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HVB Markt-Briefing vom 26. Januar 2026

Schon wieder vom Eis: Wie lange hält das wirtschaftliche Grönland-Tauwetter?

Andreas Rees:

Wie stabil ist der Deal? Das Ganze ist noch nicht ausgestanden. Die Verhandlungen zwischen den USA, Dänemark und Grönland, die haben ja gerade erst angefangen und da müssen wir weiter abwarten.

Philip Gisdakis:

Unsere Strategie aktuell ist es, Schwellenländer im Übergewicht zu haben. Wie gesagt, die große Frage ist, ob man da nicht perspektivisch deutlich mehr Gewicht hingeben muss.

Titus Kroder:

Hallo, das Team Markt-Briefing meldet sich einmal mehr mit aktuellen Analysen und Einschätzungen der HVB-Experten.

Ja, dieser Winter ist besonders frostig und das natürlich vor allem geopolitisch betrachtet. Bei uns geht es heute deshalb um ein Stück Eis, wie US-Präsident Donald Trump Grönland genannt hat, und seine Folgen. Tagelang waren die Positionen im Nervenkrieg rund um die größte Insel der Welt quasi eingefroren und dann schmolz der Grönland-Konflikt zwischen den USA und der EU überraschend schnell dahin, als wäre da gar nichts gewesen.

Eine merkwürdig gespannte Ruhe herrscht nun heute am Aufnahmetag dieses Podcast am 23. Januar und wir fragen uns, welchen Reim sollen wir uns denn nun wirtschaftlich und aus Sicht der Finanzmärkte auf diese Blitzeinigung machen? Lauert gleich nach der Entschärfung der tiefsten transatlantischen Krise seit Jahrzehnten nicht schon der nächste Zollkrieg und welche Druckmittel haben eigentlich die Europäer gegenüber den USA und zwar über die Finanzmärkte.

Die HVB Experten Andreas Rees und Philip Gisdakis sind bei mir.

Andreas, hallo zunächst, die erste Frage geht gleich an dich, an den Chefvolkswirt der HVB.

Da hatten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, als Trump sprach, ja wirklich alle den Atem angehalten. Was würde er zu Grönland sagen? Wie konkret würde er sogar eine militärische Annexion in den Raum stellen? Und dann war der Konflikt plötzlich wie weggeblasen.

Was ging durch den Kopf eines Ökonomen, als plötzlich über die Ticker lief, dass Trump und NATO-Chef Rutte sich einig sind über Grönland. Was hast du da gedacht?

Andreas Rees:

Ja, hallo Titus, ehrlich gesagt, war ich halb erleichtert und halb besorgt, erleichtert, weil na ja, die unmittelbare Eskalation, die ist jetzt vermieden worden, gerade was die Zollerhöhung anbelangt, das wird jetzt erstmal zumindest kurzfristig nicht kommen. Und das ist 'ne gute Nachricht, wir reden ja beim Handel zwischen den USA und Europa über den größten bilateralen Block innerhalb der Weltwirtschaft. Wenn da die Zölle hochgehen, dann betrifft das Wachstum, Lieferketten und so weiter in Europa, aber auch gerade in den USA, genau das, was wir jetzt im Moment wirklich überhaupt nicht gebrauchen können, gerade aus deutscher Perspektive mit unserer Exportabhängigkeit, das ist jetzt vermieden worden.

Aber ich war gleichzeitig auch besorgt, weil die große Frage bleibt natürlich, wie stabil ist so ein Deal unter Donald Trump wirklich. Gestern haben wir die Deeskalation erlebt, morgen kommt dann vielleicht die nächste Kehrtwende. Das Ganze ist ja noch nicht ausgestanden, weil die Verhandlungen zwischen den USA, Dänemark und Grönland, die haben ja gerade erst begonnen, da muss man mal abwarten.

