standort im Geschäftsdienstleistungsbereich machen.
Nikolaus Barth:
Also niedrige Steuern, gut ausgebildete Arbeitnehmer auf der einen Seite sprechen für Investitionen in Ungarn, aber auf der anderen Seite haben wir auch gehört, dass vor allem in der Automobilindustrie die Transformation zu elektrobetriebenen Automobilen eine Schlüsselrolle hat.
Philip, Ungarn verfügt ja noch als eines der wenigen EU-Mitglieder – Polen ist ja zum Beispiel noch zu nennen – über eine eigene Währung. Wir haben schon gehört, dass die Opposition einen schnellen Beitritt zum Euro plant.
Kannst du uns noch einmal aufklären, wie hat sich denn die Währung in den letzten Jahren entwickelt und welchen Einfluss haben eigentlich die Zinsen?
Philip Gisdakis:
Der ungarische Forint war in den letzten Jahren, insbesondere nach der Corona-Pandemie beziehungsweise im Zuge des Krieges in der Ukraine, eher schwach.
Das war eben auch die Phase, die Eszter beschrieben hat, charakterisiert durch Nullwachstum. Da hat der ungarische Forint 10–15 Prozent gegenüber dem Euro abgegeben. Wenn man das einordnend vergleicht mit anderen Staaten, dann wird das besonders deutlich.
Hier nimmt man sehr gerne die sogenannten Visegrád-Staaten plus Rumänien hinzu.
Visegrád ist eine Stadt etwa eine Stunde nordwestlich von Budapest, also in Ungarn.
Zu diesen Visegrád-Staaten gehören vier Länder: Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Und man nimmt da ganz gerne auch noch Rumänien mit hinzu. Wenn man diese Länder vergleicht, fällt ein Land raus, ein Sonderweg, nämlich die Slowakei. Sie ist 2009 zur Eurozone beigetreten, hat also ihre geldpolitische Souveränität an die EZB abgegeben und damit das Wechselkursrisiko für ihre exportorientierte Wirtschaft eliminiert.
In den anderen vier Ländern gelten Polen und Tschechien als Stabilitätsanker. Der polnische Zloty war in den letzten Jahren eher seitwärts. Die tschechische Krone hat deutlich zugelegt gegenüber dem Euro. Sie gilt als der sichere Hafen der CEE-Länder.
Der Forint ist zusammen mit dem rumänischen Leu schwächer. Wobei man sagen muss, dass der rumänische Leu sehr eng gesteuert wird, ein sogenannter „Managed Float“.
Du hast nach den Zinsen gefragt: Die sind in Ungarn relativ hoch. Die ungarische Zentralbank – deren Namen ich auf Ungarisch jetzt nicht auszusprechen wage – hat eher einen Zinsschild aufgestellt, relativ hohe Zinsen, und versucht, sich damit gegen eine Abwertung zu wehren. Aktuell, wenn ich es richtig gesehen habe, 23 Tage vor dem Ausbruch des Irankriegs, wurde der Zins von 6,5 Prozent auf 6,25 Prozent gesenkt. Auch die Staatsanleihezinsen sind relativ hoch. Vor dem Irankrieg lagen sie bei 6,4 Prozent. In der Spitze bei siebeneinhalb. Jetzt wieder knapp unter sieben Prozent.
Der ungarische Forint gilt als eine der volatilsten Währungen im CEE-Raum. Ungarn hat von den genannten fünf Ländern die höchste Staatsverschuldung. Zur Einordnung: etwa 75 Prozent der Staatsschulden zum BIP in Ungarn. Polen, Slowakei und Rumänien etwa 60 Prozent, Tschechien etwa 45 Prozent. Also der ungarische Forint hier in dem Reigen der Vergleichsstaaten eigentlich eher schwach.
Nikolaus Barth:
Aber ungefähr das gleiche Niveau wie Deutschland.
Philip Gisdakis:
Die Staatsverschuldung, ja ungefähr das gleiche Niveau wie Deutschland und man sieht eben auch, dass das Land, wie gesagt, als sicherer Hafen gilt, Tschechien mit 'ner Staatsverschuldung von 45% hier deutlich besser dasteht.
Nikolaus Barth:
Generell seht ihr ja die Schwellenländer aktuell positiv. Jetzt möchte ich nicht Osteuropa gleichsetzen mit Schwellenländern, aber trotzdem die Frage stellen, wie schaut es denn mit den osteuropäischen Ländern aus und wie haben die sich in den letzten Jahren entwickelt, vielleicht auch im Vergleich zu Ungarn?
Philip Gisdakis:
Also hier ist vielleicht auch mal ganz wichtig, zunächst einmal die Größe der Wirtschaft einzuordnen und die hängt natürlich an der Anzahl der arbeitenden Menschen, wenn man ungefähr davon ausgeht, dass das Pro-Kopf-Einkommen von der Größenordnung ungefähr dasselbe ist, ich komm da gleich drauf zu sprechen.
