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HVB Markt-Briefing – Audio vom 13.07.2025

Iran: Wie hat der Energieschock die Aktienmärkte verändert? +++ Osteuropa: Welche Risiken drohen?

Christian Stocker:

Die wichtigste mittel- bis langfristige Bewertungsänderung nach dem Energiepreisschock ist eine Verschiebung von der reinen Kosteneffizienz hin zu Energiesicherheit, hin zu Infrastruktur und Resilienz. Gewinner dieser Neubewertung sind vor allem Netz-Elektrifizierungs- und ausgewählte Erneuerbareenergie-Unternehmen. Verlierer sind die energieintensiven Branchen, deren Geschäftsmodelle stärker von volatilen Energiepreisen abhängig sind.

 

Eszter Gárgyán:

Man kann sagen, dass wirtschaftlich Osteuropa ziemlich resilient in diesem Energieschock geblieben ist. Dahinter steckt die starke Konsumnachfrage einerseits und andererseits eine große Unterstützung von öffentlichen Investitionen. Und in diesem Umfeld können die osteuropäischen Börsen stark von der Binnennachfrage profitieren, weil eben die Unternehmen, die an diesen Börsen gelistet sind, deutlich auf den Binnenmarkt orientiert sind, wie zum Beispiel neben dem Energiesektor, die Banken, die Pharma- oder Telekomunternehmen. Die haben im Durchschnitt einen über 25% Gewinn seit Jahresanfang gezeigt.

 

Titus Kroder:

Herzlich willkommen, das Markt-Briefing  der HVB meldet sich mit Ausgabe 139. Es ist eine Episode, in der wir uns einmal mehr die die Energie- und Finanzmärkte ansehen. Es gab in der ersten Jahreshälfte einen Energiepreisschock durch den Irankrieg. Der Rohölpreis kletterte auf dreistellige Notierungen. Von der härtesten Energiekrise seit den 70er Jahren war bei einigen Experten sogar schon die Rede. Die Energiepreise sind inzwischen in etwa wieder auf das Niveau vor dem Konflikt gefallen, aber was ist da nun eigentlich los?

 

Nach diesem Schock verlassen die Anleger wieder die sicheren Häfen. Wie positioniert man sich gegen neue Erschütterungen, die ja jederzeit wieder möglich sind? Was ist das neue Normal nach dem Iran-Schock? Das sagt uns Christian Stocker, Leitender Aktienstratege der HypoVereinsbank. Hallo Christian.

Christian Stocker:

Hallo Titus.

 

Titus Kroder:

Einen Blick richten wir heute auch auf unsere östlichen Nachbarn Polen, Tschechien, Rumänien. Diese Länder befinden sich in einer ganz besonders gespannten geopolitischen Lage durch die Nähe zu Russland. Die Achterbahnfahrt an den Energiemärkten wirkte sich auch dort aus. Wie genau, das sagt uns heute Esther Gárgyán, die Osteuropa-Expertin der HVB. Hallo Esther.

 

Eszter Gárgyán:

Hallo Titus.

 

Titus Kroder:

Christian, der Irankonflikt hat sich gerade etwas beruhigt. An den Ölmärkten stehen heute am 9. Juli knapp 80 Dollar auf der Uhr. Lass uns mal kurzfristig Bilanz ziehen. Wer gehört nun nach dem ersten Ölschock zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern am Aktienmarkt? Und vor allem, was sind die Gründe dafür?

 

Christian Stocker:

Ja, Titus, sehr gute Fragen, was uns die letzten Monate, speziell der März und der April, gezeigt haben mit diesen starken Energiepreisanstiegen. Es gibt meist wirklich sehr klare Gewinner und sehr klare Verlierer. Es profitieren vor allem Unternehmen, die Energie fördern oder mit Energie handeln oder auch Unternehmen und die zur Energiesicherheit beitragen. Während energieintensive Branchen unter Margendruck geraten.

 

Das heißt ganz klar, die Kurse von Öl- und Gasunternehmen sind in der ersten Jahreshälfte um 40% teilweise gestiegen. Das ist auch ganz offensichtlich. Auf der anderen Seite profitieren natürlich auch Infrastrukturunternehmen, so als Beispiel Pipelinebetreiber, besonders die LNG Unternehmen profitieren oft von Lieferengpässen und einer Umlenkung globaler Energieflüsse und auch Rohstoff- und Commodity-Werte profitieren, weil Energiepreisschocks wirken sich häufig inflationär aus und Investoren suchen dabei reale Vermögenswerte und Rohstoffe als Inflationsschutz.

