Spezialausgabe: Wie der Iran-Krieg die Weltwirtschaft stresst - aber legt er sie auch lahm?
Philip Gisdakis:
Ja, die Schlagzeilen sind dramatisch, und wenn diese Energieunterbrechung langfristig oder längerfristig wäre, dann hätte das dramatische wirtschaftliche Auswirkungen. Aber im Moment ist der Stress noch nicht so hoch, deswegen ist es noch nicht lang genug und der Stress nicht groß genug, dass da wirklich diesbezüglich schon was passieren kann.
Andreas Rees:
Wir haben jetzt für Deutschland die Wachstumsprognose 2026 etwas nach unten genommen. Wir erwarten jetzt ein Plus von 1,0 Prozent vor USA, Iran, da waren es 1,2 Prozent. Wenn der Krieg deutlich länger dauern sollte, dann werden wir weiter anpassen müssen.
Christian Stocker:
Panik ist immer ein schlechter Ratgeber. Was wir jetzt wissen mit den aktuellen Gas- und Ölpreisen, wir werden am Aktienmarkt nicht in einen nachhaltigen Abwärtstrend kommen.
Titus Kroder:
Willkommen zum HVB Markt-Briefing der HypoVereinsbank. Ich bin Titus Kroder, und das Podcast Team liefert Ihnen ein Update über das Thema Irankrieg und die möglicherweise dramatischen Folgen für die Weltwirtschaft. Ein schnelles Ende des Konflikts scheint nicht in Sicht. Das Regime in Teheran kündigt mittlerweile einen Ölpreis von 200 Dollar an.
Das ist zum Zeitpunkt unserer Aufnahme, Donnerstagmittag, 12. März, natürlich erstmal Propagandagetöse. Der Ölpreis liegt derzeit knapp unter 100 Dollar, und da hat offenbar auch nicht geholfen, dass mittlerweile massive Ölreserven international mobilisiert wurden, um den Preis zu dämpfen. Der Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran geht unvermindert weiter.
Es gibt viel menschliches Leid in der Region, es schlagen weiterhin iranische Geschosse in Nachbarländern ein, und auch die Straße von Hormus, die so wichtig ist für die Energiewirtschaft, ist nach wie vor nicht befahrbar. In dieser weiterhin unklaren Gemengelage rückt nun vor allem der Ölpreis in den Mittelpunkt. Dieser Preis ist die wirtschaftliche Achillesferse der industrialisierten Welt. Er könnte einen Konjunkturknick, einen neuen Inflationsschub und auch einen Rutsch an den Finanzmärkten auslösen. Aber wie wahrscheinlich ist das überhaupt?
Bei mir ist das Expertenteam der HVB:
Andreas Rees, Christian Stocker und Philip Gisdakis.
Ihr lasst Konjunktur, Energie und Finanzmärkte in diesen unruhigen Tagen nicht aus den Augen.
Ich grüße euch zur Update-Episode Iran.
Andreas Rees:
Hallo, grüßt euch.
Christian Stocker:
Hallo zusammen.
Philip Gisdakis:
Hallo, ich grüße euch.
Titus Kroder:
Die Kriegsparteien schütten weiterhin täglich Öl ins Feuer, um im Bild zu bleiben. Das sieht gerade nicht gut aus, politisch und militärisch. Die Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur IEA werden nun 400.000.000 Barrel Öl in den Markt geben. Der Ölpreis soll damit gedämpft werden.
Was bringt das denn, Andreas? Was sagst du als HVB Chefökonom? Der Ölpreis ist als Reaktion ja eher noch weiter gestiegen. Kann man mit so einer Aktion eine neue Energiekrise verhindern?
Andreas Rees:
Ich glaube schon, Titus, dass das etwas bringt, denn wir hatten Anfang der Woche die ersten Gerüchte über die Freigabe der Ölreserven, und daraufhin ist der Ölpreis stark gefallen. Wir waren kurzfristig fast bei 120 US-Dollar pro Fass, und dann ist es wieder runtergegangen. Für mich ist die Freigabe der strategischen Ölreserven, das sind 400.000.000 Barrel, ein mutiger und sinnvoller Schritt. Es ist die größte Freigabe in der Geschichte der Internationalen Energieagentur und mehr als doppelt so viel wie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Man könnte noch mehr freigeben. Es gibt rund 1,2 Milliarden Barrel an öffentlichen Reserven.
