Brisante neue Weltordnung: Venezuela und Grönland Risiken, die Sie kennen sollten.
Andreas Rees:
Ja, wenn man sich jetzt die jüngsten Ereignisse mit Venezuela anschaut mit den Energien und Rohstoffen, die werden geopolitisiert und das geht wirklich rasend schnell durch Großmächte wie die USA.
Philip Gisdakis:
Niedrige Ölpreise könnten natürlich den Ausbau von erneuerbaren Energien verlangsamen und das wäre aus Sicht der US-Energiedominanz, die sich ja eben explizit auf fossile Energieträger fokussiert von strategischer Bedeutung.
Christian Stocker:
Rohstoffunternehmen, die werden dieses Jahr über weite Strecken im Fokus der Börsen stehen. Die starken Infrastrukturinvestitionen in Rechenzentren werden die Nachfrage nach Kupfer, nach Silizium und magnetischen seltenen Erden deutlich steigern.
Titus Kroder:
Hallo, ein gutes und erfolgreiches 2026 wünscht Ihnen das Team HVB Markt-Briefing zum Jahresstart. Tja und eben dieses neue Jahr beginnt wie das alte geendet hat. Eine geopolitische Erschütterung jagt die nächste und ein Ende ist kaum abzusehen. Wer bisher noch nicht an die Zeitenwende geglaubt hat, den dürfte das jüngste Beispiel Venezuela davon überzeugen wie weit fortgeschritten die sogenannte neue Weltordnung schon ist.
In ihr geht es nicht mehr um fairen Wettbewerb und international abgestimmte Regeln und Vorgehensweisen. Es geht immer öfter um brachiale wirtschaftliche Alleingänge, notfalls sogar unterstützt durch Militär. Mit der spektakulären Nacht-und-Nebel-Festnahme von Venezuelas Regierungschef Nicolás Maduro und dessen Verbringung in Handschellen vor ein US-Gericht scheint nun geopolitisch plötzlich alles möglich.
Wir nehmen heute deshalb die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen auf Finanz- und Gütermärkte und die Wirtschaft generell unter die Lupe, wie verteilen sich künftig die Risiken an den Aktienmärkten, was bedeutet die Kommandoaktion der USA für Öl und andere Rohstoffe und was wäre eigentlich möglich, würde Grönland tatsächlich der Auslöser einer transatlantischen Krise?
Drei Experten stehen uns Rede und Antwort. Als HVB Markt-Briefing-Hörer kennen Sie die Namen schon. Christian Stocker, leitender Aktienstratege der HVB, ist dabei. Andreas Rees, HVB-Chef Volkswirt und Philipp Gisdakis, Chief Investment Officer. Auch an euch noch ein gutes neues Jahr und ja willkommen in der neuen Weltordnung.
Andreas Rees:
Ja, hallo Titus. Ein gutes neues Jahr wünsche ich.
Philip Gisdakis:
Ein gesundes Neues wünsche ich.
Christian Stocker:
Gutes Neues wünsche ich. Hallo, auch von meiner Seite alles Gute.
Titus Kroder:
Andreas Donald Trump wärmt ja derzeit die sogenannte Monroe-Doktrin auf. James Monroe, das war ein US-Präsident im 19. Jahrhundert. Er hat die westliche Hälfte der Weltkugel, vor allem Lateinamerika zum exklusiven Einflussbereich, quasi zum alleinigen wirtschaftlichen Vorgarten der Vereinigten Staaten erklärt. Mit der Festsetzung von Nicolas Maduro, aber auch mit der finanziellen Unterstützung zum Beispiel Argentiniens und ähnlichen Maßnahmen knüpft Trump nun an diese Interventionspolitik an. Inwieweit festigt das eine neue Weltordnung? Was bedeutet überhaupt neue Weltordnung für dich aus der Blickrichtung eines Ökonomen?
Andreas Rees:
Ja, wenn man sich jetzt die jüngsten Ereignisse mit Venezuela anschaut, dann denke ich, dass man sagen kann, es kann halt sehr schnell gehen mit den Energie- und Rohstoffen sozusagen. Die werden geopolitisiert und das geht wirklich rasend schnell durch Großmächte wie die USA. Aus einer wirtschaftspolitischen Perspektive ist das jetzt nochmal ein weiterer Rückschritt weg von multilateralen Regeln, ähnlich wie bei dem Verhängen von US-Zöllen im vergangenen Jahr.
