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HVB Markt-Briefing – Audio vom 27.07.2026.

Sommerpause: Kommt der Aktien-Rücksetzer? … ‚but remember to come back in September‘!

 

Christian Stocker:

Ich persönlich rechne mit einem Rücksetzer im August. In den Sommermonaten haben wir in der Regel immer größere Schwankungen und ein Rücksetzer im Ausmaß von 5 bis 10% würde mich jetzt nicht beunruhigen. Die konjunkturellen Frühindikatoren, sie haben trotz der Energiekrise, trotz der hohen Energiepreise, haben sie sich sehr, sehr stabil verhalten und drehen schon wieder in die Richtung zu positiven Werten.

 

Die Investitionen der Unternehmen, die bleiben sehr hoch, speziell im Bereich künstliche Intelligenz. Die zugrundeliegenden Themen, die das erste Halbjahr getragen haben, das sind strukturelle Trends, die setzen sich positiv fort und die werden auch die Börse mittelfristig weiter unterstützen.

 

Titus Kroder:

Hallo und willkommen. Tja, der schöne Sommer geht schon allmählich in ein milderes Herbstlicht über. Noch fällt kein Blatt vom Baum, aber ‚Sell in May, go away‘, das liegt schon einige Zeit hinter uns. Wir testen heute den aktuell wichtigeren Teil dieser Börsenweisheit: ‚…but remember to come back in September‘. Kann man also als Anleger über die Augustpause hinweg den Aktienmarkt getrost den Rücken zuwenden oder droht da doch eine große Wertkorrektur? Wo liegen die positiven und die negativen Impulse und was ergibt sich daraus für den Rest des Jahres für Aktienanleger?

 

Ein umfassendes Market Roundup also vor der Sommerpause und ein kleiner Spoiler, es geht auch um KI. Dieser Begriff ist ja heute nicht mehr zu vermeiden, wenn man über Börsentrends spricht. Unsere Experten Andreas Rees und Philip Gisdakis sind bereits im Liegestuhl oder in den Wanderstiefeln. Die Stellung am Schreibtisch hält noch Christian Stocker, leitender Aktienstratege der HypoVereinsbank.

 

Hallo Christian, grüße dich.

 

Christian Stocker:

Hallo Titus.

 

Titus Kroder:

Bei dir geht's ja erst im Herbst in den Urlaub und man muss ja sagen, das war ein ganz fulminantes erstes Halbjahr 2026, der DAX deutlich im Plus, S&P 500 in den USA deutlich gestiegen und das mitten In einer Energiekrise, mitten in einer Phase steigender Zinsen und auch dem ja immer noch ungelösten Irankrieg, irgendwie verrückt. Diese Stabilität im Markt denkt man sich, aber eben auch gar nicht mehr so verrückt, wenn man anschaut, was Investoren bei den Unternehmensgewinnen erwarten.

 

Diese Erwartungen sind mittlerweile drastisch gestiegen, selbst in Deutschland, und man fragt sich, sind diese Erwartungen nicht inzwischen völlig überzogen und müssen wir da nicht bald auch mit drastischen Korrekturen nach unten rechnen und damit natürlich auch mit einer Wertkorrektur am Markt.

 

Christian Stocker:                                                                                                    

Ja, Titus, das sind entscheidende Fragen und du hast die Kursentwicklung schon angesprochen. In Europa sind wir seit Jahresanfang 8% gestiegen, Nasdaq 100 die Technologieunternehmen in den USA um 15%, die Emerging Markets um 20% gestiegen. Das sind enorm gute Performancezahlen. Auf der anderen Seite, die Gewinnerwartungen in diesen Regionen sind auch enorm stark angestiegen seit Jahresanfang. Die Erwartungen für die USA plus 20% höhere Gewinnerwartungen als zum Jahresanfang. In Europa sind die Gewinne trotz der Energiekrise um 12% gestiegen. Die Gewinnerwartungen sind sogar noch um etwas mehr gestiegen. In den Emerging Markets erwartet man 50% höhere Gewinne in diesem Jahr als noch zum Jahresanfang. Das zeigt schon, es könnte möglicherweise etwas übertrieben sein und Skeptiker haben dafür natürlich auch gute Argumente.