Die Anzahl der Einwohner da ganz, ganz grob wieder holzschnittartig. Also Polen ungefähr 40.000.000 Einwohner, Rumänien ungefähr 20.000.000 Einwohner, Tschechien Ungarn ungefähr 10.000.000 Einwohner und Slowakei ungefähr 5.000.000.
Das kann man sich schon merken, das geht sozusagen halbierend immer runter von Polen, Rumänien, Tschechien, Ungarn und Slowakei, also von 40 auf 5 runter.
Ganz grob das Pro-Kopf-BIP und hier zieh ich jetzt sozusagen, um die Währungseffekte entsprechend vergleichen zu können, die Kaufkraftparitäten als Wechselkurse heran. Also nicht die Kapitalmarktwechselkurse, sondern die Kaufkraftparitäten. Da hat Ungarn aktuell ungefähr ein Pro-Kopf-Einkommen von 50.000 US-Dollar. Also Kaufkraftparitäten geht immer gegen den US-Dollar, Tschechien von 60.000, Polen circa 55.000 und die Slowakei und Rumänien ungefähr in derselben Größenordnung wie Ungarn, ich glaub 'n bisschen unter 50.000 US Dollar auch entsprechend in Ungarn.
Was aber wichtig ist, ist wenn man das jetzt im historischen Vergleich einordnet, dann sieht man, dass vor 10-15 Jahren war Ungarn in dieser Vergleichsgruppe dieser 5 osteuropäischen Nationen mal fast ganz vorne und ist über die Jahre hinweg eigentlich mehr oder weniger nach hinten durchgereicht worden, liegt jetzt mehr oder weniger gleichauf im Pro-Kopf-Einkommen mit Rumänien an 4., 5. Stelle.
Und wie Eszter das schon gesagt hat, in den vergangenen 2,3 Jahren, also Post-Corona beziehungsweise Energiekrise, Ungarn, Krieg, ist Ungarn nicht gewachsen, die Wirtschaft ist stagniert, während sie in den anderen vergleichbaren Staaten deutlich gewachsen ist, 3, 4, 5% zum Teil.
Nikolaus Barth:
Also das heißt, hier im Vergleich zeigt sich, dass Ungarn in den letzten Jahren ja nach hinten durchgereicht wurde, fast abgehängt wurde. Also spannend, dass die anderen sozusagen Ungarn überholt haben in der Entwicklung, vor allem bei der Beschleunigung des Wirtschaftswachstums.
Eszter, welche Marktreaktionen sind jetzt eigentlich nach der Wahl denkbar?
Eszter Gárgyán:
Ja, wir denken, nach der Wahlen kann es zu höheren Marktvolatilität kommen. Das liegt genau an den Unsicherheiten. Und Philip hat schon über die höheren Risikoprämien, also die höheren Renditen an Staatsanleihen gesprochen und höheren Staatsschulden von Ungarn gesprochen. Wenn es zu einer neuen Regierung kommt, dann können die EU-Gelder sehr viel dabei helfen, dass diese Staatsverschuldung schneller sinkt, dann wird auch die fiskalische Anpassung viel leichter für die jeweilige Regierung sein.
Und wenn es zu einer kurzfristiges Euro-Einführungsziel auch genannt würde, das kann auch weiteren Aufschwung für den ungarischen Forint geben. Also wir erwarten, dass die Risikoprämien, also das ist genau diese Mehrrendite im Vergleich zu mehr sicheren Anlagen, wie zum Beispiel deutsche Bundesanleihen. Diese Risikoprämien können deutlich geringer werden. Und der ungarische Forint kann sich aufwerten, wenn es um eine Pro-EU-Regierung kommt.
Nikolaus Barth:
Also vor allem der Blick auf die Anleihen und auf die Währungen spannend.
Philip, jetzt haben wir ja von dir schon gehört, dass einige osteuropäische Länder mit relativ hohen Wachstumsraten glänzen. Ungarn ist da eher im Schlusslicht im Vergleich dieser Länder. Trotzdem 'ne Frage, warum habt ihr eigentlich Ungarn und Osteuropa generell in der Vermögensverwaltung nicht allokiert?
Philip Gisdakis:
Zunächst mal muss man sagen, dass die osteuropäischen Länder sowohl auf der Anleihen als auch auf der Aktienseite durchaus interessant sind und attraktive Renditen darstellen und Eszter ist also da immer bei uns in der Vermögensverwaltung sehr stark mit dabei, uns das nahezulegen, aber wir haben das Problem, dass die Märkte relativ klein sind und wenn man sich mal nur die Marktkapitalisierung anschaut, also der mit Abstand größte Aktienmarkt in dieser Region dieser 5 genannten Staaten ist Polen, die Marktkapitalisierung an der polnischen Börse liegt in der Größenordnung bei 700 Milliarden US Dollar und das ist auch klein im Vergleich zum Beispiel zum DAX, der ja auch schon mehr oder weniger kleiner Markt ist, 2,7 Billionen US Dollar Marktkapitalisierung.
