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HVB Markt-Briefing – Audio vom 05.03.2026, 09:00 Uhr

Sonderfolge Iran-Krise: Trendwende an den globalen Märkten – oder nur ein kurzer Schock?

Andreas Rees:
Im Zuge des Russland-Ukraine-Krieges sind die Öl- und Gaspreise wesentlich stärker angestiegen, als das, was wir jetzt in den letzten Tagen gesehen haben, weil wir damals von russischer Energie wesentlich stärker abhängig waren, als von Energie aus dem Mittleren Osten, insbesondere aus einer europäischen Perspektive.

Christian Stocker:
In einem Szenario, in dem der Iran weitestgehend militärisch besiegt ist, die Wahrscheinlichkeit eines Gegenschlages auf Öl- und Gasfelder ausgeschlossen werden kann, befinden wir uns aktuell im Bereich der Tiefkurse. Das heißt, wir könnten die nächsten Wochen etwas seitwärts gehen und dann wieder positiv darauf aufbauen.

Philip Gisdakis:
Es gab vor dem Ausbruch dieses Krieges schon die Frage „AI eats software“, Fragen zu möglichen Blasenbildungen bei KI oder die Frage, welche Dramatik das Thema ‚Private Credit‘ in den USA entwickelt. Deswegen macht es Sinn, das Ganze sehr zu beobachten und ein bisschen vorsichtiger zu agieren.

Titus Kroder:
Das HVB Markt-Briefing der HypoVereinsbank meldet sich zurück, mit allem, was wichtig ist für Investoren und Unternehmer. Herzlich willkommen, sagt Titus Kroder.

Die Geopolitik, diesen Begriff hätte man in den vergangenen zwölf Monaten in Wirtschafts- und Finanzmarktkreisen ohne Weiteres zum Wort des Jahres erklären können. Auch bei uns tauchte dieses abstrakt wirkende Wort in fast jeder Ausgabe des Markt-Briefings auf, und mehr denn je steht es auch heute in der Podcast-Episode wieder im Mittelpunkt. Denn ein lange in der Luft liegendes geopolitisches Risiko hat sich in den letzten Tagen zu einem handfesten Krieg manifestiert.

Der Nahe Osten wird erschüttert von „Epic Fury“, vom Angriff auf den Iran durch die Streitkräfte der USA und Israels, und von der entsprechenden Gegenwehr des angegriffenen Landes. Viel menschliches Leid gibt es da, eine ganze Reihe von weltwirtschaftlichen Risiken bringen die dramatischen Geschehnisse in der Golfregion aber auch mit sich. Die Inflation könnte zum Beispiel ansteigen, das Wachstum gebremst werden, eine Energiekrise ausbrechen. Ist das der Anfang einer Großkrise, oder eine eher momentane ökonomische Disruption, die sich bald wieder einrenkt? Das ist die zentrale Frage.

Gleich drei Experten der HVB stehen uns Rede und Antwort: Andreas Rees, der die makroökonomische Sicht auf die Geschehnisse im Blick hat, Christian Stocker und Philipp Gisdakis, die für uns die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte unter die Lupe nehmen. Hallo an euch drei, danke schon mal für eure Zeit in diesen hektischen Zeiten.

Andreas Rees:
Hallo, grüßt euch.

Christian Stocker:
Hallo zusammen, viele Grüße aus München.

Philip Gisdakis:
Hallo, ich grüße euch.