Titus Kroder:

Philipp, herzlich willkommen auch an dich. Aktien rauf, Gold runter, das klassische Muster einer Entspannungsrallye sahen wir nach dieser ja massiven geopolitischen Zuspitzung und Anspannung. Deine Einschätzung als Chief Investment Officer, als oberster Stratege in der Vermögensverwaltung der HVB, ist für Investoren beim Thema Grönland die Kuh endgültig vom Eis, wenn man das mal so zum Thema passend ausdrücken möchte?

Philip Gisdakis:

Ja, Titus, die Märkte haben sich schon wieder beruhigt, zu mindestens Aktien und Anleihen. Es gibt aber schon Marktsegmente, wo die Folgen dieser Grönlandepisode noch sichtbar sind. Ja, insbesondere auf der Währungsseite, der US Dollar hat ja ein weiteres Stück abgeschwächt und der Euro gegenüber dem U.S. Dollar nach wie vor stärker als vor dem Wochenende, in dem die Ankündigung von Donald Trump kam.

Auch weil du den Goldpreis angesprochen hast, ist 'n bisschen zurückgekommen, aber nach wie vor ist Gold sehr nahe an Allzeithochs und zum Zeitpunkt der Aufzeichnung sind wir nur ein bis 2% unter der 5000 US Dollar Marke.

Was aber bei einer Marktentwicklung jetzt in der, sag ich mal, Davos-Woche wichtig ist, ist, dass es eben nicht nur diese Grönlandthematik gab, die die Märkte beschäftigt haben, sondern auch noch was anderes war. Und das hat gerade bei den langlaufenden Staatsanleihenrenditen erhebliche Auswirkungen gehabt. Ich spreche von Japan. Das kann man ein bisschen durcheinander bringen, denn an dem Dienstag in der Davos-Woche, an dem die Märkte sehr nervös waren, sind die langlaufenden US Staatsanleihen, die Renditen stark angestiegen, die Kurse gefallen und es haben einige Kommentatoren eben diesen Entwicklungen zu Grönland zugeschrieben.

Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass sozusagen dieser deutliche Renditeanstieg in Japan angefangen hat, die dreißigjährigen und vierzigjährigen japanischen Staatsanleihen stark in der Rendite angestiegen sind und danach dann erst die anderen Entwicklungen kamen. Und das lag daran, dass in jener Woche die japanische Premierministerin Neuwahlen angekündigt hat und ein nicht gegenfinanziertes Steuersenkungs- und Stimulus Programm angekündigt hat. Will jetzt nicht näher in die Details gehen, aber die Märkte haben sowas Ähnliches wie diesen sogenannten Liz Truss Moment gehabt, aus dem Oktober 2022, als die damalige britische Premierministerin auch nicht gegenfinanzierte Stimulus Programme, Steuersenkungsprogramme angekündigt hat, sondern die Staatsanleihenrenditen durch die Decke gegangen sind, weil eben dann die Regierung hätte zusätzliche Schulden aufnehmen müssen. Das Ganze wurde dann wieder beruhigt, auch Eingreifen der Notenbank in Großbritannien und dann ultimativen Rücktritt der britischen Premierministerin.

Es hat sich jetzt auch wieder 'n bisschen beruhigt, aber das darf man davon nicht trennen, ein Teil der Volatilität an den Staatsanleihen, Märkten kam eben auch aus Japan. Aber generell, es ist so, wie der Andreas das auch gesagt hat, es herrscht so ein bisschen gespannte Ruhe, weil wir eben nicht wissen, ist das Ganze jetzt tatsächlich schon ausgestanden und was könnte da zeitnah noch mal kommen.

Titus Kroder:

Mhm, Andreas, mehr als eine Woche dauerte das akute Kräfteringen um Grönland, dänische Politiker reisten nach Washington, Trump postete ein Meme von sich, wie er die US Flagge ins ewige Eis rammt, dann seine hochumstrittene Rede in Davos. Wir hatten es schon angesprochen, was bleibt von einer so heißen politischen Auseinandersetzung ökonomisch eigentlich übrig? Was sind aus deiner Sicht unmittelbare Folgen für die Weltwirtschaft in 2026?

