Zero Gravity: Wie belastbar ist der Wirtschaftsboom im Weltall? Nutzlast: Treibt der SpaceX-Börsenstart auch andere IPOs?
Andreas Rees:
Die Space Economy, das ist jetzt nicht einfach so 'ne weitere Branche neben Automobil, Maschinenbau oder Chemie, sondern die Space Economy, die hat so 'ne Art positive Hebelwirkung und dadurch entsteht zusätzliches Wachstum auch in anderen Sektoren. Die globale Space Economy wird so auf rund 600 bis 700 Milliarden US-Dollar geschätzt. Also, das ist im Vergleich zum globalen BIP etwa 0,5 Prozent.
Christian Stocker:
Für die kommenden Mega IPOs wie Open A.I., Anthropic, die ja noch dieses Jahr kommen werden, ist die Bedeutung und von dem SpaceX IPO wirklich enorm. Es ist sozusagen ein Markttest für AI Unternehmen und deren Bewertungen.
Philip Gisdakis:
Der Weltraum ist in diesem Sinne kein freier Markt, sondern im Prinzip eine Arena von nationalen Sicherheitsinteressen und das könnte natürlich irgendwann mal dazu führen, dass einzelne Staaten sagen, so wir regulieren das jetzt und wir erlauben bestimmte Dinge nicht mehr, auch wenn die private Wirtschaft da entsprechend investiert hat.
Titus Kroder:
Der Countdown und das mächtige Rollen einer Starship-Rakete des US-Unternehmens SpaceX beim Start, 5000 Tonnen Metall und Treibstoff wuchten sich da in den Himmel und ähnlich schwer startete auch die Raumfahrtfirma des US-Milliardärs Elon Musk vor wenigen Tagen an der Tech-Börse Nasdaq. Die Aktie mit dem Tickerkürzel SPCX ging mit einem rechnerischen Unternehmenswert von 1.800 Milliarden Dollar in den ersten Handelstag und schlug damit alles jemals Dagewesene.
Herzlich willkommen zum HVB Markt-Briefing, sagt Titus Kroder. Ja, bei solchen Megatransaktionen am Kapitalmarkt wird von Investoren jeweils massiv die Zukunft gehandelt. Die künftigen Geschäftsaussichten also, die eine so hohe Bewertung rechtfertigen sollen. Und deshalb ziehen wir heute den Fokus etwas auf. Wir fragen unsere Experten im Markt-Briefing, wie bedeutsam ist eigentlich mittlerweile der Wirtschaftsfaktor Weltraum, welches Potential hat die Space Economy und wo liegen die Risiken? Also Ignition und Liftoff, Andreas Rees, Philip Gisdakis und Christian Stocker sind das Team, das uns heute völlig losgelöst Fragen beantworten wird. Hallo in die Runde zunächst mal.
Andreas Rees:
Hallo, grüßt euch.
Christian Stocker:
Ja, hallo zusammen.
Philip Gisdakis:
Hallo.
Titus Kroder:
Andreas, du bist der Chefvolkswirt der HVB, die Space Economy, die Weltraumwirtschaft also, daran ist ja auch ein Unternehmen wie SpaceX beteiligt und spielt dort eine führende Rolle. Was ist die Space Economy überhaupt? Das ist ja von der Erde aus betrachtet alles noch recht abstrakt. Mach uns das mal konkret.
Andreas Rees:
Ja, Titus, vermutlich denkt man bei der Space Economy an Astronauten, Raketenstart, Satelliten und vielleicht sogar auch an Marsmissionen und so ganz verkehrt ist das alles natürlich nicht. Aber jetzt mal ganz konkret, was umfasst die Space Economy? Das sind alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die mit dem Weltraum verbunden sind. Also dazu gehören neben den Raumfahrtunternehmen, die Datenanalyse, die Kommunikation, Navigation und die Beobachtung der Erde. Also, der springende Punkt ist die Space Economy, die endet sozusagen nicht im All, sondern die erzeugt ihren Nutzen auf der Erde.
Und einfach mal ein konkretes Beispiel: Satelliten, die helfen uns zu navigieren, das Wetter besser vorherzusagen, vielleicht Naturkatastrophen früher zu erkennen. Lieferketten zu überwachen und auch die globale Kommunikation zu ermöglichen. Also, das sind die Vorteile. Natürlich gibt es auch Nachteile, wie zum Beispiel Risiken, geopolitische Konflikte, die dann möglicherweise auch im Weltraum ausgetragen werden, aber darüber können wir dann gleich noch reden.