Aber klar ist, diese Reserven können einen langanhaltenden Ausfall nicht vollständig ersetzen. Es fehlen pro Tag etwa 20.000.000 Barrel durch die Blockade der Straße von Hormus. Zum Glück haben wir neben den öffentlichen Reserven auch kommerzielle Reserven, Industriebestände in den OECD-Staaten. Die liegen bei rund 2,8 Milliarden Barrel. Diese Läger muss man berücksichtigen, und es soll mehr Öl fließen, auch durch Pipelines in Saudi-Arabien.
Allerdings sind die Kapazitäten begrenzt, und das Problem ist, dass die Tanker das Öl in Yanbu abholen müssen, einem Hafen am Roten Meer. Wenn die Tanker Richtung Asien fahren, könnten sie möglicherweise angegriffen werden. Das darf man nicht vergessen.
Aber zurück zur Frage: Entscheidend ist nicht die gesamte Summe der Ölreserven, sondern welche Länder besonders betroffen sind. In Deutschland müssen wir uns keine Sorgen machen. Deutschland hat letztes Jahr nur 6 Prozent seines Öls aus dem Nahen Osten bezogen und so gut wie kein LNG aus Katar. Japan und Südkorea sind stärker betroffen. Stand heute trägt die Freigabe der Reserven zur Beruhigung des Ölmarktes bei, und wir kaufen uns Zeit.
Titus Kroder:
Mit solchen Ölpreisanstiegen sind Befürchtungen über steigende Inflationsraten verbunden. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat gemeldet, dass die EU-Kommission nun sogar 3 Prozent Inflation in der EU für möglich hält, deutlich höher als derzeit.
Wie sehen das die Ökonomen der HVB?
Andreas Rees:
Das ist eine Möglichkeit. Wir haben unsere Inflationsprognose unter anderem für die Eurozone und für Deutschland angepasst auf zweieinhalb Prozent von 2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2026. Dabei haben wir keinen Ölpreis von 100 Dollar unterstellt, sondern ein geringeres Niveau. Kurzfristig, auf Monatsbasis im März und April, könnten wir über 3 Prozent liegen, je nachdem, wie sich die Energiepreise in den nächsten Tagen und Wochen entwickeln.
Wir haben auch ein Risikoszenario durchgespielt, in dem wir annehmen, dass die Öl- und Gaspreise dauerhaft auf einem deutlich höheren Niveau bleiben, beim Öl über viele Monate kräftig über 100 US-Dollar pro Fass. In dem Fall wäre die Inflation im Jahresdurchschnitt deutlich über 3 Prozent, in Deutschland und Europa.
Titus Kroder:
Christian, Frage an dich. Im letzten Podcast hattest du zwei Szenarien aufgemacht.
Erstens: schnelles Ende des Krieges und damit schnelle Einstiegsmöglichkeiten für Anleger.
Zweitens: der Krieg zieht sich hin, und die Aktienmärkte kommen immer wieder unter geopolitischen Druck.
Du bist leitender Aktienstratege der HVB. Wie siehst du das heute? Welche Branchen stehen akut im Feuer an der Börse?
Christian Stocker:
Titus, das ist die zentrale Frage.
Ich denke, wir haben das moderate Szenario nicht verlassen. Wie Andreas gesagt hat, Ölpreis aktuell knapp unter 100, Anfang der Woche waren wir bei 120. Das zeigt, der Ölpreis ist noch in einem Bereich, in dem man sagt: O. K., es ist gefährlich, wir haben eine Krise, es herrscht Unsicherheit. Aber als Krisenindikator war es Anfang der Woche schlimmer.
Wenn ich mir die Aktienkurse anschaue: Panik sieht anders aus.