Titus Kroder:
Heute ist Donnerstag, der 5. März, neun Uhr morgens. Eine pauschale makroökonomische Betrachtung ist vielleicht der beste Weg, um in das Thema reinzukommen. Andreas, du bist Chefvolkswirt der HVB. Dieser Krieg ist nicht der erste Nahostkonflikt, aber eben einer, der etliche wirtschaftliche Schmerzpunkte berührt. Um die zehn Länder hat Iran inzwischen mit Drohnen und Raketen beschossen. Globale Branchen wie Tourismus, Logistik, Luftfahrt und sogar die Düngemittelindustrie sind negativ betroffen. Vieles dreht sich aber natürlich auch um Öl und Gas, als Treibstoffe der Wertschöpfung in so vielen Ländern. Die Straße von Hormus liegt mitten im Kriegsgebiet. Um die zwanzig Prozent der globalen Öl- und Flüssiggasproduktion passiert diese etwa sechzig Kilometer breite Meerenge zwischen Oman und Iran normalerweise. Derzeit ist die Passage unbefahrbar für Tankschiffe und Frachter. Entsprechend schossen die Gaspreise in den letzten Tagen auf das höchste Niveau seit drei Jahren. Der Ölpreis kratzte kurzzeitig an der 85-Dollar-Marke. Unterscheidet sich für dich diese Krise vom Ausbruch des Ukrainekriegs damals, der auch eine weltweite Energie- und Lieferkettenkrise auslöste? Wie stark ist diesmal in deiner Einschätzung die Weltwirtschaft betroffen?

Andreas Rees:
Ja, es gibt wirklich Unterschiede, und das ist entscheidend. Im Zuge des Russland-Ukraine-Krieges sind die Öl- und Gaspreise damals wesentlich stärker angestiegen, als das, was wir jetzt in den letzten Tagen gesehen haben. Und auch wenn die Preise für Öl und Gas in den nächsten Tagen und Wochen weiter steigen sollten - das war damals nach dem Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts eine andere Hausnummer - insbesondere bei den Gaspreisen, weil wir von russischer Energie wesentlich stärker abhängig waren, als von Energie aus dem Mittleren Osten, insbesondere aus einer europäischen Perspektive.

Du hast die Frage gestellt, die Auswirkung auf das Wachstum. Wenn ich mir das weltwirtschaftlich anschaue, wird das Wachstum kosten, aber Stand heute würde ich sagen, es gehen wirklich nur wenige Zehntel Wachstumspunkte verloren. Wir sind vor dem Ausbruch des Krieges von einem Wachstum der Weltwirtschaft von rund drei Prozent ausgegangen im Jahr 2026. Jetzt rutschen wir etwas unter die Marke von drei Prozent, würde ich grob sagen, aber wirklich nur vergleichsweise wenig. Natürlich ist im Moment sehr viel Unsicherheit dabei, man muss in Szenarien denken, aber bislang hält sich der bremsende Effekt in Grenzen.

Titus Kroder:
Die Aktienmärkte haben sichtlich nervös reagiert. Der DAX hat seit Ausbruch der Kampfhandlungen um die 1000 Punkte verloren. Christian, als leitender Aktienstratege der HypoVereinsbank blickst du vermutlich in dieser Phase alle paar Minuten auf den Bloomberg-Ticker. Mal kurz zusammengefasst, wie wird sich diese Krise deiner Meinung nach an den Börsen weiterentwickeln, und wie sollen Anleger entscheiden, ob nun Verkaufen oder Halten angeraten ist?

Christian Stocker:
Für die Aktienmärkte gibt es zwei zentrale Szenarien. Entscheidend ist, wie lange die Krise dauert. Wird sie sich moderat entwickeln, oder wird es eine Verschärfung geben?

In einem Szenario, in dem sich die Krise moderat entwickelt, das heißt, in dem der Iran weitestgehend militärisch besiegt ist und die Wahrscheinlichkeit eines großen Rückschlages oder Gegenschlages des Iran auf Öl- und Gasfelder beziehungsweise Raffinerien weitestgehend ausgeschlossen werden kann, sind wir in einem Szenario, in dem in den nächsten Wochen eine Stabilisierung stattfindet. Die Unsicherheit ist weiter vorhanden, es köchelt weiter vor sich hin, die Situation wird aber nicht überkochen. Und in diesem Szenario, wovon ich persönlich ausgehe, befinden wir uns aktuell im Bereich der Tiefkurse. Das heißt, wir könnten die nächsten Wochen etwas seitwärts gehen und dann wieder positiv darauf aufbauen.