Andreas Rees:

Ich sehe jetzt keine signifikanten negativen Effekte auf die Weltwirtschaft in diesem Jahr. Ja klar, die geopolitische Unsicherheit ist jetzt halt wieder gestiegen und es war auch noch mal ein Lehrstück dafür, wie schnell sich so was aufschaukeln kann und wie aggressiv Trump seine Forderungen formuliert und alles mit allem vermischt, unter anderem halt auch mit den Zöllen.

Aber ich denke, es gibt auch einen wirtschaftlichen Gewöhnungseffekt.

Die Unternehmen wissen ja sehr wohl, dass wir in einer Welt von großen Umwälzungen geopolitischer Unsicherheit leben und viele konzentrieren sich auf ihr operatives Geschäft und das geopolitische Umfeld kann man eh nicht verändern. Insofern glaube ich schon, wenig negative Auswirkungen.

Trump setzte ja im ersten Jahr seiner Amtszeit Zölle, wie es ihm gerade einfiel. Wir erinnern uns noch an 1.4. 2025, den Liberation Day Tarifs, das sei sein liebstes Wort im Lexikon, hat er immer wieder gesagt.

Titus Kroder:

Und jetzt deiner Einschätzung nach, zumindest für dieses Jahr, ist nun Schluss mit weiteren Zollsalven in Richtung Europa, ist der transatlantische Handelskrieg nun komplett abmoderiert aus deiner Sicht?

Andreas Rees:

Ich befürchte, dass das Zollrisiko nicht vom Tisch ist und zwar vielleicht wegen Grönland, aber nicht unbedingt deshalb, sondern auch wegen des Handelsdeals zwischen der Europäischen Union und den USA, der im Juli letzten Jahres geschlossen worden ist. Er ist ja immer noch nicht ratifiziert worden vom Europäischen Parlament.

Aber das große Problem, was ich hier sehe bei diesem Deal, das ist die Umsetzungsfrage. Europa hat sich in dem Paket zu sehr ambitionierten Zusagen bekannt, um den Deal abschließen zu können, unter anderem große Investitionen in den USA, viel Energie in den USA kaufen, aber das hängt ganz entscheidend von den privaten Akteuren ab und nicht von den politischen Zusagen. Die Unternehmen in Europa entscheiden, ob wo und wieviel sie investieren und wie viel oder wo sie ihre Energie kaufen. Und meine große Sorge ist, dass Trump in dem Jahr irgendwann dann die Rechnung aufmachen wird, wenn die Europäer ihre Zusagen nicht einhalten, dann könnte die nächste Runde aus Vorwürfen und Zolldrohungen kommen.

Da sehe ich schon eine große Gefahr. Und außerdem haben wir noch weitere Konfliktfelder, die Europäer wollen zum Beispiel die amerikanischen Tech-Unternehmen stärker regulieren, die Amerikaner wollen das nicht. Da könnte noch die ein oder andere Zolldrohung aus den USA kommen.

Titus Kroder:

Mhm, Trump hat sich in Davos ja selbst über den grünen Klee gelobt, wie gut er die US Wirtschaft angeblich wieder in Schwung gebracht hat. Wo denkst du, wird nun sein Fokus sein und wie robust ist eigentlich die US Ökonomie derzeit?

Andreas Rees:

Ja, ich erwarte schon, dass Trump jetzt nach Davos sich stärker auf innenpolitische Themen konzentrieren wird, auch gerade mit dem Blick auf die Zwischenwahlen im November diesen Jahres. Aus einer ökonomischen Perspektive, die US Wirtschaft ist trotz der Turbulenzen, man darf ja nicht vergessen, wir hatten auch noch den Government Shutdown, bislang sehr robust geblieben, aber es gibt Schwachstellen. Wir haben einmal den Arbeitsmarkt in den USA, der Beschäftigungsaufbau, der hat an Dynamik verloren, es werden keine Jobs abgebaut, aber er verlangsamt sich.