Wir sind zwar von den Hochkursen Ende Februar im Euro Stoxx 50 um 5 bis 6 Prozent gefallen, seit Jahresanfang aber unverändert. Der S&P 500 ist rund 1 Prozent im Minus seit Jahresanfang. Interessant ist, dass die Emerging Markets, die ja am stärksten von der Energieabhängigkeit belastet sind, seit Jahresanfang immer noch 7 Prozent im Plus sind, obwohl sie die letzten Tage am stärksten verloren haben. Panik sieht anders aus. Wir haben ein handhabbares Umfeld, zumindest for the time being.
Die Öl- und Gasversorgung ist weitestgehend gesichert, wie Andreas erklärt hat, speziell für Europa und die USA. In Asien kann es hier und da hapern, aber unterm Strich ist die Energieversorgung gesichert. Das heißt, die Aktienmärkte können kalkulieren: Wir haben ein Preisproblem, wir haben einen Preisschock, höhere Inflation, möglicherweise geringeres Wachstum, aber damit kann die Börse umgehen.
Die Unsicherheit Anfang der Woche war ein anderes Szenario. Das wäre das negative, adverse Szenario, wenn Ölpreise über 120 für Monate anhalten würden. Dann müssten wir damit rechnen, dass die Kurse in Europa und den USA auf die Niveaus vom Spätsommer zurückfallen, also 7–8 Prozent vom aktuellen Stand weg.
Zu deiner Frage: Welche Sektoren sind betroffen? Der Energiesektor hat sich positiv entwickelt, rund 5 Prozent im Plus seit Ende Februar. Die energieabhängigen Sektoren sind deutlich im Minus:
- Automobilhersteller
- Chemiesektor
- Finanzunternehmen, besonders Banken, weil höhere Inflation höhere Zinsen bedeuten könnte, was negativ wäre.
Ein typisches Bild: Defensive, konjunkturunabhängige Sektoren performen besser, verlieren weniger als zyklische Sektoren. Ein wichtiger Sektor ist der Hightech-Bereich:
- künstliche Intelligenz
- Hardware-Hersteller entwickeln sich weiterhin stark
- Elektrifizierung, Ausbau der Elektromobilität
- Materialsektor und Rohstoffe, etwa Kupfer.
Die Nachfrage nach Rohstoffen ist strukturell hoch und bleibt es auch in den nächsten Jahren.
Erneuerbare Energien sind ein großes Thema. Die Krise zeigt die Notwendigkeit, unabhängiger von Öl- und Gaslieferungen zu werden, in Europa und global. Erneuerbare Energien bescheren Unabhängigkeit. Auch in den USA ist das ein großes Thema. Der Präsident ist zwar ein Befürworter fossiler Energien, aber die Unternehmen investieren stark in erneuerbare Energien. Das sind Bereiche, in denen man die aktuellen Kurse nutzen kann, wenn man mittel- bis langfristig orientiert ist. Also: Rohstoffe, erneuerbare Energien — Zukunftsthemen, die man aus strukturellen Gründen nutzen kann.
Titus Kroder:
Philip, du bist gerade in Nürnberg für Kundengespräche und nimmst in einer Pause hier bei uns im Podcast teil. Frage an dich als HVB-Chefanlagestrategen. Du hattest im letzten Podcast gesagt: Wenn bis Ende dieser Woche kein Kriegsende real in Sicht kommt, dann könnte sich die Sicht der Investoren deutlich pessimistischer gestalten. Ist das jetzt soweit? Kippt die Stimmung an den Märkten? Wie siehst du das?
Philip Gisdakis:
Titus, meine Antwort ist ähnlich konstruktiv wie die von Christian, und auch in den Kundengesprächen zeigt sich ein Meinungsspektrum. Es gibt welche, die vorsichtiger sind. Es gibt aber auch Kundenmeinungen, die sagen: „Komm, lasst uns die Gelegenheit nutzen und günstig einsteigen.“ Ich wäre da etwas vorsichtiger als die ganz Optimistischen. Denn das Szenario ist ungünstiger geworden.