Sollte sich ein Szenario ergeben, dass das Umfeld eskaliert, dass Öl- und Gasfelder vom Iran weiterhin angegriffen werden können, beziehungsweise dass beispielsweise die Straße von Hormus unpassierbar ist, das heißt, die Energieversorgung für längere Zeit stark eingeschränkt ist, sind wir in einem anderen Szenario, das in meinen Augen eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit hat. Aber dieses Szenario ist vorhanden, man kann es nicht wirklich sagen. Dann müssten wir uns darauf einstellen, dass die Kurse in die Bereiche fallen können, die wir im September letzten Jahres gesehen haben.

Titus Kroder:
Zwei Szenarien also. Ein erfahrener Chief Investment Officer bricht auch bei dieser Krise nicht gleich in Panik aus. Philip, du bist so einer, schätze ich. Du bist Chefanlagestratege der HVB, du hast den dreißigprozentigen Knick der Märkte nach Ausbruch der Pandemie mitgemacht und zahlreiche weitere Kursdellen und Rücksetzer seither. Wie schnell werden deiner Einschätzung nach die Märkte bei dieser Krise wieder in ein neues, stabileres Risikoumfeld kommen?

Philip Gisdakis:
Für meine Antwort muss ich zunächst etwas finanzmathematisch nerdig werden, aber ich komme gleich zur realen Welt zurück. Marktphasen, die stark vom Risiko eines dramatischen Ereignisses getrieben sind, haben häufig einen charakteristischen Wahrscheinlichkeitsverlauf. In so einem Umfeld nimmt häufig die sogenannte marginale Ereigniswahrscheinlichkeit mit der Zeit ab. Jetzt erkläre ich kurz, was ich damit meine und warum ich denke, dass das auch auf die aktuelle Situation passt. Zunächst muss ich definieren, was „Ereignis“ ist. In diesem Fall meine ich mit Ereignis eine zusätzliche dramatische Eskalation des Konflikts. Mit marginalem Wahrscheinlichkeitsverlauf meine ich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Situation sich zum Beispiel Ende der kommenden Woche noch einmal dramatisch verschärft, unter der Bedingung, dass sie sich bis dahin nicht noch einmal dramatisch verschärft hat, geringer ist, als die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich am Anfang der kommenden Woche verschärft. Wichtig ist, die marginale, sozusagen isolierte Phase. Kumulierte Wahrscheinlichkeit ist natürlich anders. Kumuliert ist die Wahrscheinlichkeit von jetzt bis Ende der kommenden Woche größer, als von jetzt bis Anfang der kommenden Woche, aber marginal nimmt diese Wahrscheinlichkeit typischerweise ab.

Warum ist das so? Die USA und Israel versuchen unter anderem mit ihren Luftangriffen die Raketen und die Abschussvorrichtungen des Irans zu zerstören. Der Iran hat also einen Anreiz, die Situation möglichst schnell zu eskalieren und damit Druck auf die USA zu erhöhen, schnell mit den Angriffen aufzuhören. Kurzfristig gibt es ein Gegenargument, wenn man es auf Tage sich anschaut, denn der Iran scheint aktuell bemüht zu sein, die Abfangmunition der Golfstaaten abzunutzen, die ist begrenzt, und irgendwann haben sie nicht mehr genug. Dann könnte es dem Iran leichter fallen, Schaden anzurichten. Dennoch gilt, dass die USA bemüht sein werden, bis dahin so viel wie möglich von der notwendigen Raketeninfrastruktur zu zerstören. Und der Iran macht diese Eskalation nur, weil er einen Anreiz geben möchte, dass die USA deeskalieren. Es gibt zum Beispiel keinen Anreiz für den Iran zu eskalieren, wenn die USA den Druck reduziert haben, also nicht mehr so stark angreifen.

Für die Märkte bedeutet das, dass wir vermutlich relativ kurzfristig, bereits in den kommenden Tagen, Klarheit darüber haben werden, ob das moderate Szenario eintritt oder das Risikoszenario. Wenn bis Ende der kommenden Woche keine dramatische Eskalation kommt, sind wir vermutlich im Basisszenario eines moderaten Impacts auf die Märkte.

Titus Kroder:
Ende der kommenden Woche, das wäre der 13. März 2026.