 

Wer auch noch mal profitiert, das haben wir auch in der ersten Jahreshälfte gesehen, das ist Technology, ja, die sind relativ gering, energiepreisabhängig. Verlierer ganz klar, die Chemieindustrie, weil Gas und Strom sind zentrale Produktionsfaktoren und steigende Energiekosten drücken natürlich hier direkt auf die Margen. Und Preiserhöhungen können hier oft nur zeitverzögert weitergegeben werden. Airlines und generell Transport und Logistikunternehmen, aber auch teilweise zyklische und Industrieunternehmen, die sind von höheren Produktions- und Transportkosten betroffen und gleichzeitig sinkt oft die Kundennachfrage durch Kaufkraftverluste.

 

Also insgesamt ist das Risiko einer Stagflation, also ein schwaches Wachstum bei höherer Inflation, durchaus zu nennen und das wirkt sich negativ auf die zyklischen Industriewerte aus. Und als Letztes natürlich, wir merken es alle am Geldbeutel, Konsumgüter und Einzelhandel wird bei höheren Energiekosten ganz klar belastet, weil wir als Verbraucher entsprechend weniger Geld haben in der Tasche, weil wir mehr für Energie, für Benzin ausgeben müssen und ein geringeres verfügbares Einkommen belastet den Konsum und die Margen geraten dann entsprechend auch durch höhere Logistik und Betriebskosten deutlich unter Druck.

 

Titus Kroder:

Eszter, Osteuropa, wir hatten es gesagt, steht heute ganz besonders im Fokus. An sich eine eher rohstoffarme Region. Wenn man mal von Russland absieht, wie sieht es da aus aktuell nach dem initialen Energieschock durch den Irankrieg? Und da ist ja auch der Ukrainekrieg gleich in der Nachbarschaft. Was lässt sich da genau sagen zu dem aktuellen Bild?

 

Eszter Gárgyán:

Ja, danke Titus, also man kann sagen schon, dass wirtschaftlich Osteuropa ziemlich resilient in diesem Energieschock geblieben ist. Dahinter steckt die starke Konsumnachfrage einerseits und andererseits eine große Unterstützung von den öffentlichen Investitionen durch den starken Einfluss von EU-Fonds. Dabei bleibt auch das Wachstum ziemlich stark in der Region. Also kann man noch sagen, dass das Haushaltskonsum weiterhin ein starker Faktor für Bruttoinlandswachstum in der Region bleibt. Also insgesamt im Durchschnitt ein Bruttoinlandproduktswachstum zwischen 2 und 3% und in diesem Umfeld können die osteuropäische Börsen stark von den Binnennachfrage profitieren, weil eben die Unternehmen, die an diesen Börsen gelistet sind, deutlich auf den Binnenmarkt orientiert sind, wie zum Beispiel neben den Energiesektor, die Banken, die Pharma- oder Telekomunternehmen, die haben im Durchschnitt über 25% Gewinn seit Jahresanfang.

 

Titus Kroder:

Christian, ziehen wir mal den Fokus aktuell etwas weiter auf, welche Einschätzungen haben sich denn nun über diesen Energieschock bei Investoren neu gebildet, welche Veränderung in der Bewertung durch die Börsen ist da nun erstmal festgesetzt, vielleicht nicht dauerhaft, aber mittel- bis langfristig. Wie ist da deine Meinung?

 

Christian Stocker:

Ja, die langfristigen Bewertungsänderungen, die sind noch etwas unklar, aber generell kann man sagen, nach einem Energiepreisschock verändern sich die Bewertungen am Aktienmarkt oft deutlich stärker und nachhaltiger als die unmittelbaren Gewinneffekte einzelner Unternehmen vermuten lassen. Und eine der wichtigsten Veränderungen ist die höhere Bewertung von Unternehmen, die zur Energiesicherheit beitragen, also beispielsweise Netzbetreiber oder auch Anbieter von Netztechnologie, Infrastruktur, aber auch Stromübertragungsunternehmen, Unternehmen im Flüssiggassektor, wie wir vorhin schon thematisiert hatten. Öl- und Gasunternehmen sind unter längerfristigen Aspekten eher weniger positiv zu nennen, aber man geht davon aus, dass wir weiterhin ein Überangebot von an Öl und Gas haben und das sorgt natürlich dann unter diesen längerfristigen Gesichtspunkten für Margendruck bei den Öl- und Gasunternehmen.