Und dadurch wird diese Regionalisierung der Wirtschaftsbeziehungen in der Welt weiter verstärkt, es entstehen Regeln, wirtschaftliche Blöcke, Amerika mit den USA, China zumindest mit einigen anderen asiatischen Ländern und dann haben wir noch Europa. Eine weitere wichtige Implikation dürfte die weiter zunehmende Rivalität sein mit China, das dürfte sich weiter zuspitzen, denn Peking interpretiert die Monroe-Doktrin als Versuch der USA Chinas Einfluss in Süd und Lateinamerika auszuschalten.
Ich denke, das ist die richtige Interpretation: es geht um viele Rohstoffe um Lieferketten in der Region, mittel- bis längerfristig das Aufteilen der Weltwirtschaft in politische Hemisphären, in das bedeutet weniger Effizienz, weniger internationaler Handel, aber für mich auch Stand heute keine großen unmittelbaren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft in diesem Jahr und unsere Prognosen mit einer robusten Weltwirtschaft, die bleiben intakt.
Titus Kroder:
Venezuela, wenn man das hört, das wirkt erstmal wie ein Randthema eigentlich. Klar, große Ölvorkommen stecken dort in der Erde, das ist bekannt. Aber warum ist das weltwirtschaftlich so brisant, wenn die USA dort in dieser Art und Weise eingreifen, wie wir das nun gesehen haben? Es geht ja vermutlich schon um etwas mehr als nur um Öl.
Andreas Rees:
Ja, genau, natürlich ist Öl wichtig. Das ist ja auch durch die Presse gegangen. Aktuell macht die Ölproduktion Venezuelas nur etwa 1% der weltweiten Förderung aus. Aber wie du schon gesagt hast, Venezuela besitzt sehr große Ölreserven, die größten Ölreserven weltweit, die haben einen Anteil von etwa 17%, dicht gefolgt von Saudi-Arabien. Aber es geht halt weiter um mehr als Öl, es geht um die ganze Region Lateinamerika. Trump hat ja auch einigen anderen Ländern wie Mexiko und Kolumbien gedroht. Wenn man sich das mal aus der Perspektive eines Volkswirts anschaut, der Anteil Lateinamerikas an der globalen Wirtschaftsleistung der ist zwar relativ gering, der liegt bei sieben Prozent. Aber das wichtige ist, Lateinamerika ist ein Commodity Powerhouse und die Region liefert für die Weltwirtschaft wichtige Rohstoffe und ist damit so eine Art Drehscheibe in den weltweiten Lieferketten.
Wenn man sich nochmal anschaut bei Erdöl produzieren Mexiko und Brasilien immerhin fünf Prozent der weltweiten Ölförderung, dann vor Guyana, da gab es neue Offshore-Funde von Öl wodurch die Bedeutung bei Erdöl und die Bedeutung der Region bei Öl weiter steigt. Dann haben wir Chile und Peru, die verfügen über riesige Kupfervorkommen. Dann Chile, Argentinien, Bolivien die bilden das sogenannte Lithium-Dreieck mit sehr großen Anteilen. Lateinamerika spielt wirklich eine wichtige Rolle auch bei der Agrarproduktion. Man kann es für viele Rohstoffe weiterspinnen. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass sich China in den letzten 20 Jahren sehr stark vor Ort in der Region engagiert hat. Und es ist natürlich auch kein Zufall, dass die USA in der neuen nationalen Sicherheitsstrategie, die vor ein paar Wochen veröffentlicht worden ist, auch klar darauf hingewiesen haben, die wollen da niemanden in der Region haben, außer natürlich die USA selbst.
Titus Kroder:
Auf USA und China kommen wir gleich noch zu sprechen. Christian, du blickst aus der Richtung des Aktienstrategen auf das Thema Rohstoffe. Wie bedeutsam ist dieses Thema derzeit am Aktienmarkt und welche Auswirkungen dürfte diese Venezuela-Aktion auf den Aktienmarkt haben?