Christian, der Blick auf die Regionen, also der Vergleich der Aktienmärkte USA und Europa, da haben wir immer wieder drüber gesprochen im Podcast. Lange zogen die US-Märkte die globalen Börsen hinterher, dann wurde Europa, lange vernachlässigt, zum Favoriten. Im Licht der Irankrise, in der aktuellen Phase, hast du von zwei Szenarien gesprochen, die man auf dem Schirm haben muss. Welche Überlegungen muss ein Anleger anstellen, um sich gut zu positionieren?

Christian Stocker:
In beiden Szenarien haben die USA deutliche Vorteile gegenüber anderen Regionen wie Europa oder den Emerging Markets. Die letzten Tage haben gezeigt, der US-Aktienmarkt ist von den aktuellen Geschehnissen im Iran, im Mittleren Osten, so gut wie überhaupt nicht betroffen. Anfang der Woche hat der US-Aktienmarkt ein knappes Prozent verloren, gestern hat er schon wieder deutlich gewonnen. Das heißt, wir sind im Vergleich zu den Kursen vor dem Ausbruch der Mittelostkrise mehr oder weniger unverändert in Bezug auf den S&P 500. Es hat einen wichtigen Grund: Die USA sind weitestgehend autark bezüglich Öl- und Gaslieferungen, die USA sind sogar ein Nettoexporteur von Öl und Gas. Wir bekommen in Europa rund fünfzig Prozent unserer LNG‑Versorgung aus den USA. Das heißt, eine mögliche Verknappung des Energieangebotes global trifft die USA so gut wie nicht, da sind Europa und die Emerging Markets deutlich stärker betroffen. Der S&P 500 hat nur sehr moderat verloren.

Auf der anderen Seite sind Europa und die Emerging Markets sehr viel stärker abhängig von den Energielieferungen. Wir sind Nettoimporteure, sowohl in Europa als auch in den Emerging Markets. Und kriegerische Auseinandersetzungen führen dazu, dass Kapital in Bereiche fließt, die einen vermeintlich sicheren Hafen darstellen, in Länder, die militärisch stark sind. Die USA sind nach wie vor die stärkste globale Macht, militärisch gesehen. Das sieht man auch am US‑Dollar, der deutlich stärker geworden ist. Das sind kurzfristige Effekte, die für den US‑Kapitalmarkt sprechen. Auf der anderen Seite hat der DAX diese Woche bereits rund sechs Prozent verloren, der Euro Stoxx 50 ähnlich viel. Die Emerging Markets haben im Verlauf der Woche sogar neun Prozent verloren. Da sieht man die Auswirkungen, und es hängt alles an der Möglichkeit oder der Gefahr des Risikos, dass die Energieversorgung eingeschränkt sei.

Titus Kroder:
Andreas, die unterschiedlichen Weltregionen muss man auch makroökonomisch aufschlüsseln, was die Auswirkungen der Öl- und Gaspreise angeht. Beide Rohstoffe sind kritisch notwendig, gerade für die hoch industrialisierten Länder. Wer kommt stark in Bedrängnis dadurch, dass die Energielieferungen durch den Irankrieg kurz- oder sogar mittelfristig ins Stocken geraten könnten?

Andreas Rees:
Die USA sind Nettoenergieexporteur. Das heißt, sie sind weitestgehend autark, weil sie große Teile ihrer Energie selbst produzieren, gerade bei Öl und Erdgas durch Fracking. Allerdings ist der amerikanische Energiemarkt kein vollkommen abgeschotteter Markt. Preissteigerungen bei Öl und Gas kommen auch in den USA an, zumindest teilweise. Nicht so stark, aber schon ein bisschen. Es wird den amerikanischen Privathaushalten und Unternehmen ein bisschen wehtun, nicht viel, aber gerade an der Zapfsäule.