 

Aber generell, der Aktienmarkt unterstellt nach einem Energieschock oft, dass die Margen volatiler bleiben, also weniger Vorhersagesicherheit und Berechenbarkeit der Gewinne vorherrscht und die Gewinne dadurch insgesamt unsicherer werden. Aber auch, und das ist ein Problem für Deutschland, es werden möglicherweise auch Produktionsstandorte weniger wettbewerbsfähig sein. Hier in Deutschland haben wir mit die höchsten Energiekosten innerhalb von Europa, aber auch global gesehen und das ist ein sehr starker negativer Wettbewerbsfaktor und es wird auch ein größerer Fokus auf den ohnehin schon strukturellem Thema der Elektrifizierung im Zusammenhang mit E-Mobilität, Wärmepumpen, Rechenzentrenausbau und so weiter geben und das sind zusätzlich positive Faktoren.

 

Ja, der Markt bewertet inzwischen viele Unternehmen danach, ob und wie weit sie von der Elektrifizierung profitieren. Und als Fazit würde ich sagen, die wichtigste mittel- bis langfristige Bewertungsänderung nach dem Energiepreisschock ist eine Verschiebung von der reinen Kosteneffizienz hin zu Energiesicherheit hin zu Infrastruktur und Resilienz. Also für Investoren ist deshalb heute oft weniger die Frage, wer produziert die Energie, sondern vielmehr, wer ermöglicht die sichere, die stabile und bezahlbare Energieversorgung der Zukunft.

 

Titus Kroder:

Öl und Gas, wie gerade auch schon angedeutet, zählt immer noch zu den wichtigsten Energierohstoffen, vor allem im Industriesektor. Wo stünden die Gewinnmargen denn unter besonderem Druck, wenn wir am Ölmarkt wieder demnächst möglicherweise dreistellige Notierung für das Barrel Rohöl sehen?

 

Christian Stocker:

Ganz prominent zu nennen ist hier der Chemiesektor, weil Erdgas und Öl ist häufig nicht nur eine Energiequelle im Chemiesektor, sondern auch ein zentraler Rohstoff für beinahe alle Chemikalien und dabei ist auch zu nennen, dass wir in diesem Umfeld, gerade im Chemiebereich, starke internationale Konkurrenz haben. In den USA, im Nahen Osten, sind sehr viel Chemieunternehmen beheimatet und da sind die Energiekosten deutlich niedriger als bei uns in Europa. Und noch dazu lassen sich Preiserhöhungen natürlich meist nur sehr zeitverzögert weitergeben.

 

Ein weiterer ganz wichtiger Sektor in Deutschland, in Europa, ist der Bereich der Stahl- und Aluminiumindustrie. Schmelz- und Verarbeitungsprozesse sind extrem stromintensiv, die Energiekosten generell, die können einen zweistelligen Anteil an den Produktionskosten ausmachen und auch hier die Weltmarktpreise, die begrenzen die Preissetzungsmacht dieser Sektoren. Das Gleiche gilt für Papier, Glas, Zement, Baustoffe, aber generell auch die Airlines und Logistikunternehmen. Also generell, es gibt einige Sektoren speziell, die konsumabhängig sind, die entsprechend negativ von den höheren Energiepreisen belastet sind.

 

Titus Kroder:

Also bei den genannten Sektoren eher vorsichtig anlegen. Fossile Energiebranchen waren ja gegenüber den erneuerbaren Energien an den Aktienmärkten bisher vorn gelegen, das dauert nun schon ein paar Jahre an. Bahnt sich da nun vielleicht eine neue Trendumkehr an, wenn schon allein die Frage, wer die Straße von Hormus demnächst kontrollieren wird, die fossilen Energiemärkte so durcheinander bringt, so erschüttert.