Warum ungünstiger? Weil sich abzeichnet, dass der Weg zur Beendigung dieses Krieges schwieriger sein könnte, als man noch Mitte der letzten Woche erwartet hätte. Nichtsdestotrotz gehe ich davon aus, dass alle Beteiligten ein Interesse daran haben, diesen Konflikt eher schneller zu beenden als ihn zu verlängern.
Im Portfolio groß umzusteuern ist problematisch, denn einerseits hat es schon eine Reaktion an den Märkten gegeben. Wenn man jetzt umsteuert, weil man auf ein adverses Szenario setzt, also ein wirklich schlechtes Szenario, dann müsste man das Portfolio ganz anders umbauen als vor ein, zwei Wochen. Vor ein, zwei Wochen sah es noch so aus, dass man Portfolios so gestaltet:
- USA etwas abbauen
- US-Dollar untergewichten
- stärker nach Europa, Asien-Pazifik und Schwellenländer orientieren.
Sollte sich ein adverses Szenario abzeichnen, also ein Ölpreis deutlich länger und noch höher als aktuell über mehrere Monate hinweg, müsste man das Gegenteil tun:
- Long Dollar
- Long US-Aktien
- aus Asien-Pazifik und Europa heraus und eher in die USA shiften, weil die US-Werte fundamental weniger betroffen sind.
Auf der anderen Seite: Wenn sich eine Lösung einstellt und der Schaden bis dahin nicht groß ist, würde sich der Markt rasch auf das ursprüngliche Szenario konzentrieren:
- raus aus den USA
- rein nach Europa, Asien, Schwellenländer
- US-Dollar eher untergewichten
- Gold und andere Assetklassen wieder stärker betonen.
Unsere Antwort darauf ist: Wir parken die Allokation erst einmal und schauen uns das an. Und würden dann bei Gelegenheit zu hoffentlich noch attraktiven Kursen die Strategie umsetzen, die wir ursprünglich implementieren wollten. Also: kein so pessimistischer Blick der Investoren gemessen an dem, was an Dramatik in der Region herrscht.
Titus Kroder:
Andreas, es wurden in den Gewässern vor dem Iran inzwischen auch Tank- und Frachtschiffe direkt angegriffen. Reagiert der internationale Schifffahrtsmarkt schon? Sieht man da etwas, wenn man Frachtkosten oder Routenplanung anschaut?
Andreas Rees:
Bei Tankern für Öl und Gas sind die Frachtkosten deutlich angestiegen. Aber was man jetzt im Auge behalten muss, sind die Kosten für Frachtcontainer. Hintergrund ist, dass noch mehr Containerschiffe nicht mehr durch das Rote Meer und den Suezkanal fahren könnten, also die kürzeste Route von Asien nach Europa nicht mehr benutzen. Sie müssten den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung nehmen. Das verlängert den Seeweg um rund 10 Tage und bindet Containerkapazitäten und verursacht höhere Kosten.
Wir haben aber eine gute Nachricht: Die Frachtkosten für die zentrale Route Asien–Europa sind kaum gestiegen. Und ebenfalls positiv: Schon vor dem USA–Iran-Krieg haben viele Containerfrachter wegen der Huthi-Angriffe den Umweg über Südafrika genommen. Insofern findet bislang keine massive Umstellung der Logistikketten statt.
Titus Kroder:
Die Lieferkette für Öl ist deutlich gestört durch das unmittelbare Kriegsgeschehen rund um die Meerenge von Hormus. Bei geopolitischen Krisen reißen aber oft auch Lieferketten in anderen Branchen, wie wir es aus der Pandemie oder dem Beginn des Ukrainekrieges kennen. Gibt es andere Lieferketten, die bereits gestört werden?
Andreas Rees:
Ich würde nicht sagen, dass die Lieferketten generell gestört sind, aber wir sehen erste Auswirkungen, dass es nicht nur um Öl und Gas geht, sondern dass Effekte makroökonomisch in die Weltwirtschaft hineinwirken. wei Beispiele:
Erstens: der Schwefelpreis.