Schaut man auf China, liegt die Selbstversorgungsquote bei Energie bei über 80 Prozent, weil Kohle, Atomkraft und erneuerbare Energien eine wichtige Rolle spielen. Bei den Energieträgern Öl und Gas ist die Importabhängigkeit hoch, und viel von dem, was normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert wird, geht nach Südostasien, nach China, Taiwan, Südkorea und Japan. China hat immer noch eine vergleichsweise hohe Energieintensität. Pro US‑Dollar an Wertschöpfung wird deutlich mehr Energie in China verbraucht, als in den USA und gerade hier in Europa, wo wir eine wesentlich höhere Energieeffizienz haben. Ein paar Zehntel Wachstum wird es in China vermutlich kosten, aber eine ganz starke Belastung sehe ich nicht.

Titus Kroder:
Wie sieht es in Europa aus? Das ist aus unserer Perspektive besonders wichtig, notorisch schlecht ausgestattet mit eigenen fossilen Energiequellen. In Deutschland brauchen wir immer noch jeden Tag über zwei Millionen Barrel Öl, um das Land am Laufen zu halten. Wie stehen wir aktuell bei der Versorgung mit Öl und Gas da, jetzt, wo ein weiterer Nahostkrieg aufgeflammt ist?

Andreas Rees:
Die Versorgungssicherheit in Europa ist gewährleistet. Die Selbstversorgungsquote bei Energie in der EU ist deutlich niedriger als in den USA oder als das, was ich über China gesagt habe. Die europäische Selbstversorgungsquote liegt nur bei rund vierzig Prozent. Allerdings fällt die Abhängigkeit von Öl und Gas aus dem Mittleren Osten aus europäischer Sicht relativ gering aus. Es ist keine Wiederholung dessen, was wir nach dem Beginn des Russland‑Ukraine‑Krieges gesehen haben. Damals waren wir sehr stark abhängig von russischem Gas und Öl. Diese Rolle hat der Mittlere Osten heute für Europa nicht.

Bei Öl sind die Hauptlieferanten Norwegen, die USA und Kasachstan. Auch bei LNG ist die Abhängigkeit vom europäischen Raum eher gering. Zuletzt sind nur rund sechs Prozent des LNG aus Katar in die EU gekommen. Sogar sechzig Prozent des LNG kommen aus den USA. Es gibt Unterschiede je nach EU‑Land. Frankreich, Italien und Spanien haben bislang mehr LNG aus Katar bezogen, und in diesen Ländern spielt LNG und die Infrastruktur eine größere Rolle bei der Gasversorgung als in Deutschland. Aus deutscher Perspektive hat LNG aus Katar bei der Versorgung bislang nur eine sehr geringe Rolle gespielt. Es war geplant, die Importe in diesem Jahr hochzufahren, um weniger abhängig zu werden von den USA, aber das war der Plan. Von daher sind die Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit in Deutschland sehr gering.

Titus Kroder:
Kleine Begriffsklärung: LNG sind Flüssiggasbestände, die in die Gasmärkte eingespeist werden. Ein Aspekt interessiert mich: Die Gaspreise sind sofort nach Ausbruch des Konflikts nach oben geschossen, in Europa nicht so sehr die Notierungen an den Ölmärkten. Als Verbraucher bekommen wir erzählt, dass diese Preise eng zusammenhängen. Was steckt hinter dieser Diskrepanz?

Andreas Rees:
Relativ gesehen gab es bei den europäischen Gaspreisen einen deutlich stärkeren Anstieg auf den Spotmärkten, allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau. Der LNG‑Markt ist ein globaler Markt. China und einige andere asiatische Länder haben bislang viel LNG aus Katar bezogen. Dieses Angebot fällt jetzt aus, und das treibt den Preis global nach oben. Außerdem sind in der EU die Gasspeicherstände im Augenblick sehr niedrig. Normalerweise stabilisieren sich die Speicherstände im März wegen milderer Temperaturen, und im Verlauf des Jahres werden die Speicher wieder aufgefüllt. Das treibt im Moment die Preise: Die Märkte sehen, dass aufgefüllt werden muss, und deshalb steigen die Preise.

Titus Kroder:
Bleiben wir bei den Gaspreisen. Christian, du hast den Zusammenhang zwischen Gaspreisen und bestimmten Branchen in der Börsenperformance angesehen. Was hast du herausgefunden, was man Anlegerinnen und Anlegern jetzt als Leitlinie mitgeben kann?