 

Christian Stocker:

Ja, also meine Kurzantwort wäre ja, aber nicht automatisch und nicht für alle erneuerbaren Energie-Aktien gleichermaßen. Die jüngsten Energieschocks, die haben gezeigt, dass fossile Energiesysteme geopolitisch verwundbar sind und das stärkt langfristig das Investmentnarrativ für Wind, für Solar, für Netze und Infrastruktur und auch entsprechend die Speicher.

 

Ja, an der Börse profitieren jedoch vor allem diejenigen Unternehmen, die daraus planbare Gewinne und planbare Cashflows machen können. Wenn ich mir mal den Bereich der erneuerbaren Energien generell anschaue, da gibt es schon Unternehmen, die seit Jahresanfang deutlich sich besser entwickelt haben als der Gesamtmarkt, beispielsweise Siemens Energy, 30% und mehr gewonnen in diesem Jahr. Ein dänisches Unternehmen, das speziell im Offshore Windparkbereich tätig ist, das ist Orsted, die haben über 20% Kursgewinne gemacht. Also es gibt da schon sehr viele Unternehmen, die ein sehr positives Re-Rating bekommen haben.

 

Auf der anderen Seite gibt es auch Unternehmen in diesem Bereich, die im ersten Halbjahr Verluste zu verzeichnen hatten. Jetzt nicht aus dem Grund, dass die Energiepreise deutlich gestiegen sind und die Nachfrage nach erneuerbaren Energien deutlich gestiegen ist. Da gibt es auch andere Gründe, beispielsweise die österreichische Verbund, ja, die ist spezialisiert auf Wasserkraft. Und wenn man zurückdenkt, der Winter war relativ schneearm. Wir hatten im Frühling und Frühsommer sehr lange Trockenperioden und der Strom aus der Wasserkraft fließt nicht mehr so im wahrsten Sinne des Wortes wie in den letzten Jahren und Verbund hat rund 10% Verluste hinnehmen müssen. Also es ist schwer zu sagen, hier eine generelle Aussage zu treffen, aber Unternehmen, die hier produktiv tätig sind, die die Möglichkeit bereitstellen, in erneuerbare Energien zu investieren, die profitieren grundsätzlich.

 

Titus Kroder:

Also doch eine ganz interessante Entwicklung jetzt vor dem aktuellen geopolitischen Hintergrund. Ein besonderes geopolitisches Risiko liegt in Osteuropa ja in Gestalt des immer noch dauernden Ukraine-Russland-Kriegs vor, der dauert nun schon über 4 Jahre. Wie stark hält dieser Krieg in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Länder die lokalen Aktienmärkte unter Druck? Wie stark wird dort die Investitionsbereitschaft dadurch generell gedämpft.

 

Eszter Gárgyán:

Ja, der Krieg in der Ukraine bleibt weiterhin ein Risikofaktor. Ich glaube, das kann man auch von der wirtschaftlichen Seite beobachten. Das ist ein Faktor, der die Fremdkapitalinvestitionen in den Regionen zurückhält. Und wenn es auf Kapitalmärkte Einblick wirft, kann man sagen, das ist schon ein Diskontierungsfaktor für die Aktienmärkte und auch eine extra Risikoprämie für die Staatsanleihen. Dieser Abschlag hat sich schon deutlich verringert seit dem Anfang 2025.

 

Also, wenn die ersten offiziellen Friedensverhandlungen mit der Teilnahme von USA begonnen haben, da war schon ein Optimismus, dass dieser Krieg sich bald beendet. Aber hier ist das Timing immer noch sehr, sehr unsicher. Von einerseits kann man sehen, die russische Wirtschaft steht unter erhöhtem Druck und hier helfen die niedrigeren Energiepreise natürlich nicht, die russische Wirtschaft zu unterstützen. Und außerdem gab es eine deutliche Entwicklung in der Drohnentechnologie von der Ukraine. Das ermöglicht auch Angriffe an den Energieproduktionsinfrastruktur von Russland, bedroht sogar die Sicherheit von russischen Großstädten. Also man kann schon erwarten, dass die Situation in Bewegung kommt. Es gibt natürlich auch ein negatives Szenario, wo es zu einer möglichen Eskalation in der Region kommen könnte und deswegen gibt es weiterhin diesen Diskontierungsfaktor.