Titus Kroder:
Ja, Christian, als leitender Aktienstratege der HVB blickst du natürlich auch auf den Mega IPO des Jahres, den Börsengang von SpaceX. Wie bei jedem Börsengang basieren die Zukunftsaussichten eines solchen Unternehmens ja auf bestimmten Annahmen über Nachfrage und Technologieentwicklungen. Wie skeptisch oder anders gesagt, wie optimistisch bist du kurz nach dem Start von SpaceX an der Börse?
Christian Stocker:
Ja, ich bin da schon eher so wie die Marktstimmung. Das Orderbuch für SpaceX war mehrfach überzeichnet und es ist die meist beachtete IPO überhaupt, also der bislang größte Börsengang in der Geschichte. Und dahinter steckt ein starkes Narrativ, SpaceX als Kombination aus Space, aus Starlink und AI, also künstliche Intelligenz. Da sind also mehrere Zukunftsmärkte gleichzeitig vereint.
Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum sind viele optimistisch? Vor dem Hintergrund ist es sehr interessant, die Positionierung als Infrastrukturplay, also, wie der Andreas schon gesagt hat, Satelliteninternetdaten, KI, das ist alles mehr als nur Raketen und dieser Mega IPO kann zusätzlich durch eine Indexaufnahme oder Indexaufnahmen, zum Beispiel Nasdaq 100, auch entsprechend unterstützt werden. Viele sehen SpaceX als ein bedeutendes Next Generation Tech AI und Infrastructure Play und das ist natürlich wirklich ein fundamental extrem interessanter Anlagecase sozusagen.
Man muss natürlich auch sagen, es kann auch Skeptiker geben, die Bewertung, die liegt mit 1.800 Milliarden U.S. Dollar extrem hoch. Das kann schon zu einer gewissen Skepsis führen. Da müssen die nächsten Tage, die nächsten Wochen zeigen, wie das im Markt aufgenommen wird. Aber ich glaube, kurzfristig ist das Umfeld für SpaceX wirklich sehr stark, einfach wegen der Nachfrage und des Zukunftsthemas und mittel- bis langfristig entscheidet aber die Bewertung und wie gesagt, die ist sehr ambitioniert. Und letztlich kaufen Investoren heute vor allem die Vision und die Execution von Elon Musk und weniger belastbare Cashflows. Der langfristige Erfolg oder Misserfolg, der wird vom entsprechend belastbaren Cashflow bestimmt werden und das muss sich erst noch zeigen.
Titus Kroder:
Mhm, jetzt kommen ja gleich nach SpaceX die nächsten Mega Börsengänge auf uns zu und zwar aus der Branche künstliche Intelligenz. Open AI und Anthropic könnten sogar noch in diesem Jahr diesen Schritt tun und auch da geht es wie bei SpaceX um astronomische Börsenwerte und Erwartungen. Was unterscheidet diese Börsenpläne von SpaceX und was bedeutet der Erfolg oder Misserfolg des SpaceX Börsengangs für diese Nachbarbranche, nenn ich sie mal.
Christian Stocker:
Es ist schon ein gewisser Hinweis, ein gewisser Blueprint zu erkennen aus dem SpaceX IPO für die kommenden Mega IPOs wie Open AI, Anthropic, die ja noch dieses Jahr kommen werden, ist also die Bedeutung und der Erfolg von dem SpaceX IPO ist wirklich enorm. Es ist sozusagen ein Markttest für AI Unternehmen und deren Bewertungen und da kann man jetzt schon 2 Szenarien machen.
Zum einen ein Szenario mit einem starken IPO Ausgang und einer stabilen oder positiven Performance von SpaceX. Und das würde bestätigen, dass die Kapitalmärkte aktuell mega Deals ohne Probleme absorbieren können und dass Wachstumswerte und AI Themen und visionäre Unternehmen auch wirklich von den Investoren gekauft werden. Und das unterstützt natürlich die Pipeline für die zukünftigen AI Emissionen massiv. Ist also wirklich dann ein Bull Case für Open AI und Anthropic.
Auf der anderen Seite sollte es ein sogenanntes ‚Pop- and Drop-Szenario‘ geben, also eine schwache Performance nach dem IPO, was ja in der Vergangenheit oft ein klassischer IPO Effekt war. Wir hatten zuerst einen Hype und danach Gewinnmitnahmen, also einen gewissen Abverkauf des IPO Unternehmens. Das würde bedeuten, dass die Unternehmen wirklich selektiv vorgehen und nicht einen generellen Hype sehen im Thema AI oder Zukunftstechnologien und das würde bedeuten, dass die zukünftigen IPOs eine klarere Profitabilität zeigen müssen oder eben Abschläge in der Bewertung akzeptieren müssen.