Dann 'ne weitere Baustelle, das ist die Inflation. Ich würde sogar sagen, das ist wirklich die größte Baustelle, ökonomisch gesehen, die kommt nicht so richtig runter. Wir liegen immer noch bei etwa rund 3% und das ist einfach zu hoch. Und hier, genau hier, entsteht dann auch der politische Druck. Trump will niedrigere Zinsen und greift die Fed frontal an und gleichzeitig steht dann die amerikanische Notenbank von der klassischen Abwägung, die Inflation ist zu hoch, der Arbeitsmarkt kühlt sich graduell ab und geopolitisch haben wir Handelsrisiken und das könnte dann die Inflation nach oben treiben und auch wachstumsdämpfend wirken. Das ist so im Moment die Gemengenlage.

Was vielleicht noch kurzfristig sehr wichtig ist, wir haben jetzt Ende Januar eine Fed-Tagung, die Fed wird über den Leitzins entscheiden und aller Voraussicht nach wird sie erst mal abwarten, keine weitere Zinssenkung.

Titus Kroder:

Vor Weihnachten haben ja auch schon ausführlich über die Notenbank Fed gesprochen, die US Notenbank, deren Unabhängigkeit hat Trump ja ebenso aufs Korn genommen wie die Unabhängigkeit Grönlands. Trump wäre es am liebsten, die Notenbank in Washington würde genau das machen, was er sagt, nämlich die Zinsen noch deutlich stärker senken.

Siehst du die Chancen, dass sich dieser Konflikt, ähnlich vielleicht wie im Fall Grönland, in Luft auflöst und wie steht es eigentlich derzeit um die Unabhängigkeit der Fed?

Andreas Rees:

ich weiß nicht, wie das am Ende ausgehen wird. Das sind alles sehr ungewöhnliche Vorgänge, die wir jetzt erleben, Terra Incognita sozusagen. Was zuletzt positiv war aus Sicht der Fed, war die Anhörung im Fall der Fed Gouverneurin Lisa Cook vor dem Supreme Court.

Trump will ja Frau Cook feuern, angeblich weil sie falsche Angaben gemacht hat bei der Beantragung eines Hypothekendarlehens. Die Richter klangen jetzt bei der Anhörung nicht so richtig überzeugt davon, dass Trump wirklich etwas in der Hand hat und einen triftigen Grund hat, Frau Cook zu entlassen. Und was ich wirklich positiv finde, die Richter haben klargemacht, dass es hier nicht nur um eine Personalie geht, sondern es geht um das Prinzip der institutionellen Unabhängigkeit der amerikanischen Notenbank. Aber wie gesagt, das war eine Anhörung, das Urteil, das kriegen wir zuerst zu einem späteren Zeitpunkt.

Und dann die zweite Baustelle, die wir haben, wenn es um die amerikanische Notenbank geht. Zuletzt hat ja Jerome Powell bekannt gemacht, dass er, aber auch andere Fed-Offizielle vom amerikanischen Justizministerium Vorladungen bekommen haben zu einer Grand Jury und das ist verbunden mit einer Drohung strafrechtlicher Schritte.

Es geht mir nicht so leicht von der Zunge, muss ich sagen, ist alles sehr ungewöhnlich. Im Fall geht es auf den ersten Blick um Renovierungskosten für Gebäude der Fed. Der rechtliche Ausgang, der ist natürlich offen, aber was real ist, das ist der Einschüchterungseffekt. Es gibt ein Signal an die amerikanische Notenbank, an die Fed-Mitglieder, der ist ganz klar, wenn er das nicht tut, was wir wollen, sprich was Donald Trump will, starke Zinssenkung, dann wird es ungemütlich.

Was ich hier positiv finde, es gibt eine Gegenreaktion der amerikanischen Politik im Kongress. Auch viele Republikaner sind mit dem Vorgehen nicht einverstanden und haben jetzt auch damit gedroht, den Kandidaten für die Nachfolge von Jerome Powell im Senat zu blockieren. Donald Trump kann den Kandidaten benennen, er kann ihn nominieren, er braucht aber die Zustimmung dazu im amerikanischen Senat.