 

Die Euphorie, die wir gerade sehen, die basiert auf der Annahme, dass die KI-Investitionen in den USA oder global gesehen auch zu dauerhaft höheren Margen und Produktivitätsschüben führen werden. Wenn diese Effekte später eintreten als erwartet, dann könnten die Gewinnschätzungen zumindest auf kurze Frist aktuell zu hoch sein. Die Bewertungen, zum Beispiel anhand des Kurs-Gewinn-Verhältnisses, die sind vertretbar, die sind also nicht übertrieben hoch. Und in diesem Zusammenhang ist die gerade angelaufene Gewinnberichterstattung der Unternehmen für das zweite Quartal sicherlich ein Lackmustest für die kommenden Monate.

 

Bisher verläuft diese Gewinnberichterstattung sehr, sehr ordentlich. Die hohen Erwartungen, die werden erfüllt, teilweise werden sie sogar übertroffen. Bislang haben allerdings nur relativ wenig Unternehmen berichtet. Die US Banken haben vorletzte Woche berichtet, die haben sehr ordentlich berichtet, auch die Gewinne leicht übertroffen, die Gewinnerwartungen. Und auch die asiatischen Halbleiterhersteller haben schon größtenteils berichtet und auch da sind die Gewinnerwartungen nochmals übertroffen worden. Also insgesamt scheinen die Gewinnerwartungen schon auf soliden Füßen zu stehen.

 

Titus Kroder:

An der Börse gibt es ja eben doch keine Sommerpause - du hast erwähnt, zumindest was die Nachrichten angeht, denn jetzt geht es, wie gesagt, schon los mit der großen Berichterstattung über das zweite Quartal und da müssen die Unternehmen ja tatsächlich zeigen, ob das so alles hinkommt, dass die Erwartungen auch erfüllt werden. Was passiert, wenn diese Erwartungen verfehlt werden?

 

Christian Stocker:

Salopp gesagt, die Unternehmen müssen liefern. Ja, die Erwartungen, die sind sehr, sehr hoch und das ist größtenteils schon eingepreist in den aktuellen Kursen. Das heißt, die Hürde für weitere Kurssteigerungen, die ist schon sehr, sehr hoch.

 

Weitere Kurssteigerungen werden wir kurzfristig nur dann sehen, wenn die Erwartungen auch noch mal deutlich übertroffen werden. Wenn die Erwartungen nur erfüllt werden, dann wird das eher zu Gewinnmitnahmen führen und wenn die Erwartungen nicht getroffen werden, also das wäre in der jetzigen Situation wirklich sehr, sehr schwierig, sehr, sehr schlecht und da sind die KI Unternehmen, die Mag7 Unternehmen, die großen Technologieunternehmen in den USA ganz wichtig. Also die, die berichten ja jetzt die kommenden Tage bis Ende Juli und sollten da die Gewinnerwartungen nur eingepreist werden oder sogar verfehlt werden, dann kann es schon zu größeren Volatilitäten, zu größeren Schwankungen an der Börse kommen.

 

Titus Kroder:

Wenn nun tatsächlich, wie du es ja möglicherweise erwartest, der große Rücksetzer kommt im August an den Aktienmärkten, hat dann noch Bestand, was du ja schon öfter hier im Podcast gesagt hast, dass auf das Gesamtjahr 2026 doch noch mit zum Beispiel 10% Aufwärtspotenzial zu rechnen ist, etwa in Europa. Und was heißt das dann für Anleger, heißt das jetzt nachkaufen nach einem Rücksetzer oder die Gewinne mitnehmen?