Also die Märkte sind relativ klein und deswegen ist es schwierig mit einem Investmentvehikel, das relativ groß ist, wie unsere Vermögensverwaltung in kleine Märkte zu investieren, ohne die Märkte entsprechend zu bewegen. Und es gibt auch noch nicht viele, das liegt auch eben sozusagen an der Größe beziehungsweise eben nicht vorhandenen Größe dieser Märkte, nicht viele Portfolioinvestmentvehikel wie Fonds und ETFs, in denen man investieren kann, die dann eben 'ne entsprechende Größe haben.
Also durchaus interessant und der eine oder andere Investoren, Anlegerin findet es sicherlich interessant, aber für ein breit diversifiziertes global investierendes Vehikel, ist der Markt relativ klein und der Anteil, den man dann investieren würde, würde dann eben auch sozusagen die Performance-Uhr dieser Investments nicht bewegen.
Also muss man natürlich noch mal zur Einordnung sagen, 700 Milliarden US-Dollar, das ist klingt viel, ist aber nicht viel. Das ist wahrscheinlich die Top 5 des DAX, einmal zusammengenommen, also die 5 größten Aktien, dann haben wir schon den Gesamtmarkt von Polen und Ungarn ist ja noch mal ein bisschen kleiner, wie du es gesagt hast.
Nikolaus Barth:
Jetzt haben wir viel über Ungarn gesprochen. Das war heute unser Plan.
Wenn ich von heute rede, wir zeichnen diesen Podcast am 2. April auf und sind am Vormittag. Jetzt haben wir letzte Nacht eine Rede von Donald Trump gehört, in den Vereinigten Staaten zum aktuellen Konflikt mit dem Iran. Man konnte sozusagen wieder alles rauslesen, aber es klang wie eine kurzfristige Verschärfung.
Entsprechend haben die Aktienmärkte heute Nacht ja schon reagiert und heute Morgen auch. Sind rot gestartet. Wie positionierst du dich jetzt in der Vermögensverwaltung oder ihr euch in der Vermögensverwaltung vor dem Osterwochenende? Was erwartet ihr?
Philip Gisdakis:
Ja, es ist 'n Auf und Ab, Nikolaus, und wir positionieren uns zunächst mal so, dass wir auf diese Schlagzeilen nicht wahnsinnig viel geben. An einem Tag wird verkündet, dass der Krieg quasi vorbei sei und am nächsten Tag wird verkündet, dass er also noch mal verschärft werde. Der Krieg ist vorbei, wenn er vorbei ist und welche wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Krieg dann hat, bleibt ja auch noch abzusehen, selbst wenn der Krieg vorbei ist, wurde ja zwischendrin auch immer wieder kolportiert, dass die USA den Krieg beenden könnten, ohne sich darum zu kümmern, ob die Straße von Hormus wieder offen oder zu sei und das sollten dann andere Nationen dieses Problem lösen.
Also das wird uns sicherlich noch an den Kapitalmärkten länger beschäftigen.
Wir positionieren uns so, dass wir uns vorsichtig aufgestellt haben und vorsichtig bedeutet in diesem Fall neutral. Also das heißt, wir haben ein neutrales Gewicht zu unserer Benchmark. Warum ist das vorsichtig, weil auf der einen Seite natürlich die Downside-Risiken hoch sind von einer Verschärfung, Verbreitung des Krieges, möglicherweise weitere Schäden an Energieanlagen im Persischen Golf.
Es gibt aber auch Upside Risiken. Das heißt, wenn dieser Krieg relativ schnell vorbei sein sollte, das haben wir in den letzten Tagen eben auch gesehen, dann kann es eben sein, dass die Kurse relativ schnell auch nach oben gehen. Und das muss man entsprechend eben mit berücksichtigen, deswegen neutral positioniert und wie gesagt, diese Schlagzeilen, die sorgen dann für Tagesvolatilität, aber der Krieg ist erst dann vorbei, wenn er wirklich vorbei ist.
Nikolaus Barth:
Es bleibt also wichtig, dass wir im Gespräch bleiben und so viel kann ich Ihnen versprechen, das werden wir.
An dieser Stelle herzlichen Dank, Eszter. Vielen Dank, Philip. Wir sind zunächst gespannt, wie die Wahlen am nächsten Wochenende ausgehen und wir werden dann sehen, wie Ungarn entschieden hat.
Wenn Sie mögen, können Sie einige der Aussagen, die wir heute getroffen haben, gerne auch in Grafiken nachvollziehen, die ich den Shownotes beifügen werde.
Wir freuen uns natürlich auch auf Ihr Feedback und Ihre Fragen. Gerne per E-Mail unter markt-briefing@unicredit.de. Und natürlich freuen wir uns auch, wenn Sie das HVB Markt-Briefing abonnieren oder weiterempfehlen überall dort, wo es Podcasts gibt. Freuen Sie sich auf ein Wiederhören mit Titus Kroder, Christian Stocker, Andreas Rees und Philip Gisdakis. Und wir hören uns auch wieder, wenn Sie mögen, bei einer der nächsten Gelegenheiten.
Heute danken wir Ihnen fürs Zuhören und Mitdenken und es verabschieden sich Nikolaus Barth, Eszter Gárgyán, Philip Gisdakis.