Vielleicht noch mal zur Erinnerung, Powells Amtszeit als Fed-Vorsitzender, die läuft im Mai aus. Der Favorit als Nachfolger, der war bislang Kevin Hassett, über den haben wir auch schon gesprochen. Genau, aber nach den neuerlichen Attacken der Trump-Administration auf die Fed glaube ich, dass jetzt seine Chancen etwas gesunken sind. Trump hat zuletzt gesagt, dass er Hassett gerne als seinen wirtschaftspolitischen Chefberater behalten möchte. Vielleicht gibt es da ein bisschen Gegenwind und auch ein Umdenken von Trump, aber ich glaube, lange Rede, kurzer Sinn, was uns vermutlich erhalten bleiben wird, Trump wird einen Kandidaten nominieren, der starke Zinssenkung befürwortet, so wie er selbst.

Um diese ganze epische Saga jetzt abzuschließen, Titus, für mich ist die Frage, ob die Fed unabhängig bleibt oder nicht, eine der ganz großen Entscheidungen in diesem Jahr aus wirtschaftlicher Sicht, vielleicht sogar die größte in 2026. Trump hat zuletzt Gegenwind gekriegt, aber was wirklich am Ende dabei rauskommt, das ist vollkommen offen.

Titus Kroder:

Philipp, dich gefragt nach der Fed. Wir hatten ja da in Washington sicher in den letzten Tagen und Wochen alle möglichen Ausgänge und Szenarien der Grönlandkrise vorbereitet. Wie sehen Investoren denn nun das Thema Unabhängigkeit der Federal Reserve und hat sich durch diese Krise vielleicht auch etwas an den Zinserwartungen der Märkte geändert?

Philip Gisdakis:

Ja Titus, an den Markterwartungen bezüglich der Entscheidung der Federal Reserve hat sich nicht viel verändert. Der Markt preist aktuell 2 Zinssenkungen ein, bis auf ungefähr 3%, das geht aus meiner Sicht heraus in Ordnung.

Das würde bedeuten, die amerikanische Zentralbank senkt die Zinsen auf die neutrale Rate beziehungsweise auf das, was die Zentralbankgouverneure des F.O.M.C. tatsächlich selbst als neutrale Rate ansieht.

Es hat allerdings eben auch an den Märkten durch aus Volatilität an den Staatsanleihenmärkten gegeben, haben wir schon drüber gesprochen, die waren aber zum Teil durch Japan induziert. Was das Problem aus meiner Sicht bezüglich der Diskussion zur Unabhängigkeit der amerikanischen Zentralbank ist, wir hatten das in einem Podcast auch schon mal entsprechend angesprochen, ist meine Sorge, dass aufgrund der Produktivitätssteigerung aus künstlicher Intelligenz es durchaus nötig sein könnte, in gar nicht so ferner Zukunft eine lockere Geldpolitik zu fahren, weil eben Produktivitätssteigerungen aus KI inflationsreduzierend wirken könnten.

Und wie Allen Greenspan dann eben damals in den 90er Jahren auch mit dem ersten Internetboom dann eben eine lockere Geldpolitik gefahren hat, dass das eben wieder notwendig sein könnte, dass aber eben diese lockere Geldpolitik in Verruf geraten sein könnte, weil sie eben unter dem Vorwurf stehen könnte, das liegt an der mangelnden Unabhängigkeit der Zentralbank und das könnte natürlich schon Probleme aufwerfen, denn wenn dann die Geldpolitik aus Sicht der Märkte zu locker wäre, dann hätte das Auswirkungen auf das lange Ende der Kurve, so langlaufende Renditen würden steigen und der US Dollar würde weiter schwächer werden und das könnte natürlich dann schon wieder Druck in den Märkten entsprechend ausüben.

Titus Kroder:

Eine lockere Geldpolitik, das ist, wenn in der Tendenz die Zinsen relativ niedrig angesetzt werden, eigentlich das, was Trump haben möchte. Weil wir gerade über Staatsanleihen gesprochen haben, so um den Davos-Gipfel herum, sind die Risikoaufschläge bei der Verzinsung der dreißigjährigen US Staatsanleihen stark gestiegen. Ein europäischer Analyst hatte kurz zuvor argumentiert, Europa könne in der Grönlandkrise die USA doch schlicht durch einen Massenverkauf von US Staatsanleihen unter Druck setzen.