 

Wenn es aber zu einer stabilen Friedenssituation kommen würde, dann würde das den Weg für Neubau von Ukraine eröffnen und von dem Neubau von Ukraine könnten den osteuropäischen Unternehmen stark profitieren. Hier die Neubau von Energieinfrastruktur, insbesondere Transportinfrastruktur und auch die Banken in allgemeiner Abdeckung des Finanzierungsbedarfs, all diese Investitionen würden dann stark in so einem Umfeld profitieren.

 

Titus Kroder:

Christian, auch der Irankonflikt ist ja noch keineswegs beigelegt, da geht es fast täglich mit der ein oder anderen Entwicklung weiter. Bisher war diese Art geopolitische Dauerunsicherheit am Aktienmarkt ja jeweils durch einen bestimmten Risikoabschlag sichtbar, wie das ja eben auch Eszter gerade für Osteuropa geschildert hat. Wie stark steckt ein solcher Abschlag eigentlich noch in den Märkten drin, ganz generell mal gesprochen, und wann wird sich das deiner Meinung nach auflösen?

 

Christian Stocker:

Der Konflikt ist noch nicht gelöst, wie die letzten Tage gezeigt haben. Das Potential in den Sommermonaten für höhere Volatilität, das ist da. Auch saisonal haben wir höhere Volatilität im Sommer und mit dieser teilweisen weiteren Eskalation der letzten Tage nimmt das Risiko schon zu, dass wir hier ein sehr volatiles Umfeld haben und auch öfters wieder mal negative Tage sehen werden. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, den Risikoaufschlag, den würde ich aktuell zwischen rund 5 und knapp 10% an der Börse beziffern.

 

Unter welchen Bedingungen könnte sich der Risikoabschlag an den Börsen auflösen? Ich würde sagen, 2 Szenarien gibt es. Zum einen, es gibt eine Stabilisierung ohne einen Friedensvertrag und das ist in meinen Augen das wahrscheinlichste Szenario. Voraussetzung dafür ist, es wird keine weiteren Angriffe auf Energieinfrastruktur geben, es wird eine freie Schifffahrt im Persischen Golf beziehungsweise der Straße von Hormus geben und es wird keine neuen Sanktionen mit einem großen Ölmarkteffekt haben. Und in diesem Falle könnte der Risikoabschlag an den Börsen in den nächsten Quartalen weitgehend verschwinden.

 

Und im zweiten Szenario, das wäre eine diplomatische Lösung, falls es eine nachhaltige Deeskalation geben wird, falls die Sanktionen dann auch teilweise gelockert werden und auch iranisches Öl stärker auf den Weltmarkt zurückkehrt, dann wäre dies schon sehr, sehr wahrscheinlich.

 

Titus Kroder:

Mhm, der fossile Energiepreis ist ja immer noch ein ziemlicher Inflationstreiber. Die meisten Unternehmen arbeiten nun mal noch stark mit Öl und Gas und geben diese Kosten dann bei Steigerungen entsprechend weiter. Wenn die Inflation steigt, dann steigt auch das Zinsniveau. Die EZB hat nun bereits mit einer ersten Zinserhöhung auf den Iran-Schock reagiert. Wie geht es da deiner Meinung nach weiter? Steigen die Zinsen weiter noch in diesem Jahr in der Eurozone und was wird die EZB da weiter tun und was wird vor allem die Fed in den USA tun?

 

Christian Stocker:

Ja, ich denke, wir werden keinen wirklichen Trend zu weiteren Zinserhöhungen sehen, also keinen solchen Trend, den wir als Folge von Corona gesehen haben. Möglicherweise gibt es noch eine weitere Zinserhöhung in Europa. Die EZB, die will einfach, dass die Inflationserwartungen weiterhin fest verankert sind und deswegen hat sie schon um 25 Basispunkte erhöht und wie gesagt, eine weitere Erhöhung ist durchaus möglich auf einer der nächsten Sitzungen, aber das ist inzwischen eingepreist.

 

Und auch in den USA, da sehe ich eigentlich kein unmittelbares Risiko für Zinserhöhungen, auch wenn die letzte Fed-Sitzung, ich würde mal sagen, hawkish neutral war. Ja, also die Zinsen wurden unverändert gelassen, aber einige Stimmen der Notenbanker waren schon in die Richtung, dass man möglicherweise bei weiter steigenden Inflationsraten reagieren muss und die Zinsen erhöhen. Das ist möglicherweise ein Thema für 2027, aber in diesem Jahr sehe ich das noch nicht.