 

Christian Stocker:

Ich persönlich rechne mit einem Rücksetzer im August. Ein Rücksetzer im August ist saisonal sehr, sehr wahrscheinlich. In den Sommermonaten haben wir in der Regel immer größere Schwankungen, größere Rücksetzer und ein Rücksetzer im Ausmaß von 5 bis 10%, es wäre schon normal und würde mich jetzt nicht beunruhigen.

 

Ich würde solche Rücksetzer nutzen, ja, die kann man optimal nutzen, wenn man noch nicht voll investiert ist am Aktienmarkt, wenn man noch zu niedrig investiert ist am Aktienmarkt. Wer aktuell schon sagt, ich hab genügend Aktien, der soll nicht verkaufen, weil diese Rücksetzer, die werden nur kurz bleiben.

 

Ja, das werden keine längerfristigen Rücksetzer sein, es wird keine Trendwende sein. Das zeigt sich auch an unseren Kurszielen. Auf Sicht der kommenden 12 Monate, also bis Mitte 2027, erwarten wir weiterhin sehr, sehr solide Wachstumssteigerungen an den Börsen. Wir erwarten für Europa ein Potential von rund 10%, für die Emerging Markets sogar ein Potential von 20% bis Mitte nächsten Jahres. Die USA werden irgendwo dazwischen liegen. 13,14% sehen wir hier als Potenzial auf Sicht von 12 Monaten und es zeigt schon, wir sehen das Umfeld weiterhin konstruktiv.

 

Die konjunkturellen Frühindikatoren, die zeigen es ja auch schon. Sie haben trotz der Energiekrise, trotz der hohen Energiepreise, haben sie sich sehr, sehr stabil verhalten und drehen schon wieder in die Richtung zu positiven Werten. Die Investitionen der Unternehmen, die bleiben sehr hoch, speziell im Bereich künstliche Intelligenz. Das heißt, die zugrundeliegenden Theme, die das erste Halbjahr getragen haben: künstliche Intelligenz, Infrastrukturinvestments, Investments in Rechenzentren, die Fiskalausgaben der Staaten, nicht nur Deutschlands, sondern auch andere europäische Staaten, die Fiskalausgaben der USA, das sind strukturelle Trends, die setzen sich positiv fort und die werden auch die Börse mittelfristig weiter unterstützen.

 

Titus Kroder:

Wird also nach dem, was du sagst, ein spannender August werden. Wer kann die hohen Erwartungen erfüllen, wer kann es nicht und wer kann sie vielleicht erfüllen, wird aber dann dennoch mit Gewinnmitnahmen bedacht oder Schrägstrich abgestraft. Bei welchen Unternehmen siehst du denn, Stand heute am 23. Juli, die größte Lücke zwischen Erwartungen einerseits der Investoren und dann dem tatsächlichen Gewinnpotential in diesen Unternehmen?

 

Christian Stocker:

Ja, ich sehe noch nicht unbedingt eine wirkliche Lücke, aber ich sehe die zunehmende Gefahr dafür, dass eine Lücke entstehen könnte in den kommenden Quartalen. Und das größte Potenzial für so ein Entstehen einer Erwartungslücke, einer Lücke zwischen den Erwartungen und die Gewinnpotenziale, das sehe ich schon in den USA in Hinblick auf die Investitionen in KI Infrastruktur und damit natürlich auch bei den Mega Technologieunternehmen. Für dieses Jahr erwarten Analysten für die Mag7 Unternehmen ein Gewinnwachstum von über 20% und das sollte sich in dieser Größenordnung auch 2027 fortsetzen. Also, die Erwartungen sind hier weiterhin sehr, sehr hoch.

 

Nur die entscheidende Frage ist, werden die riesigen Investitionen, die aktuell getätigt werden, tatsächlich auch zeitnah in entsprechende Umsätze und Margen übersetzt? Und darin sehe ich eine gewisse Erwartungslücke. Die Investitionen werden sich irgendwann mal amortisieren, aber ob das wirklich so schnell kommt, wie man vielfach erwartet, das ist die größte Frage.