Ist sowas überhaupt realistisch und was war denn dann der Grund? Du hast schon erwähnt, Japan hat eine Rolle gespielt für diesen auffälligen Zinsanstieg am langen Ende der amerikanischen Laufzeiten.

Philip Gisdakis:

Ja, da gab es natürlich eine ganze Reihe Kommentare zu diesem Thema.

Ich sag mal, der Kern der Kommentare dreht sich darum, dass das natürlich nicht so einfach wäre oder sogar vermutlich unmöglich wäre, das als eine koordinierte Maßnahme zu fahren seitens der Europäischen Kommission beispielsweise, denn diese Anleihen befinden sich ja zum überwiegenden Teil im Privatbesitz, im Besitz einzelner Anleger, aber auch zu m Teil in Fonds. Und die Europäische Kommission oder jede andere europäische Regierungsorganisation kann natürlich nicht anweisen, dass jetzt Anleihen entsprechend konzertiert verkauft werden.

Aber man muss dazu sagen, dass sozusagen diese Diskussion darüber in den USA schon für Nervosität gesorgt hat, bis hin dazu, dass Donald Trump selbst auch noch mal sich geäußert hat auf Truth Social, glaube ich, indem er gesagt hat, so etwas wäre möglich, würde aber natürlich eine massive Strafaktion der USA nach sich ziehen.

Was ich wichtig finde dabei ist, dass die USA selbst schon auch eine gewisse Mitschuld an dieser Diskussion haben. Und da ist das Stichwort Mar-A-Lago-Accord zu nennen. Wir haben auch darüber in dem Podcast mal gesprochen. Der Mar-A-Lago-Accord ist sozusagen ein Konzept von Stephen Miran. Das ist die Person, die aktuell für Donald Trump im Federal Reserve Rat sitzt und der hat eben ein Konzept erarbeitet, das aus 3 Säulen besteht, nämlich einem schwächeren US Dollar, höheren Zöllen, die die amerikanische Wirtschaft anregen sollten, in den USA in Produktion zu investieren und eben auch das Konzept, dass Staatsanleihen US Treasuries, die im Besitz von ausländischen Investoren sein könnten, ausländische Gläubiger, dass die eben restrukturiert werden könnten, dass sie dazu verpflichtet werden, längere Laufzeiten und niedrigere Coupons zu akzeptieren.

Und das wäre natürlich schon etwas, was ein großes Problem wäre. Und sollte sich sozusagen die Situation zwischen Europa und USA verschärfen, dann könnten Anleger diese Sorge haben, dass sie dann in US Treasuries gefangen sein könnten und dann vorsichtshalber Anleihen verkaufen.

Wie gesagt, das sind alles hypothetische Überlegungen, ist auch nicht steuerbar, hat aber durchaus für Sorge in den USA gesorgt oder zumindestens für Kommentare seitens des Präsidenten und auch des Finanzministers.

Titus Kroder:

Mar-a- Lago ist ein Ort in Florida und auch die Homebase von Präsident Trump.

Der kanadische Premierminister Mark Carney, der hat ja in Davos dafür plädiert, dass sich die wirtschaftlich mittelgroßen Länder, etwa zum Beispiel Kanada, aber eben auch Deutschland oder Frankreich, künftig stärker von den Verflechtungen mit den USA lösen sollten oder damit zumindest rechnen sollten, dass sie das müssen.

Hätte das nicht auch Auswirkungen auf die Finanzmärkte, auch darauf zum Beispiel, wo Anleger dann ihr Geld investieren?

Philip Gisdakis:

Ja, Titus, ich glaube durchaus, dass das Auswirkungen hätte, allerdings eher langfristig als kurzfristig.

In diesem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass man sich das, was Mark Carney gesagt hat, tatsächlich noch mal im Detail anschaut.