Christian Stocker:
Wir haben heute Früh ein Paper herausgebracht, unseren „Coffee Break“, den wir täglich zu aktuellen Themen veröffentlichen. Darin beleuchte ich den Zusammenhang zwischen Energiepreisen, speziell Gaspreisen, und der Performance der verschiedenen Industriesektoren beziehungsweise Aktienmarktsektoren in Europa. Wir haben uns angeschaut, welchen Einfluss Gaspreisschwankungen auf die Performance verschiedener Sektoren hatten und wie hoch die Korrelation in der Vergangenheit war, speziell im Zeitraum 2022 bis 2023, als wir durch die Ukraine‑Krise kein Gas mehr bekommen haben. Das ist für uns ein Blueprint, wie die aktuelle Situation bewertet werden kann. Es kristallisiert sich heraus, dass es Sektoren gibt, die relativ gegenüber dem Gesamtmarkt eher profitieren, und Sektoren, die negativ betroffen sind. Ein Sektor, der absolut positiv profitiert, ist der Energiesektor, also Öl‑ und Gasunternehmen. Relativ betrachtet, also welche Sektoren sich besser entwickeln als der Gesamtmarkt, sind es grob die defensiven Sektoren, die nicht stark abhängig sind von der Konjunktur: Nahrungsmittelhersteller, Healthcare, also Pharmaunternehmen, und die Energieversorger insgesamt. Auf der anderen Seite leiden energieintensive Sektoren wie der Chemiesektor und die Automobilindustrie sehr stark. Auch Banken und Versicherungen haben zuletzt deutliche Rückschläge erlitten. Bleiben die Energiepreise hoch, kommen inflationäre Effekte, möglicherweise Zinserhöhungen, und das ist schlecht für das Geschäft von Banken und Versicherungen.

Titus Kroder:
Über Inflation sprechen wir gleich noch. Philip, kurz hörte man nach Ausbruch des Konflikts in der Golfregion die Meinung, dass der sichere Hafen Dollar und auch die US‑Treasuries, die Staatsanleihen, nicht mehr attraktiv seien, so wie es in Konfliktsituationen regelmäßig beobachtet war. Ein paar Tage nach Ausbruch des Konflikts, wie ist diese These einzuschätzen? Hat sie für dich noch Bestand?

Philip Gisdakis:
Der US‑Dollar und die US‑Staatsanleihen haben tatsächlich als sicherer Hafen funktioniert. Das war für mich eine wesentliche Frage, die ich als erstes am Montag früh an den Märkten überprüft habe: dass der US‑Dollar aufgewertet hat und die US‑Staatsanleihen-Renditen gefallen sind. Das war die erste Reaktion. Das hat gut funktioniert. In so einer Phase ist es für die Finanzstabilität sehr wichtig, dass es einen sicheren Hafen gibt.

Der US‑Dollar hat weiter aufgewertet. Die US‑Staatsanleihen-Renditen sind gestiegen. Das ist verständlich, denn die Unterbrechung der Straße von Hormus, der Anstieg des Öl- und Gaspreises führen zu einem Drohszenario steigender Inflation. Das bedeutet, dass der Spielraum für Zentralbanken, wie die Federal Reserve, die eigentlich die Zinsen senken wollen, geringer wird, das schnell zu tun. Das reflektiert sich an steigenden, langlaufenden Renditen. Möglicherweise müssen die Zentralbanken die Zinsen anheben. Renditesteigernd wirkt die Tatsache, dass dieser Krieg viel Geld kostet. Das heißt, das US‑Treasury muss mehr Anleihen begeben, um den Krieg zu finanzieren. Dazu kommt ein weiterer Faktor: Die USA sind ein erdölexportierendes Land. Es gibt eine starke Industrie, die von steigenden Ölpreisen profitieren wird. Viele Teile der Bevölkerung profitieren nicht, weil die Kosten steigen, aber die ölabhängige Industrie verdient mehr. Das bedeutet für die Regionen, in denen Erdöl in den USA produziert wird, Unterstützung. In so einem Umfeld kann der Dollar stärker werden und die Renditen für US‑Staatsanleihen ebenfalls ansteigen. Das hat gut funktioniert, und das war wichtig, weil damit klar war, dass das nicht zu einer Finanzkrise führt.