 

Titus Kroder:

Mhm, und da hast du schon das Stichwort gegeben, KI, wird denn diese Berichtssaison deiner Meinung nach nun zeigen, wer da schon Produktivitätsgewinne vorweisen kann und damit also auch möglicherweise Gewinnzuwächse hat und wird sich vielleicht auch schon zeigen, dass nicht nur die Mag7, also die großen Technologiekonzerne, diesen Effekt spüren, sondern dass auch Aktien außerhalb der reinen Techaktien, diesen Rückenwind bekommen?

 

Christian Stocker:

Wir sehen in der angelaufenen Gewinnberichterstattung schon erste Hinweise dafür. Wir sind ja noch ganz am Anfang und es haben noch nicht wirklich viele Unternehmen berichtet, aber ein ganz wichtiger und großer prominenter Bereich hat schon berichtet in den USA zum Beispiel, das sind die US Banken, ja, und die haben berichtet, dass sie schon erste Produktivitätszuwächse sehen durch die Verwendung von KI und diese Produktivitätszuwächse, die belaufen sich aktuell auf rund 3%-Punkte pro Jahr und das zeigt schon, es kann hier schon zu einem relativ schnellen positiven Effekt kommen.

 

Ähnliche Effekte erwarte ich mir im Bereich Healthcare, im Bereich Biotech, auch in Europa. Der Maschinenbau oder generell gesagt, die Industrieunternehmen, die haben sehr viele Investitionen auch schon getätigt in KI die letzten Quartale und da erwarte ich mir schon erste positive Aussagen im Rahmen der Gewinnberichterstattung beziehungsweise des Ausblicks der Unternehmen. Und sollte sich das so bewahrheiten, wie ich das erwarte, dann ist es sicherlich ein sehr wichtiges positives Thema für die kommenden Quartale, wenn gezeigt wird, dass KI hier bei den Unternehmen angekommen ist und hier Stück für Stück für Produktivitätszuwächse sorgt. Das heißt, wir haben hier möglicherweise wirklich einen strukturellen positiven Trend, der uns auch die nächsten Jahre positiv begleiten wird.

 

Titus Kroder:

Noch mal nachgehakt nach dem Mag7 in die Googles, Metas und Microsofts dieser Welt. Da wurde ja doch ziemlich übertrieben, jetzt mal rein von der Kursperspektive aus betrachtet, sonst hätten wir ja auch nicht die letzten Wochen immer wieder diese Einbrüche gesehen. Siehst du das genauso?

 

Christian Stocker:

Ja, diese Einbrüche, die zeigen zum einen Ansätze von Gewinnmitnahmen und Gewinnmitnahmen macht man in der Regel, wenn man etwas skeptischer wird hinsichtlich bestehender Trends und da ist ja der August sicherlich auch entscheidend, gerade bei den Halbleiterherstellern, die ja im zweiten Quartal 80% gewonnen haben, also Kursperformance von 80%.

 

Der Philadelphia Semiconductor Index, in dem alle namhaften Halbleiterhersteller in den USA und teilweise auch global vertreten sind, den Index gibt es seit 30 Jahren und es hat noch nie ein Quartal gegeben, in dem so eine extreme Performance vorgeherrscht hat, also 80% plus, das ist eine einmalige Situation. Auf der anderen Seite, die Mag7 Unternehmen, die haben seit Jahresanfang rund 8% verloren und das hauptsächlich im zweiten Quartal.

 

Also man sieht schon, es sind Gewinnmitnahmen da, aber der Blick, der wird sicherlich verstärkt auf die Profiteure der hohen Investitionen, die ja weiterhin getätigt werden, gelegt, speziell im Bereich der Halbleiterhersteller. Das Thema Elektrifizierung, das ist weiterhin ein strukturelles Thema Richtung Rechenzentren, Rohstoffnachfrage, Seltene-Erden-Nachfrage, im Maschinenbau haben wir sehr, sehr starke Nachfrage, auch im Bezug auf Rechenzentren, die Maschinen herstellen, die dafür gebraucht werden. Die Anwendungen von KI, das sind alles Unternehmen, die profitieren von diesem strukturellen Trend und in diesem Hinblick werden sicherlich nächste zwei Quartale entscheidend sein.