Zusammengefasst kann man also sagen, SpaceX ist im Prinzip der Lackmustest für die nächste Generation von Mega-IPOs und wenn der Deal funktioniert, dann bestätigt das, dass der Markt bereit ist, extrem hohe Bewertungen für AI und Infrastruktur-Narrative zu bezahlen und das spielt OpenAI und Anthropic massiv in die Karten. Wenn nicht, zwingt es genau diese Kandidaten zu mehr Bewertungsdisziplin und klareren Profitabilitätspfaden.
Titus Kroder:
Philip, eine lange diskutierte Frage erhält natürlich insbesondere vor diesen beiden KI Börsengängen neue Relevanz, nämlich gibt es nun eine KI Bubble oder gibt es sie nicht? Ist also ein so risikofreudiges Vertrauen auf diese wahnsinnig hohen Unternehmensbewertungen überhaupt gerechtfertigt? Als Leiter Anlagestrategie, wie ist da derzeit deine Meinung?
Philip Gisdakis:
Ja, Titus, ich glaub, es ist wichtig an dieser Stelle sehr trennscharf mit den Begriffen umzugehen. Denn wenn wir von einer Bubble, von einer Blase sprechen, dann sprechen wir häufig von hohen Bewertungen. Also Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind sehr hoch und das ist nicht das Problem bei künstlicher Intelligenz, sondern es ist die Erwartung an enorme Gewinnsteigerungen. Also, der Markt hat enorme Erwartungen an das Potenzial, das künstliche Intelligenz hat und damit die Gewinnströme, die da in Zukunft sich für die engagierten Unternehmen erwirtschaften lassen.
Also enorme Gewinnsteigerungserwartungen oder Gewinnerwartungen. Und es mag durchaus sinnvoll sein, da ein bisschen skeptisch zu sein, ob sich das tatsächlich realisieren lässt. Aber wenn wir auf die harten Zahlen schauen, dann sehen wir, dass die Unternehmen, die da involviert sind, zu mindestens die, die Zahlen liefern, alle Zahlen liefern, die zum Teil erheblich über den optimistischen Erwartungen liegen, die an sie gestellt wurden bisher, also sozusagen an den realisierten Ergebnissen. Und das macht es sehr schwer, sich dem zu entziehen. Es ist relativ einfach zu sagen, ach, das ist alles viel zu optimistisch. Wenn man aber sieht, dass die Entwicklung tatsächlich läuft und dass die Rechenzentren-Unternehmen, aber eben auch Direktunternehmen, die da involviert sind, tatsächlich diese hohen Erwartungen bisher erfüllen können, muss man 'n bisschen vorsichtig sein, zu skeptisch entsprechend zu sein.
Also wie gesagt, sehr trennscharf, es gibt Risiken, aber von einer klassischen Bewertungsbubble, glaube ich, können wir hier nicht sprechen. Kann durchaus sein, dass es Fehlallokationen von Kapital gibt, Rechenzentren falsch eingesetzt werden, zu viele gebaut werden. Aber dass diese Industrie transformativ sein wird und enorme Auswirkungen haben wird und vermutlich auch den beteiligten Unternehmen enorme Gewinne erwirtschaften wird, das scheint aus meiner Sicht unstrittig.
Titus Kroder:
Andreas, kommen wir wieder ein Stück näher der Raumfahrt. Die gibt es nämlich schon seit Jahrzehnten. Der Sputnik-Schock, der erste Mensch im All, die ersten Fußabdrücke von Erdenbürgern auf dem Mond, all das fand ja in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts statt. Aber erst jetzt wird das alles plötzlich wirtschaftlich relevant. Siehe eben auch der aktuelle Fall SpaceX. Was steckt denn da dahinter, dass das nun gerade jetzt als Business Case so abhebt, um mal im Bild zu bleiben, dass diese Story nun also gerade so aufblüht und auch makroökonomisch sehr Bedeutung gewinnt.
Andreas Rees:
Ja, das hat vor allen Dingen mit technologischer Innovation zu tun, denn wir haben enorme technologische Neuerungen gesehen, auch mehr Wettbewerb, gerade durch die privaten Anbieter und das ist ein ganz entscheidender Faktor. Ein Beispiel, die Raketenstarts sind deutlich günstiger geworden. Es gibt Schätzungen, die sagen, dass die Kosten bei dem Start einer Rakete in den letzten 20 Jahren um 90% gesunken sind, unter anderem auch durch den Einsatz von wiederverwendbaren Raketen. Also das spielt eine ganz wichtige Rolle oder auch bei den Satelliten, die sind deutlich kleiner geworden, leistungsfähiger und auch billiger.