Schwefel ist stark angestiegen. Das klingt unscheinbar, aber Schwefel ist ein systemrelevanter Stoff:
- Nebenprodukt der Öl- und Gasverarbeitung
- wichtig für Düngemittel
- wichtig für Chemie und Metallverarbeitung
Wenn die Energieproduktion und Verschiffung im Golf gestört sind, wird Schwefel knapper und teurer. Das zeigt: Die Effekte gehen über Öl und Gas hinaus. Aber: keine kompletten Lieferausfälle, die Lieferketten halten bislang.
Zweitens: die Halbleiterindustrie. Sie ist sensitiv gegenüber Energiepreisschwankungen und abhängig von energieintensiven Chemikalien. Taiwan, Südkorea und Japan produzieren viele Halbleiter, beziehen aber sehr viel Energie aus dem Nahen Osten. Diese Länder haben eine sehr hohe Nettoenergieimportquote, teils 80–90 Prozent, höher als Europa. Steigende Energiepreise könnten die Preise von Hightech-Produkten aus Südostasien, insbesondere Halbleitern, nach oben treiben. Keine globalen Engpässe bislang, aber Preiseffekte laufen an.
Titus Kroder:
Christian, zurück auf den Finanzmarkt, auf den Aktienmarkt. Was ist Anlegern jetzt konkret zu raten im Bereich Aktien? In Cash gehen? Im Markt bleiben? Branchen umschichten? Was sollte man tun?
Christian Stocker:
Eine wichtige Message ist, Ruhe zu bewahren trotz der Volatilität. Panik ist ein schlechter Ratgeber. Man muss sich vergegenwärtigen, wie ich eingangs gesagt habe: Die Kurse sind ungefähr auf dem Niveau, das wir Anfang des Jahres gesehen haben. Nach allem, was wir wissen, so wie wir aktuell kalkulieren mit den Gas- und Ölpreisen, werden wir am Aktienmarkt nicht in einen nachhaltigen Abwärtstrend kommen.
Wir haben Volatilität, Schwankungen von ein, zwei, vielleicht drei Prozent pro Tag. Es kann noch etwas tiefer gehen, aber sobald Nachrichten kommen, dass die Straße von Hormus wieder befahrbar ist, wäre das ein Startschuss für eine deutliche Erholung, die die Märkte mindestens auf das Niveau Ende Februar bringen würde. Eine starke Rallye, und es geht dann schnell. Aktuell gibt es keinen strukturellen Bruch. Das bedeutet, dass die Trends vor der Krise, speziell seit dem vierten Quartal letzten Jahres, schnell wieder aufgenommen werden. Davon haben die Emerging Markets am stärksten profitiert.
Die Krise wird aus meiner Sicht nicht ewig dauern. Für Anleger bedeutet das: ratierlich anlegen. Regelmäßig investieren, zum Beispiel monatlich. Man kann sich die zurückgekommenen Kurse sichern, hat eine Durchschnittskursbildung über das Jahr hinweg. Ich bin überzeugt, dass die Aktienkurse am Jahresende höher stehen als heute. Strukturell positive Trends in den Emerging Markets, erneuerbare Energien, Rohstoffe — das sind attraktive Entwicklungen, die über Jahre rentierlich sein werden.
Titus Kroder:
Philip, noch eine Kapitalmarktfrage an dich. Du hattest das letzte Mal von zwei sogenannten schwarzen Schwänen gesprochen — also Ereignissen, die niemand auf dem Radar hat und die mit kleinem Risiko plötzlich auf die Märkte treffen. Du nanntest die Tech-Blase, also überhöhte Kurse im Technologiesektor, sowie Risiken in den Private Markets.
Sind das nun Risiken, die stärker ins Zentrum der Anleger rücken?
Philip Gisdakis:
Zunächst einmal ist der echte Kapitalmarktstress im Moment noch nicht wirklich hoch. Wir haben gesagt: Multi-Asset-Mandate sind jetzt plus 2 Prozent seit Jahresanfang statt plus 4 oder plus 5.