Christian Stocker:
Ja, Titus, wie Andreas schon gesagt hat, das Thema Venezuela ist sehr vielschichtiger als nur der Blick auf die bedeutenden Ölreserven von Venezuela. Ich ordne die Intervention der USA in eine grundsätzliche US-Strategie nach Rohstoffen ein, als auch eine Strategie zur Sicherung von Mineralressourcen. Unter anderem verstärken die USA ihre Bemühungen, die Abhängigkeit von China bei seltenen Erden zu reduzieren. Und in diesem Zusammenhang wird auch Grönland in seinen potenziellen großen Vorkommen an seltenen Ehren an Schlüsselregionen betrachtet.
Und vor diesem Hintergrund glaube ich, der in den letzten Jahren stark vernachlässigte Sektor Basic Resources bzw. die Rohstoffunternehmen, die werden dieses Jahr über weite Strecken im Fokus der Börsen stehen und die starken Infrastrukturinvestitionen in Rechenzentren, insbesondere in KI-orientierte Hyperscale-Anlagen, die werden die Nachfrage nach Kupfer, nach Silizium und magnetischen seltenen Erden deutlich steigern. Ich denke, das Rohstoffthema gewinnt zunehmend an Dynamik nicht nur an den Börsen, sondern eben auch geopolitisch.
Titus Kroder:
Was erwartest du denn, was erwarten eure Strategie-Teams beim Ölpreis nun als Folge der Tatsache, dass Öl aus Venezuela nun bald reichlich auf den Weltmarkt und auch in die USA fließen könnte?
Christian Stocker:
Ja, Venezuela produziert aufgrund von Sanktionen und maroder Infrastruktur weniger als eine Million Barrel pro Tag, hat ja Andreas schon erklärt. Ende der 1990er Jahre waren es noch stolze 3,5 Millionen Barrel pro Tag, rund dreieinhalb Mal so viel. Ich denke, eine direkte Auswirkung auf den Ölpreis ist aufgrund der aktuell eher marginalen Menge an gefördertem Öl unwahrscheinlich. Eine mögliche Öffnung durch die USA könnte das bestehende globale Überangebot an Rohöl mittelfristig jedoch verstärken.
Und das heißt wiederum, sollten US-Firmen venezolanische Ölfelder reaktivieren, könnte ein zusätzliches Angebot von mehreren Millionen Barrel pro Tag entstehen, mit einem entsprechenden Druck auf die Preise. Kurzfristig kann es für einige US-amerikanische Unternehmen positive Impulse durch eine Ausweitung ihrer Fördermöglichkeiten geben, aber mittel- bis längerfristig ist eher mit einem Fortbestehen des Überangebots von Rohöl zu rechnen, was sicherlich auch einen gewissen Preisdeckel für den Ölpreis darstellen dürfte und grundsätzlich ist zu sagen, niedrige Ölpreise, Energiepreise unterstützen die Konjunktur und damit auch den Aktienmarkt.
Für Ölunternehmen jedoch bedeutet eine strukturelle Fortsetzung des globalen Überangebots an Öl in Verbindung mit einer gesamtwirtschaftlichen eher mal rückläufigen Nachfrage nach Rohöl, eher einen weiter bestehenden Marschendruck in der Ölindustrie.
Titus Kroder:
Philipp, die Energiemärkte die sind natürlich auch aus der Richtung der Vermögensverwaltung relevant. Was haben die USA damit eigentlich energiepolitisch erreicht, wenn sie sich in Venezuela so engagieren, wie wir das jetzt gesehen haben? Was verfolgen die USA da deiner Meinung nach als Strategie?