 

Das heißt, die Energiepreise, wenn die nach unserem Szenario in den kommenden Quartalen wieder allmählich zurückgehen werden auf das Niveau, dass wir jetzt vor ein paar Tagen schon gesehen hatten, dann ist es für die Inflation kein wirkliches großes Problem, weil Inflation würde als Preissteigerung oder Preisveränderung gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesehen. Und wenn wir dann in das Frühjahr des nächsten Jahres kommen, dann haben wir rein rechnerisch auf jeden Fall mit niedrigen Ölpreisen auch eine sinkende Inflation. Also das Zinserhöhungsthema ist in meinen Augen nur temporär.

 

Titus Kroder:

In Osteuropa gibt es ja noch etliche nationale Währungen. Der ungarische Forint zählt zum Beispiel dazu. Wie haben die Zentralbanken dort denn auf den Iran-Schock aktuell reagiert und vor allem, wie haben sich dann die Währungen bewegt? Denn Wechselkurse sind ja immer auch wichtig für die Exportposition eines Landes, für die Wirtschaftskraft allgemein.

 

Eszter Gárgyán:

Ja, die osteuropäischen Währungen sind traditionell von höheren Energiepreisen negativ betroffen, weil diese Volkswirtschaften stark energieimportabhängig sind. Diesmal hatten wir nur einen geringen Druck auf den CEE Währungen gesehen, weil hier das Zentrum des Schocks war, nicht in dieser Region. Und die Zentralbanken sind auch eher vorsichtig geblieben.

 

Zum Beispiel in Tschechien hat die tschechische Zentralbank schon die EZB gefolgt mit der ersten Zinserhöhung und wir sehen eine weitere Zinserhöhung noch in Tschechien möglich. In Polen wahrscheinlich keine Zinsbewegungen bis Ende des Jahres und auch nicht bis Ende 2027, also eher neutral. In Ungarn ist der Fall etwas anders, dort ist der lokale Faktor viel wichtiger geworden. Nach der Wahl in April sind die Risikoprämien deutlich gesunken in Ungarn und das hat auch eine Rallye in den ungarischen Forint ausgelöst und das hat den Weg für Zinssenkungen in Ungarn geöffnet. Die ungarische Zentralbank hat schon angefangen im Juni die Zinsen zu sinken und wir sehen noch Raum für 100 bis 150 Basispunkte Zinssenkung in Ungarn im Verlauf des Jahres, wenn längerfristig die Aussichten für die Euro-Einführungspläne bestätigt sind, dann könnten noch weitere mögliche Aufwertung in dem ungarischen Forint folgen.

 

Titus Kroder:

In Ungarn gab es ja gerade einen Machtwechsel, der wieder etwas geopolitischen Druck und Risiko rausgenommen hat aus der Gleichung. 16 Jahre war der Populist Viktor Orban in der Regierung, nun ist es der eher bürgerlich orientierte Peter Magyar. Welche lokalen Risiken gibt es nun noch in der Region, die also Anleger, die dort investieren, künftig unbedingt auf dem Zettel haben sollten?

 

Eszter Gárgyán:

Ja, neben der Ungarn Ralley, die wirklich eine positive Story ist und ich glaube, es bleibt weiterhin eine positive Story mit der Eurokonvergenz-Story. Es gibt auch sehr viel Fokus auf Rumänien. In Rumänien ist jetzt gerade eine Koalitionskrise, also die jetzige Regierung ist in Minderheit und es scheint jetzt sehr schwierig zu sein, eine Mehrheit im Parlament für eine neue Regierung zu finden. Das hat die Risikoprämien etwas erhöht und hat auch mehr Volatilität in den eng verbundenen rumänischen Leu mitgebracht. aber die Märkte haben sich schon etwas beruhigt.