Titus Kroder:
Wie sieht das mit dem sicheren Hafen Gold aus? Eine Spitze von 5300 Dollar, das war die Notierung für eine Unze Gold am Montag nach Ausbruch des Kriegs. Das war der typische „War‑Bump“, der kurze erste Kriegszacken des Goldpreises, den man fast immer bei solchen Ereignissen beobachten kann. Dann bröckelten die Notierungen. So heiß ist Gold also nicht mehr als Fluchtmedium, oder wie siehst du das?

Philip Gisdakis:
Der Markt hat gut funktioniert. Es gab zuerst den Sprung nach oben, dann ging es nach unten. Meine Interpretation für den Rückgang des Goldpreises, der nicht stark war, liegt daran, dass der US‑Dollar stärker geworden ist. Der Aufwärtsdruck beim Goldpreis der letzten Wochen vor dem Ausbruch des Krieges lag wesentlich daran, dass man sich Sorgen über die Stabilität und den Wert des US‑Dollars gemacht hat und in Gold diversifiziert wurde. Wenn der US‑Dollar wieder stärker wird, wird ein Teil dieses Drucks abgebaut.

Beim Gold gibt es noch einen anderen Faktor, insbesondere in der Golfregion. Dubai ist ein wesentlicher Handelsplatz für physisches Gold. Zwanzig Prozent der globalen Goldflüsse gehen durch Dubai, insbesondere das Gold, das in Afrika gefördert wird und dann nach Asien transportiert wird. Wenn aufgrund der Flugunterbrechungen, aber auch der Schließung der Straße von Hormus, Unterbrechungen in diesen Goldflüssen da sind, kann das zu zusätzlicher Volatilität führen und zu einer Knappheit von physischem Gold in Asien. Das kann, wie gesagt, zu Volatilität führen, ist aber nur ein Nebeneffekt. Die Tatsache, dass der Goldpreis gefallen ist, liegt an dem starken US‑Dollar.

Titus Kroder:
Andreas, das Stichwort Inflation fiel ein paar Mal. Kommt durch höhere Inputpreise, durch teurere Energie und Rohstoffe, neuer Aufwärtsdruck auf die Preise? Was machen die Zentralbanken, die zumindest in Europa gerade ihre Zielmarke von rund zwei Prozent Inflation erreicht haben?

Andreas Rees:
Kurzfristig werden wir höhere Inflationsraten in sehr vielen Ländern sehen, in Industrie- und Schwellenländern, in unterschiedlichem Ausmaß, je nachdem, wie stark die Abhängigkeit von Energie aus dem Mittleren Osten und die Energieintensität ist. Denkt man über die nächsten Monate, ist nichts klar. Es hängt davon ab, wie lange der Krieg anhält, wie stark Öl- und Gaspreise reagieren. Kommen sie nach einem möglichen Ende des Krieges wieder runter, würde sich der Inflationsdruck abbauen. Das wissen wir im Augenblick nicht.

Zeitnah dürften weder die Fed noch die EZB reagieren. Beide Notenbanken sind gebrannte Kinder. Nach Russland‑Ukraine wollte man am Anfang die Zinsen nicht anheben, weil es ein Energieschock sei. Damals haben sich höhere Energiekosten in den Preisen festgefressen, es gab Zweitrundeneffekte bei der Inflation. Also schauen die Notenbanken sehr stark darauf, sind aber aufgrund der hohen Unsicherheit im Beobachtungsstatus.

Es gibt von der EZB eine interessante Risikoanalyse zum Thema, veröffentlicht Ende 2023. Das hilft für die konkrete Prognose nicht weiter, weil wir neben höherer Inflation den klassischen Zielkonflikt haben: Inflation erst einmal hoch, gleichzeitig eine Belastung für die Konjunktur, was tendenziell inflationsdämpfend wirken könnte. Aus Prognosesicht fahren wir auf Sicht. Wir haben die Prognosen nicht verändert. Bei der EZB erwarten wir unverändert einen Leitzins von zwei Prozent, bei der Fed nur eine Zinssenkung um 25 Basispunkte in diesem Jahr. Bei der Fed sehe ich die größten Prognoserisiken und mögliche Überraschungen. In gut zwei Monaten bekommen wir einen neuen Fed‑Chef. Es gibt politischen Druck von Trump auf die amerikanische Notenbank, und dazu kommen höhere Energiekosten. Komplexer geht es fast nicht.