Philip Gisdakis:
Ja Titus, das Stichwort dazu ist Energiedominanz. Das wurde ja schon in der im November veröffentlichten nationalen Sicherheitsstrategie diskutiert als eigenes Subkapitel, fand viel Diskussion diese nationale Sicherheitsstrategie und ich zitiere jetzt mal direkt übersetzt logischerweise, da steht drinnen unter dem Thema Energiedominanz: Die Wiederherstellung der amerikanischen Energiedominanz bei Öl Gas, Kohle und Kernenergie. Es sind nur diese Bereiche genannt. Und die Rückverlagerung der notwendigen Schlüsselkomponenten für die Energieversorgung ist eine strategische Priorität von höchster Bedeutung. Das steht in der nationalen Sicherheitsstrategie. Als Gründe werden angegeben dafür, dass dann eben günstige und reichlich vorhandene Energieversorgung, gut erhaltende Arbeitsplätze schaffen wird, Kosten für Verbraucher und Unternehmen senken wird, die Reindustrialisierung vorantreiben wird und vor allem den Vorsprung bei Spitzentechnologie wie KI erhalten kann oder ausbauen kann, denn die ist ja sehr energiehungrig. Und dann kommt ein Satz, den ich auch sehr interessant finde, ich zitiere jetzt wieder, wir lehnen die katastrophalen Ideologien des Klimawandels und gegen erneuerbare Energien ab, die ja technologisch insbesondere von China dominiert werden, Stichwort Solarpaneele, niedrige Ölpreise, könnten natürlich den Ausbau von erneuerbaren Energien verlangsamen und das wäre aus Sicht der US-Energiedominanz, die sich ja eben explizit auf fossile Energieträger fokussiert, von strategischer Bedeutung. Ich glaube, aus unserer Perspektive in diesem Podcast geht es jetzt weniger um die politischen geostrategischen Implikationen, sondern eher um die politischen Kapitalmarkt-Implikationen.
Und da ist insbesondere natürlich die Frage, wie können direkt amerikanische Unternehmen davon profitieren? Dazu muss man wissen, dass Öl nicht gleich Öl ist. Es gibt leichtes Öl, mittelschweres Öl, schweres Öl. Und das Öl, das im Venezuela vorherrschend gefördert werden kann, ist ein sehr schweres, sehr zähflüssiges Öl und interessanterweise ist es so, dass ein Großteil der US-Raffinerien am Golf von Mexiko darauf spezialisiert sind, Schweröl zu verarbeiten. Denn aus Schweröl kann man bestimmte Produkte herstellen, die industriell notwendig sind, die man eben aus leichteren Ölsorten nicht machen kann.
Und das Fracking-Öl, das insbesondere in den USA aktuell gefördert wird, ist eher leichtes Öl. Diese Raffinerien am Golf von Mexiko, die behelfen sich dadurch, dass sie jetzt sozusagen schweres Öl aus Kanada und Mexiko zum Beispiel zukaufen, damit sie ausgelastet sind. Es gibt noch andere Länder, die so schweres Öl fördern. Interessanterweise auch hier die Länder Russland und Iran beispielsweise produzieren schweres Öl, das heißt, venezolanisches Öl anzapfen zu können, würde die eigenen Raffinerien unterstützen, diese Wertschöpfung unterstützen und würde sozusagen einen konkurrierenden Anbieter für diese Produkte zu anderen Produzenten zum Beispiel aus Kanada und Mexiko, würde den Ölpreis niedrig halten, billige Energie und so weiter.
Und ein weiterer wichtiger Punkt ist hier kurzfristig noch zu nennen. Sowohl Andreas als auch Christian haben schon darauf hingewiesen, dass das nicht so einfach werden wird, die venezolanische Ölforderung hochzupumpen. Aber die produzieren aktuell Öl und im Moment gibt es ein Problem, die amerikanische Blockade. Und lange hält diese fragile Ölinfrastruktur nicht durch, denn diese Ölbohrdinger die kann man nicht einfach zusperren. Die fördern weiter. Wenn die Lager voll sind, dann müssen die irgendwie liefern oder die Infrastruktur geht kaputt. Und dieses wenige Öl, was aktuell gefördert werden kann, das kann man eben jetzt umleiten und damit diese Raffinerien versorgen. Und diese Raffinerien, die bedeutet natürlich einen großen Teil der Wertschöpfung von der Verarbeitung von Schwerölen.
Titus Kroder:
Habt ihr denn in der Vermögensverwaltung unmittelbar reagiert auf diese jüngste geopolitische Erschütterung und wie schickt ihr kurz beschrieben euer Portfolio ins neue Jahr?
Philip Gisdakis:
Nein, das haben wir nicht, weil wir mussten sozusagen da nicht drauf reagieren, denn das, was passiert ist, unterstreicht eigentlich die Strategie, die wir bisher schon hatten. Wir sind optimistisch, wir sind positiv. Aktien haben positiv reagiert, wie auch die Kollegen schon ausgeführt haben, sind günstige Energieversorgungskonditionen, günstige Energiepreise eher positiv für die Wirtschaft. Und das wird weiterhin der Fall sein und wir haben weiterhin eine Strategie, die sich ja auch sehr stark auf Schwellenländer konzentriert und diese jüngsten Ereignisse sprechen explizit nicht gegen Schwellenländer.