 

Titus Kroder:

Auf die Frage führst du da schon hin, du siehst momentan Gewinnmitnahmen, keine fundamentale Skepsis dieser Aktiengruppe gegenüber, aber es sind doch sagenhaft gigantische Investitionen, die da getätigt werden in Rechenzentren, in die Energiesysteme, die benötigt werden, schließen viele, viele, viele Milliarden. Jetzt ist jede Unternehmensinvestition ein Risiko. Wie groß ist denn das Risiko, dass sich diese Investitionen nicht rechnen und dann tatsächlich fundamentale Skepsis bei den Anlegern sich breitmacht?

 

Christian Stocker:

Ja, diese Investitionen, die konnten in den vergangenen Quartalen in der Regel aus dem Cashflow finanziert werden, das heißt, die Unternehmen mussten nicht unbedingt Schulden dafür aufnehmen, aber da sind wir jetzt zu einem ganz, ganz entscheidenden Punkt gekommen.

 

Alphabet hat bereits für das zweite Quartal berichtet. Alphabet ist die Mutter von Google und Alphabet hat erstmals einen negativen Free Cashflow berichtet, erstmals in der Unternehmensgeschichte. Das heißt, die Investitionen sind aktuell von Alphabet beziehungsweise Google höher als der Cashflow und bisher konnten die Investitionen durch den Cashflow getragen werden. Es ist die große Frage, war das zweite Quartal nur ein Ausreißer?

 

Es kann sein, dass es ein einmaliger Ausreißer war, dass der Cashflow aus verschiedensten Gründen einfach niedriger war und die Investitionen trotzdem sehr, sehr hoch waren. Jetzt ist die große Frage, was berichten die anderen großen Mag7, die anderen großen Hyperscalers Ende Juli? Wenn sich hier zeigt, dass wir einen negativen Free Cashflow über mehrere Quartale hinweg haben werden. Das wird sicherlich von der Börse nicht toleriert, weil das würde bedeuten, die Unternehmen müssen ihre Investitionen zunehmend über hohe Schuldenaufnahme finanzieren. Sie begeben sich natürlich dann in Abhängigkeiten von Zinszahlungen, das drückt auf die Margen und dann, wenn das so kommen sollte, dann werden sicherlich sofort Befürchtungen laut, dass wir uns in einer ähnlichen Situation befinden, wie zur Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre.

 

Ich sehe das nicht so, die Dotcom-Blase war ein ganz, ganz anderes Thema, aber es wird sicherlich ein Thema sein, das an der Börse diskutiert wird. Warum ist es ein anderes Thema, damals haben die Unternehmen einfach keine Gewinne gemacht, die haben Schulden gemacht, die haben negativen Free Cashflow gehabt, was möglicherweise jetzt hier eben kurzfristig auch bei uns der Fall sein wird oder in der jetzigen Zeit der Fall sein wird. Aber die Gewinnsituation, die ist eine komplett andere, die aktuellen Unternehmen, die großen Unternehmen, die stehen auf viel, viel festeren Fundamenten, als wir es im Jahr 2000 gesehen haben.

 

Titus Kroder:

Ein Hinweis, noch 3 interessante Analysen der HVB-,  UniCredit-Analysten zum Thema KI Aktien sind in den Shownotes dieses Podcasts verlinkt.

 

Christian, wie steht es denn mit den allgemeineren Risiken für die Aktienmärkte, die wir ja immer wieder diskutiert haben, auch hier im Podcast, dass also nun die Ölpreise noch weiter steigen, die schon wieder auf die 90 Dollar Marke zulaufen, weil der Irankonflikt eben doch weiter schwelt. Dass es doch wieder eine unangenehm spürbare Inflation geben könnte mit entsprechendem Zinsanstieg. Wie groß ist diese allgemeine Risikokulisse für den Aktienmarkt, gerade aus deiner Sicht?