Ich zitiere das gleich generell, der Ratschlag, sich die Rede mal in Gänze anzuschauen, die ist tatsächlich interessant. Aber ich zitiere jetzt mal, was Marc Carney diesbezüglich gesagt hat.

Er hat gesagt, ins Deutsche übersetzt: 'In den letzten zwei Jahrzehnten hat eine Reihe von Krisen in den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Energie und Geopolitik die Risiken einer extremen globalen Integration offenbart. In jüngerer Zeit jedoch haben Großmächte begonnen, wirtschaftliche Integration als Waffe, Zölle als Druckmittel, Finanzinfrastruktur als Zwangsmittel und Lieferketten als Schwachstellen, die es auszunutzen gilt, einzusetzen. Man kann nicht in der Lüge des gegenseitigen Nutzens durch Integration leben, wenn Integration zur Quelle der eigenen Unterordnung wird.‘

Der letzte Teil ist natürlich schon relativ stark und zielt so 'n bisschen darauf ab, über das, was wir eigentlich auch in Deutschland, in Europa, immer wieder diskutiert haben, das De-Risking von China zum Beispiel, dass wir die Abhängigkeit von Lieferketten und so weiter von China zum Beispiel in Europa adressieren müssten.

Die Rede von Carney bezieht das eben auch auf die USA und das Interessante dabei ist natürlich, dass für eine Volkswirtschaft wie die Deutsche, die eben sehr stark davon profitiert hat, die große Integration in globale Lieferketten und Absatzmärkte zu haben, so eine Transformation natürlich nicht einfach wäre. Aber auch umgekehrt ist es so, dass amerikanische Firmen europäische Märkte als wichtige Absatzmärkte haben, insbesondere die Finanzindustrie, amerikanische Banken und Finanzdienstleister, aber eben auch IT Unternehmen, Technologieunternehmen beispielsweise oder eben auch die Social-Media-Unternehmen. Und wenn sich das entwickeln würde, auch zum Beispiel, eine stärkere digitale Souveränität würde entstehen, mehr Rechenzentren in Europa und so weiter.

Ja, dann hätte das natürlich schon auch langfristig negative Auswirkungen auf die US-Unternehmen, die diese Dienstleistungen bisher haben anbieten und auch weltweit dominieren. Und das hätte dann natürlich auch auf die globalen Kapitalmärkte Auswirkungen, weil das sind ja die größten Unternehmen der Welt, die auch in den allermeisten Portfolios von Anlegerinnen und Anlegern weltweit drinnen sind.

Titus Kroder:

Mhm, du sagst es, du hast es erwähnt, über Abkopplungen sprechen wir ja auch immer wieder beim Thema Technologie. Die großen Firmennamen, die man so kennt aus den USA, die beherrschen unsere digitalen Märkte in Europa als Dienstleister und auch als Innovatoren.

Nun kommt ja als nächster Innovationsschritt die Revolution rund um die künstliche Intelligenz, beziehungsweise ist schon voll im Gang, diese Revolution. Aber gerade da können wir uns doch eine Abkopplung bisher überhaupt nicht leisten, oder?

Philip Gisdakis:

Da hast du recht. Die Tatsache, dass wir bei KI Infrastruktur, Rechenzentren, aber auch bei KI Software, global nicht wirklich wettbewerbsfähig sind in Europa ist natürlich für die europäische Wirtschaft schon auch ein Problem, das es zu adressieren gilt.

Aber neben diesen beiden Blöcken, KI Softwareanbieter und KI Rechenzentren, die sogenannten Hyperscaler, spielt bei KI ja eine zunehmende Rolle. Tatsache, dass Geschäftsmodelle anderer Firmen, die direkt mit KI nichts zu tun haben, durch den Einsatz von KI optimiert werden kann, zum Beispiel bei Finanzdienstleistern, aber auch bei anderen Geschäftszweigen. Und da muss man sagen, dass die Entwicklung, über die wir immer wieder gesprochen haben, zum Beispiel das mögliche Risiko einer Blase bei den Hyperscalern, dazu führt, dass vermutlich das Angebot von Rechenleistung und KI-Dienstleistern sehr groß ist.