Kleine interessante Anekdote, gerade im Bereich Schwellenländeranleihen war es so, dass die zum Beispiel in Anleihen aus Venezuela, venezolanischen Staatsanleihen, aber auch die von Petroleos de Venezuela, der Petroleumgesellschaft, von dem Staatskonzern investiert haben, die haben jetzt einen schönen Profit gezogen, denn diese Kurse, die handeln immer noch sozusagen als sogenannte ‚Distressed Assets‘ mit großen Kursabschlägen, aber die haben natürlich deutlich zugelegt auf niedrigem Niveau, weil die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass jetzt sozusagen diese Gläubiger in diesen Anleihen zumindest ein Teil ihrer Forderungen durchsetzen können oder in der Restrukturierung bessere Verhandlungsposition haben werden.
Titus Kroder:
Andreas, kommen wir zurück auf die Makroaspekte der neuen Weltordnung, die da gerade vor uns entsteht Es gibt neue Einflussbereiche, Blöcke, hast du gesagt, China baut an den eigenen wirtschaftlichen Einflusszonen, nicht zuletzt auch in Afrika, aber eben auch in Südamerika. Die USA tun das nun ebenfalls ganz offen. Wer gewinnt dabei eigentlich und wer verliert?
Andreas Rees:
Wenn man sich das mal so ein bisschen anschaut in den letzten 20 Jahren, China hat seinen ökonomischen Fußabdruck in der Region in Lateinamerika massiv vergrößert. Einmal als Absatzmarkt, denn gerade so bei Ländern wie Brasilien Chile und Peru, da ist mittlerweile China der wichtigere Absatzmarkt als zum Beispiel die USA. Gleichzeitig hat China auch vor Ort sehr stark investiert in die Infrastruktur, in Häfen, in Bahnlinien und in Energieprojekte auch in Venezuela natürlich, aber auch in vielen anderen Ländern. Und die Masche ist immer die gleiche. Es werden Kredite vergeben gegen Rohstofflieferungen. Im Fall von Venezuela wieder wurde dann halt natürlich mit Öl zurückgezahlt. Ich denke mal, nach dem, was jetzt passiert ist, klar, China wird seine Handels- und Investitionspolitik neu überdenken.
Vermutlich werden zumindest kurzfristig erstmal chinesische Kredite nach Südamerika vorsichtiger fließen. Es könnte auch sein, dass es Länder gibt in Lateinamerika, die dann kurzfristig auch eine gewisse Finanzierungslücke spüren könnten. Das muss aber nicht sein. Aber es könnte, wenn die chinesischen Gelder erstmal nicht mehr so reichlich fließen und das Geld aus den USA noch nicht im gleichen Umfang kommt.
Aber jetzt schon zu sagen, die USA haben in der Region gewonnen und China verloren, das finde ich, das wäre zu früh. Ich glaube eher, China spielt da so ein bisschen auf Zeit. China hat mit den USA Ende Oktober ein Handelsabkommen erzielt, das ist bislang eine mündliche Vereinbarung und immer noch ziemlich fragil, aber sie wollen ganz offensichtlich keine direkte Konfrontation mit den USA. Wegen Lateinamerika zumindest im Moment nicht, aber ich denke mal, mittel- bis längerfristig dürfte China sicherlich nach Wegen suchen, um sich seinen Einfluss zu sichern.
Titus Kroder:
Es gibt noch das Stichwort Mercosur. Auch da lohnt sich, denke ich, eine kurze Analyse. Das ist sozusagen die EU Lateinamerikas. Bisher formen Brasilien, Uruguay, Bolivien Paraguay und Argentinien den Mercosur. Weitere Länder wollen beitreten. Bisher ist es eine Zollunion und eine Freihandelszone. Man möchte aber zu einem echten Binnenmarkt nach dem Vorbild der EU werden. Das wäre doch für die EU eine Gelegenheit, ihre eigene globale Einflusssphäre zu erweitern. Das Brüsseler Handelsabkommen mit Mercosur stockt allerdings. Ändert Venezuela vielleicht noch etwas an dieser festgefahrenen Situation?