 

Christian Stocker:

Wir haben in der ersten Jahreshälfte gesehen, die geopolitischen Krisen, die Energiekrise, die haben zu höheren Schwankungen geführt, aber nicht dazu, dass der zugrundeliegende positive Trend beendet wurde. Aktuell zur Zeit der Aufnahme steht das Barrel Brent bei 96 US-Dollar. Wir waren im April schon bei 120 US-Dollar, das heißt, wir sind über 20% unter den Hochpunkten, die wir damals auch gut abfedern konnten. Also das Ölthema, solange noch genügend Öl vorhanden ist, ja, solange noch das Öl ankommt, das man braucht zur Produktion, solange ist es für mich kein großes Thema, weil die Unternehmen, die können die höheren Preise weitestgehend weitergeben.

 

Aber ganz wichtig, diese Entwicklungen, diese höheren Energiepreise, die führen natürlich dazu, dass die Inflationserwartungen auch angestiegen sind und da sieht man schon erste Reaktionen der Notenbanken. Die EZB hat ja bereits um 25 Basispunkte die Zinsen erhöht, um hier die Inflationserwartungen einzufangen und das ist so, wie es aktuell ausschaut, auch gelungen.

 

Wir gehen nicht davon aus, dass die Inflationserwartungen deutlich weiter steigen werden und spätestens in einem Jahr werden wir wieder über normale Inflationsraten reden, die im Bereich zwischen 2,  2,5 Prozent liegen werden. Möglicherweise werden wir eine weitere Zinserhöhung in Europa sehen, möglicherweise werden wir auch eine Zinserhöhung in den USA sehen, aber 25 Basispunkte weitere Zinserhöhung, das ist kein Hinderungsgrund für die Börsen.

 

Die Börsen werden weiter das zugrundeliegende strukturelle Thema KI sehen. KI braucht natürlich viel Geld, aber 25 Basispunkte, höhere Zinsen, das wird diesen Trend nicht stoppen.

 

Titus Kroder:

Dein Wort in Gottes Ohr, werden sich manche Anleger denken. Wir haben lange nicht mehr über ein Risiko gesprochen und das ist das Risiko aus dem Ruder laufender amerikanischer Staatsausgaben. Der Krieg mit dem Iran hat ja mittlerweile schon wieder mittlere zweistellige Milliardenbeträge verschlungen. Wie groß ist aktuell aus Sicht der Anleger das Risiko zu hoher Staatsschulden der USA für die Aktienmärkte insgesamt?

 

Christian Stocker:

Der Trend zu einer höheren Verschuldung, der muss deutlich gebremst werden, nicht nur in den USA, auch in anderen europäischen Ländern beispielsweise. Und wenn dieser Trend in den kommenden Jahren nicht gebremst wird, dann werden wir strukturell höhere Zinsen bekommen. Und sollten die Zinsen weiter deutlich steigen, in den USA, beispielsweise bei den zehnjährigen US Treasuries, deutlich über die 5%, dann wird es weniger Wachstum geben, weniger Wachstumsimpulse, die Unternehmen werden weniger verdienen, die Margen werden nicht mehr so hoch sein und das könnte dann ein wirkliches Thema werden, das nicht nur die Börse bremst, sondern dann eben auch zu Umallokationen führt, weil wenn die Unternehmensgewinne nicht mehr so stark steigen und gleichzeitig die sicheren Zinsen in den USA höher sind als 5% Richtung 5,5 vielleicht sogar 6%, sollte das kommen, dann hat man hier eine wirkliche gute Alternative zu investieren und braucht nicht die Risiken am Aktienmarkt einzugehen.

 

Also das wäre ein strukturelles Thema, was zu einem Kippen der Trends führen könnte, aber das ist ein langfristiges Thema, das beobachten wir natürlich, aber aktuell für die kommenden Quartale sehen wir dieses Risiko noch nicht.