 

Es gibt noch Unsicherheit und natürlich das größte Risiko hier ist, dass es zu Vorwahlen kommt. Die Wachstumsaussichten für Rumänien sind auch nächstes Jahr positiv, aber wegen dieser Unsicherheit und Koalitionskrisen gibt es etwas mehr Volatilität an den Märkten. Und in Polen, der größte Markt in Osteuropa, steht die nächste Wahl im Herbst in 2027 im Fokus. Laut Umfragen ist es unsicher, ob die jetzige proeuropäische Regierung die Macht behalten kann. Und hier ist auch ein gewisses Risiko, dass es zur Rückkehr der EU-skeptischen PiS-Regierung, möglicherweise in Koalition mit einer rechtsradikalen Partei folgen würde und dies könnte dann die Stabilität und die Stärke der polnischen Märkte etwas schwächen oder untergraben.

 

Titus Kroder:

Also durchaus noch Risiken in Osteuropa, das aktuelle Research Paper zum Thema von der HVB gerade veröffentlicht, finden Sie übrigens in den Shownotes verlinkt. Christian, der allgemeine Ausblick auf den Rest des Jahres am Aktienmarkt, wie sieht der aus deiner Sicht aus, mit welchem Mindset sollten Investoren und Investorinnen in die zweite Jahreshälfte gehen und mit welchem Blick auch auf unterschiedliche Branchen natürlich.

 

Christian Stocker:

Ich denke mal, man sollte unbedingt mit einem konstruktiven Mindset in die zweite Jahreshälfte gehen. Das Gewinnwachstum bleibt wirklich sehr, sehr hoch, speziell im Technologiebereich. Das Thema AI, künstliche Intelligenz, das bleibt ein ganz, ganz wichtiges Thema. Aber man muss schon auch sagen, diese hohe Dynamik, die wir in einigen Sektoren hatten, dass die Kurse sich um 30, 40% in der ersten Jahreshälfte verbessern. So eine hohe Dynamik, die wird sich in der zweiten Jahreshälfte nicht fortsetzen.

 

Also wir werden eine positive Entwicklung haben, aber nicht mehr so dynamisch wie in der ersten Jahreshälfte. Wenn wir ins vierte Quartal gehen und dann mit dem Ausblick auf ein positives 2027, da denke ich schon, gerade vor dem Hintergrund weiter steigender Gewinne, dass wir hier noch einiges Potenzial haben, das man heben kann und die Gewinnerwartungen, die sind ja trotz der Belastungen in der ersten Jahreshälfte auf Sicht der kommenden 12 Monate um rund 10% gestiegen hier in Europa.

 

In den USA sind es noch mehr und in Emerging Markets sind es rund 30% und auf Sicht der kommenden 12 Monate sehen wir schon ein Potenzial von 10 bis 20% abhängig von der Region und 20% Performanceplus sehen wir in den Emerging Markets, speziell in den asiatischen Emerging Markets, aber auch in den osteuropäischen Emerging Markets. Wie Esther schon gesagt hat, da gibt es sehr, sehr viele positive Entwicklungen, auch die man berücksichtigen muss. Rund 15% sehen wir Potenzial für Japan und für die USA und ein bisschen mehr als 10% für Europa.

 

Titus Kroder:

Danke an euch. Das Thema Energiepreise wird uns zweifellos weiter beschäftigen. Gerade die recht erratische Außenpolitik der US-Regierung unter Donald Trump setzt die Sichtweite für uns alle doch richtig herab. Nach dem Schock ist vor dem Schock, hast du, Christian, in unserem Vorgespräch so treffend gesagt. Wir werden sicher nachgucken, wie das weitergeht und die aktuellen Entwicklungen im Auge haben und für Sie natürlich immer wieder unter die Lupe nehmen und analysieren.

Ein Hinweis noch: auf unserer Webseite hvb.de konnten sie diese aktuelle Podcast-Episode ausnahmsweise erst ab Nachmittag streamen. Der Grund dafür waren aktuelle Wartungsarbeiten. Die nächsten Folgen, die wird es allerdings wieder wie gewohnt montags ab 10:00 Uhr geben.

 

Wir empfehlen ohnehin, abonnieren Sie uns einfach auf einer der bekannten Podcast-Plattform, dann können Sie uns jederzeit anhören. Dort steht auch das nächste HVB Markt-Briefing  ab dem 27. Juli für Sie bereit. Bis dahin sagen Tschüss, Esther Gárgyán, Christian Stocker und Titus Kroder. Machen Sie es gut.