Andreas Rees:
Ja, ich hoffe das wirklich sehr. Der aktuelle Stand ist, dass die Europäische Union in den letzten ein bis zwei Tagen aufs Gaspedal getreten ist. Es ist endlich Bewegung reingekommen. Es könnte sogar kurzfristig zu einer Ratifizierung kommen durch die EU, der Hintergrund warum das so in Stocken geraten ist, einige EU-Länder hatten Sorgen wegen ihrer Agrarwirtschaft. Aber es ist wirklich für die Europäer wichtiger, denn je durch diesen starken machtpolitischen Ansatz von Trump, auch in der Handelspolitik und in der Rohstoffpolitik, dass da die Europäer versuchen, eigene Marktzugänge und Partnerschaften zu sichern, gerade mit ressourcenreichen Regionen wie Lateinamerika, das ist jetzt wirklich kein ‚nice to have‘ mehr, sondern ein absolutes Muss für eine bessere Risikodiversifizierung und auch natürlich für eine vernünftige europäische Industriepolitik.
Denn wir Europäer wir brauchen Abkommen mit verlässlichen Regeln, statt irgendwelche Ad-hoc-Abhängigkeiten. Das ist wirtschaftlich nicht vernünftig in dieser volatilen Welt. Und was natürlich auch eine wichtige Rolle spielt, das sollte man auch nicht vergessen, neben der Realpolitik, die Symbolik spielt jetzt natürlich aktuell auch eine ganz wichtige Rolle. Hat die Europäische Union noch die Kraft, größere Handelsabkommen abzuschließen, zu ratifizieren und zu liefern.
Das macht Sinn. Und ich denke auch mal auf der Mercosur-Seite macht es ja für die Südamerikaner auch Sinn, zumindest mehrgleisig zu fahren, mit der Europäischen Union, um zumindest ein bisschen ein Gegengewicht zu haben zu den USA und auch zu China.
Titus Kroder:
Nochmal im Detail nachgefragt, wie wird sich denn diese Venezuela-Aktion auf das Wachstum auswirken? Einerseits weltwirtschaftlich, aber auch in der EU, aber natürlich auch gefragt nach den Aussichten der deutschen Wirtschaft, was Wachstum angeht.
Andreas Rees:
Ja, ich hatte das schon zu Beginn ganz kurz gesagt, wir haben jetzt unsere Wachstumsprognosen nicht verändert. Es gibt wenig Anlass dazu, irgendwie, sozusagen, Veränderungen bei den Wachstums- und Zinsprognosen vorzunehmen. Das würde sich erst ändern, wenn wir jetzt wirklich deutlich stärkere Schwankungen sehen beim Ölpreis. Lange Rede, kurzer Sinn, wir haben unsere Prognosen nicht geändert.
Die Weltwirtschaft dürfte 2026 ganz ordentlich zulegen mit rund 3 Prozent, insgesamt das wäre in etwa das Tempo, was wir auch 2025 gesehen haben. Die US-Wirtschaft sollte dieses Jahr mit gut 2% wachsen, China mit 4 bis 4,5% und Deutschland mit gut 1%.
Titus Kroder:
Hypothetische Frage, die aber schnell virulent werden könnte. Was würde denn passieren, wenn die USA sich nun auch, wie schon mehrfach angedeutet, Grönland sichern wollen? Gleich nach Venezuela wurde von der US-Regierung schon wieder laut darüber nachgedacht über dieses Thema. Viel Worte, keine Taten bisher. Was wäre aber wirtschaftlich denn die Folge, wenn die Annexion Grönlands durch die USA tatsächlich erfolgen würde?
Andreas Rees:
Ich fange mal an, Titus. Ich denke, jeder hat da so ein bisschen seine eigene Meinung zu dem Thema. Das ist ja alles sehr, sehr unsicher. Und wir wollen ja im Podcast auch möglichst nah an der Realwirtschaft und an den Finanzmärkten bleiben. Aber wenn ich das vielleicht mal sagen darf, im Falle von Grönland, ich persönlich denke, das wäre, ist natürlich alles hypothetisch, aber das wäre ein Systemschock für die transatlantische Ordnung und für die NATO. Und wenn ich jetzt mal jemanden zitieren darf, die dänische Premierministerin, die hat ja davor gewarnt, dass eine Übernahme Grönlands faktisch das Ende der NATO bedeuten könnte oder bedeuten würde. Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen. Aus der Perspektive eines Volkswirts sehe ich das Risiko, dass es vielleicht zu einem Vertrauensschock in der europäischen Wirtschaft kommen könnte. Aber das muss auch zwangsläufig nicht so sein. Das ist jetzt meine persönliche Meinung, weil die Unsicherheit darüber, wie die Wirtschaftsteilnehmer dann konkret reagieren würden, das ist halt unglaublich hoch.