Und das könnte ja bedeuten, dass diejenigen Unternehmen, die eben KI einsetzen für ihre Unternehmenszwecke, relativ günstigen Zugang dazu bekommen werden, denn die Unternehmen werden Absatzmärkte suchen müssen, die ihnen eben diese Rechenkapazitäten anbieten und es sieht danach aus, als wären eben deutliche Überkapazitäten ausgebaut und wie gesagt, bezüglich KI hätten wir ein ähnliches Szenario wie zum Beispiel bei Energie bei Erdöl.

Da wir in Europa kein Erdöl oder nur sehr geringfügig produzieren, sondern eher ölimportierende Länder sind, tut uns ein niedriger Ölpreis nicht weh, sondern der unterstützt uns und Überkapazitäten bei KI, wenn sie weltweit geschafft werden, würden eben diesbezüglich auch das Leben eher einfacher machen, als wenn eben knappe Kapazitäten entstehen würden.

Titus Kroder:

Noch kurz, was bedeutet das alles, was wir jetzt besprochen haben: die Folgen der Grönland-Krise für die Anlagestrategie eines europäischen Investors, zum Beispiel bei euch in der Vermögensverwaltung?

Philip Gisdakis:

Ich glaube, eine Schlussfolgerung ist klar, wir müssen noch stärker diversifizieren und das bedeutet insbesondere, wir müssen die Schwellenländer stärker in den Fokus nehmen, was wir übrigens auch in unserer aktuellen Strategie getan haben.

Im Moment ist es so, dass die großen Anleger, Asset Manager, darüber reden, wie viel wollen wir in Nordamerika und wie viel wollen wir in Europa anlegen und vielleicht auch noch in Japan, in den Industrieländern der Pazifikregion und die Schwellenländer, die sind dann irgendwie eine kleine Nische, die mit 3,5 oder 7% bespielt wird.

Ich glaube, wir müssen langfristig oder mittelfristig den Anteil an Schwellenländern und damit eine deutlichere globalere Diversifikation deutlich nach oben nehmen, das heißt, die Anlegerinnen und Anleger, die sehr, sehr stark in den USA investiert sind, die sollten vermutlich perspektivisch, das ist jetzt kein Aufruf, das jetzt zu tun, sondern werden perspektivisch darüber nachdenken, aus US Assets in Schwellenländer diversifizieren und solche, die sehr stark europa-lastig sind, die werden vermutlich aus Europa perspektivisch dann in Schwellenländer diversifizieren, Schwellenländeraktien, aber auch Anleihen kaufen.

Unsere Strategie aktuell ist es, Schwellenländer im Übergewicht zu haben, das heißt, wir gehen bereits in diese Richtung. Allerdings ist es immer noch so, dass Schwellenländer auch im Übergewicht bei uns eher noch ein Nischenthema sind, unter 10% des Portfolios ausmachen.

Und wie gesagt, die große Frage ist, ob man da nicht dann perspektivisch deutlich mehr Gewicht hingeben muss.

Titus Kroder:

Trump, Davos und die Folgen. Danke für eure Einschätzungen.

Das Eis ist geschmolzen, aber dass die derzeit wieder etwas entspannte geopolitische Weltlage schnell wieder überfrieren könnte, dass Donald Trump die für ihn typische Verquickung von geopolitischen und handelspolitischen Manövern auch rasch wieder aufleben lassen könnte, das ist gerade in einem so wichtigen Wahljahr in Amerika wohl nicht ganz auszuschließen.

Ich denke, das HVB Markt-Briefing wird hier noch öfter ansetzen, analysieren und seine Schlüsse ziehen müssen. So viel von uns. In 14 Tagen sind wir wieder am Start für Sie, um die wirtschaftliche Großwetterlage einzuordnen. Dann hoffentlich mit weniger Frost geopolitisch und auch gerne auf dem Thermometer.

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Tschüss und bis zum nächsten Mal sagen Andreas Rees, Phillip Gisdakis und Titus Kroder.