Titus Kroder:
Wir verlinken alle in diesem Podcast erwähnten Studien und Research Papers in den Shownotes. Philip, noch kurz zum Abschluss: Habt ihr im Portfolio schon etwas unternommen wegen Iran, und was könnte passieren, wenn die Krise unerwartet lange weiter schwelt?

Philip Gisdakis:
Wichtig ist zunächst, was wir wegen der Krise noch nicht an Portfolioanpassungen gemacht haben. Wir hatten vor, unser Portfolio etwas zu adjustieren, indem wir auf der Aktienseite von den USA, also US‑Aktien, in Richtung Schwellenländer Asien, Japan, Pazifik tauschen. Davon sehen wir jetzt zunächst ab, weil es so aussieht, dass aufgrund eines möglichen Energieengpasses die asiatische Wirtschaft stärker negativ getroffen sein wird als Europa, und die USA von allen am wenigsten. Deswegen warten wir mit diesem Switch. Wenn sich das moderate Szenario einstellen sollte, macht es vermutlich Sinn, diese Allokation beziehungsweise Änderung durchzuführen.

Generell gilt: Zusätzlich zu den in diesem Podcast besprochenen konkreten Risiken gibt es in einer Stresssituation immer ein allgemeines Risiko. Je länger Märkte und Wirtschaft unter größerem Stress leiden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo unrelated „schwarze Schwäne“ auftreten. Es gab vor dem Ausbruch dieses Krieges schon das eine oder andere heiß diskutierte Thema. In den USA zum Beispiel die Frage „AI eats software“, der Nasdaq war schwach wegen Sorgen, welche Auswirkungen KI auf die Softwarebranche haben könnte, Fragen zu möglichen Blasenbildungen bei KI, oder zuletzt die Frage, welche Dramatik das Thema ‚Private Credit‘ in den USA entwickelt, und könnte das US‑Bankensystem dabei sein? Wenn Stress im Finanzmarkt länger anhält, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es schwarze Schwäne gibt. Deswegen macht es Sinn, das Ganze sehr zu beobachten und ein bisschen vorsichtiger zu agieren. Wenn sich abzeichnet, dass die Wahrscheinlichkeitsstruktur, so wie ich sie angesprochen habe, sich so entwickelt, dass der Stress abnimmt, kann es Sinn machen, die ursprüngliche Strategie, etwas aus den USA in Richtung Asien umzuschichten, vorzunehmen.

Titus Kroder:
„Epic Fury“, das ist das Codewort für den Militäreinsatz gegen den Iran. Epische Wut erschüttert den Nahen Osten. Unmut hat vielleicht auch der ein oder andere Autofahrer an der Zapfsäule erlebt. Wir haben analysiert, was der Irankonflikt für Wirtschaft und Finanzmärkte bedeutet. Die Folgen werden sich eher früher als später zeigen, meinen die Experten der HVB. Eine handfeste Energie‑, Wirtschafts‑ oder gar Finanzkrise gilt eher als Außenseiter‑Szenario. Mit den dramatischen Folgen etwa der Ukraine‑Krise ist das, was man bisher sehen kann, nicht zu vergleichen.

Ich danke euch für den raschen und unkomplizierten Analyseeinsatz. Wir behalten auch diesen Konflikt im Auge. Liken, teilen und empfehlen Sie das HVB Markt-Briefing. Senden Sie Vorschläge, Kommentare und Hinweise an markt-briefing@unicredit.de. Wir greifen das gerne auf. In 14 Tagen geht es weiter mit dem nächsten Podcast. Bis dahin sagen Tschüss: Andreas Rees, Christian Stocker, Philip Gisdakis und Titus Kroder.