Was man, denke ich, auf jeden Fall sagen kann, weniger unsicher auf die weltweiten Rohstoffpreise, da sehe ich erstmal keine Auswirkungen. Natürlich ist Grönland rohstoffstrategisch sehr attraktiv, unter anderem auch mit seltenen Erden und weiteren kritischen Mineralien. So ganz genau weiß man das eigentlich nicht, was da noch alles unter dem Eis schlummert. Großes Potenzial, aber auch große Unsicherheit. Gleichzeitig muss man halt auch sehen, diese Rohstoffe unter dem Eis, die sind wirtschaftlich nur schwer zu erschließen, aufgrund des Klimas, aufgrund der mangelnden Infrastruktur, zumindest auf Sicht der nächsten Jahre. Deshalb würde es auch beim Zugriff der USA zu keinem schnellen Angebotsimpuls kommen bei Rohstoffen.
Titus Kroder:
Christian, Systemschock, Vertrauensschock hat Andreas gerade gesagt. Als Finanzmarktstratege müsste er solche Risiken, seien sie auch noch so klein, ja irgendwie auch auf dem Schirm haben. Was würde denn ein echter Grönland-Konflikt bedeuten für den Aktienmarkt?
Christian Stocker:
Ja Titus, ein solcher Schritt, so hypothetisch er im Augenblick auch scheint, würde eine Vielzahl an Fragen aufwerfen. Lassen wir kurzfristig mögliche Implikationen auf die Kapitalmärkte einmal außer Acht sie würden definitiv negativ sein, keine Frage. Aber die mittel- bis längerfristigen Aussichten auf die Aktienmärkte, alleine der Gedankenspiele beziehungsweise der Möglichkeit einer militärischen Annexion von Grönland durch die USA, die sind sehr, sehr bedeutend. Entscheidend ist nämlich, wie verlässlich sind sicher geglaubte Allianzen und die bisherige Sicherheitsarchitektur tatsächlich noch. Gerade für Anleger in Europa würde dies ein wachsendes strukturelles Standortrisiko bedeuten. Und in einem Umfeld geopolitischer Volatilität steigen üblicherweise die Risikoprämien am Aktienmarkt. Und solche strukturellen Risiken, die schlagen sich an den Finanzmärkten plötzlich, selten abrupt nieder. Sie wirken vielmehr schleichend und gerade dann, wenn sich die wahrgenommenen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, wenn sich die Stabilität und die Planungssicherheit von Standorten verändert.
Das heißt, eine aufgrund von sicherheitspolitischen Erwägungen erhöhte Risikoprämie am Aktienmarkt, die limitiert immer das Potenzial des Aktienmarktes und führt mittelfristig zu höheren Schwankungen.
Titus Kroder:
Venezuela und die Folgen. Im HVB Markt-Briefing ging es heute um die weitere Festigung der neuen Weltordnung durch die USA. Wir stellen fest, China und USA liegen inzwischen klar auf Kurs, was die einseitige Sicherung ihrer wirtschaftlichen Einflusssphären angeht und Samthandschuhe und Diplomatie werden dabei immer öfter abgelegt. Und Europa sollte sich beeilen, mit dieser neuen Weltordnung mitzuhalten und eben das Beste draus zu machen.
Ihre Themenvorschläge und Hinweise sind hoch willkommen auf der E-Mail markt-briefing@unicredit.de. Wir melden uns in 14 Tagen wieder mit neuen Infos und Analysen, hoffentlich nicht mit einer neuen geopolitischen Krise. Machen Sie es gut derweil. Das Team Markt-Briefing waren heute:
Andreas Rees, Christian Stocker, Philip Gisdakis und Titus Kroder.
Tschüss und bis zum nächsten Mal.