 

Titus Kroder:

Klassische Frage zum Schluss an dich, an den leitenden Aktienstrategen der HVB. Ihr denkt ja immer in sogenannten Chance-Risiko-Profilen, welche Regionen, welche Art von Unternehmen, welche Branche sieht da mittel- bis langfristig für dich am besten aus, wo muss man da hinschauen?

 

Christian Stocker:

Also wir schauen auf jeden Fall Richtung Emerging Markets. Lateinamerika beispielsweise. Die Emerging Markets in Lateinamerika, die sind sehr, sehr wichtig, wenn es darum geht, Rohstoffe zu fördern. Die Unternehmen sind in diesen Emerging Markets in Lateinamerika sehr, sehr stark engagiert im Bereich der Rohstoffe, im Bereich der Seltenen Erden und diese Themen, die brauchen wir, um die Elektrifizierungstrends fortsetzen zu können. Wir brauchen aktuell sehr viel Kupfer, sehr viel Seltene Erden für die Elektrifizierungstrends, die wir sehen.

 

Aber auch ein anderer, sehr, sehr wichtiger Bereich Osteuropa. Man vergisst immer, dass einige Länder der Europäischen Union auch noch Emerging Markets sind. Ganz prominent Polen und Ungarn, die beiden größten Emerging Markets in Europa und die sind sehr, sehr gut aufgestellt im Bereich der Financials, der Banken, Versicherungen, Energie und Industrie. Und man darf nicht vergessen, wenn man sich die Emerging Markets anschaut, die letzten eineinhalb Jahre seit Anfang 2025. Osteuropa war der best performende Emerging Market global. Und in Bezug auf die Unternehmen, die hiervon profitieren werden, die kommenden Monate, die kommenden Quartale von den aktuellen Entwicklungen, ich seh‘ da schon im im Bereich der Industrie, speziell im Bereich des Maschinenbaus, sehr, sehr großes Potenzial. Banken, Versicherungen, die sind sehr, sehr effizient aktuell schon aufgestellt. Bereich Healthcare, Biotech haben wir anfangs auch schon besprochen. Diese Unternehmen profitieren auch von der Stabilisierung und der allmählichen Wiederverbesserung auch in Europa der Wirtschaft.

 

Die steigende Produktivität und nicht zuletzt auch das Thema Private Equity, das darf man auch nicht vergessen. Private Equity Unternehmen, die profitieren von den langfristigen Unternehmenstrends. Private Equity sind Unternehmen, die sind nicht gelistet, haben also keine täglichen Börsenkurse, müssen auch nicht quartalsweise berichten, sondern die können sich wirklich auf ihr langfristiges strukturelles Wachstum fokussieren und in der Vergangenheit haben solche Unternehmen, in die man über Fonds beispielsweise investieren kann, ein wirklich besseres Wachstum gezeigt als die großen breiten Indizes. Also als Teil des Portfolios bietet sich auch ein Investment in Private Equity an.

 

Titus Kroder:

Danke dir, Christian. ‚Remember to come back in September‘, das fällt In diesem Jahr, vielleicht doch schon in den August, wenn der Rücksetzer am Markt denn dann kommen sollte, diesen also nicht nur für Gewinnmitnahmen nutzen, sondern das eigene Portfolio vielleicht neu ausrichten. Kleinere Werte, Europa-Aktien und wir haben es gerade gehört, andere Assetklassen wie Private Equity oder auch ausgewählte Schwellenländer anschauen und immer auch dabei schön an die KI denken, die heute im Grunde das gesamte Geschehen an den Börsen dominiert.

 

Wir beim Markt-Briefing kommen definitiv erst im September zurück, wenn nicht die ganz große Zäsur am Markt kommt und wir eine Sonderepisode produzieren.

 

Ab 7. September steht die neue Ausgabe zum Download für Sie bereit.

 

Christian Stocker und Titus Kroder wünschen Ihnen einen erholsamen Sommer und viel Spaß mit dem Börsenticker im Liegestuhl. Bleiben Sie uns gewogen. Wir freuen uns auf Sie im Herbst und bis bald.