Also nicht dramatisch. Ja, die Schlagzeilen sind dramatisch, und wenn die Energieunterbrechungen längerfristig wären, hätte das dramatische wirtschaftliche Auswirkungen.
Aber der Stress ist noch nicht hoch, nicht lang genug, nicht groß genug, dass da schon etwas passiert. Die Welt dreht sich aber weiter, auch bei den Themen, die vorher schon Risiken waren. Eine Schlagzeile vom Aufzeichnungstag: In den USA haben zwei Private-Credit-Funds einen Cap bei den Entnahmen eingezogen. Nicht alle Anlegeranfragen können bedient werden. Das heißt nicht, dass ein zugrunde liegendes Problem besteht, aber es heißt, dass mehr Leute Geld rausziehen wollen, als Liquidität da ist. Keine schöne Schlagzeile, aber die Welt dreht sich weiter.
Ein anderes Thema:
Vor einigen Wochen hat der Oberste Gerichtshof in den USA Donald Trump die Rechtsgrundlage für viele seiner Zollerhöhungen entzogen. Fast schon wieder vergessen. Damals wurde angekündigt, einen anderen Weg zu finden, um Ersatz zu schaffen. Dieser andere Weg läuft über Gutachten zu angeblich unfairen Handelspraktiken anderer Länder. Das produziert neue Schlagzeilen, neue Unsicherheit und mögliche Gegenschritte anderer Länder. Die Welt dreht sich weiter und damit auch die Themen, die die Märkte vorher belastet haben. Das macht es nicht einfacher, da jetzt ein zusätzliches Energieproblem hinzugekommen ist. Wenn dieses nicht gelöst wird, könnte es erheblich sein und zu Verschärfungen führen.
Aktuell ist der Stress aber noch nicht lang genug da und nicht groß genug, dass von dieser Seite etwas anbrennt.
Titus Kroder:
Eine Begriffsklärung noch: Private Markets — das ist eine pauschale Bezeichnung für Anlagemärkte, die abseits der Börsen funktionieren, die man Public Markets im Gegensatz dazu nennt.
Andreas, was bedeutet das alles für die Wachstumsaussichten Deutschlands? Wir brauchen dringend Wachstum nach drei Jahren Stillstand. Womit muss man unter diesen neuen Bedingungen, mit Krieg und hohen Energiepreisen, rechnen?
Andreas Rees:
Titus, der Krieg ist ein heftiger Schock für die Weltwirtschaft. Deutschland ist ein exportabhängiges Land, das versucht, aus der Stagnation herauszukommen. Die Schäden in der Weltwirtschaft sind jetzt schon da, aber sie halten sich noch in Grenzen, auch makroökonomisch.
Was Philip und Christian gesagt haben, möchte ich unterstreichen: Es ist kein Systembruch. Wir haben die Wachstumsprognose 2026 letzte Woche etwas nach unten genommen. Wir erwarten jetzt ein Plus von 1,0 Prozent, vor USA–Iran waren es 1,2 Prozent.
Aber klar ist: Wenn der Krieg deutlich länger dauert, müssen wir weiter anpassen.
Titus Kroder:
Der Krieg in der Golfregion geht unvermindert weiter, und es scheint sich ein Szenario herauszubilden, bei dem nicht so schnell Ruhe an den Märkten einkehrt. Auch die Makroökonomen müssen auf sehr kurze Sicht fahren, wenn es darum geht, Folgen für Wachstum und Inflation, auch in Deutschland, abzuschätzen. Vieles hängt dabei vom Ölpreis ab, der als Haupttreibstoff der Industrieländer ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat bei der konjunkturellen Entwicklung und beim Niveau der Börsenkurse.
Das war unser Irankrise-Update im HVB Markt-Briefing.
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Liken und teilen Sie den Podcast gerne. Tschüss und bis zum nächsten Mal sagen Andreas Rees, Philip Gisdakis, Christian Stocker und Titus Kroder.
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