Außerdem haben wir mittlerweile ganz andere Möglichkeiten, die Daten, die aus dem Weltraum kommen, auszuwerten. Also um dann aus den Bildern und den ganzen Signalen wirklich konkrete Entscheidungen zu machen, also zum Beispiel durch KI und durch den Einsatz von moderner Software. Ja, und neben Technologie, da spielt halt auch noch die Geopolitik eine wichtige Rolle, denn viele Staaten wollen unabhängige und leistungsfähige Kommunikationssysteme, eigene Satellitendaten und so weiter. Und damit ist die Raumfahrt mittlerweile ein Bestandteil der kritischen Infrastruktur von Ländern geworden und darüber will man natürlich aus sicherheitspolitischen Gründen auch die Kontrolle haben.
Titus Kroder:
SpaceX ist ja, wie schon gesagt, ein wahres Ungetüm an der Börse. Die Bewertung lag zum Börsenstart beim Neunzigfachen des derzeitigen Umsatzes, bei nach wie vor großen betriebswirtschaftlichen Verlusten, die das Unternehmen einfährt. Wie groß, wie profitabel ist denn der Sektor Space Economy insgesamt heute schon im Hier und Jetzt und auf welche Branchen sollte man da schauen?
Andreas Rees:
Also, es gibt noch keine offiziellen Zahlen, es gibt Schätzungen und die besagen, dass in dem Jahr die globale Space Economy, ja, die wird so auf rund 600 bis 700 Milliarden U.S. Dollar geschätzt. Also, das ist nicht wenig und klar, die Prognosen sehen ein starkes Wachstum voraus. Also zum Beispiel geht man davon aus, dass sich die Umsätze bis 2035 verdreifachen werden. Ja, aber man muss das natürlich, Stand heute, auch im Rahmen der Weltwirtschaft sehen und dadurch auch so ein bisschen relativieren. Also 600 bis 700 Milliarden U.S. Dollar, das ist im Vergleich zum globalen BIP etwa 0,5 Prozent.
Mhm, also das ist jetzt noch nicht so wahnsinnig viel, aber das Entscheidende ist nicht so sehr die absolute Größe der Space Economy, sondern was wirklich spannend ist, die Space Economy, das ist jetzt nicht einfach so 'ne weitere Branche neben Automobil, Maschinenbau oder Chemie, sondern die Space Economy, die hat so 'ne Art positive Hebelwirkung und dadurch entsteht zusätzliches Wachstum auch in anderen Sektoren.
Titus Kroder:
Laut Verbandsangaben beschäftigt die Raumfahrt im engeren Sinn, jetzt mal gerechnet, in Deutschland derzeit rund 10.000 Menschen bei einem Umsatz von zuletzt 3 Milliarden Euro. Du sprichst von Hebelwirkung auf andere Branchen. Welche sind das? Gib uns da mal ein paar Beispiele.
Andreas Rees:
Ja, also jetzt ganz konkret, Titus, zum Beispiel in der Landwirtschaft, da können Satellitendaten helfen, Wasser und Dünger effizienter einzusetzen oder dann global in der Logistikbranche. Denn durch die Auswertung von Satellitendaten kann die Transparenz erhöht werden über Häfen, Schiffe, Routen und auch mögliche Staus. Also das hilft auf jeden Fall. Dann im Energiesektor Solarparks, Windparks, Emissionen, auch da helfen Satellitendaten, das zu überwachen. Also das sind jetzt nur wenige Beispiele, wie Unternehmen in der Space Economy ihr Geld verdienen, aber eben auch wie andere Sektoren dann davon profitieren können. Also im Moment ist es so, da spielt die Bereitstellung von Informationen und auch die Senkung von Informationskosten eine ganz wichtige Rolle. Das ist der sogenannte Downstream-Teil der Space Economy, also das, was aus dem All auf der Erde ankommt und der Großteil der Wertschöpfung durch die Space Economy, der entsteht eben in diesem Downstream-Teil. Upstream gibt es natürlich auch, also von der Erde ins Weltall durch Raketen und Satelliten, aber das ist eben der geringere Teil, der eben an Wertschöpfung hier entsteht.
Titus Kroder:
Christian, welche Branchen sind denn aus Kapitalmarktsicht besonders interessant, wenn es um diese Multiplikatoreffekte geht, von denen Andreas ja gerade gesprochen hat auf andere Branchen.
Christian Stocker:
SpaceX dient eigentlich als ein Systemtreiber, der mehrere Wertschöpfungsketten stark verändern wird. Und das Geschäftsmodell, günstigere Startkosten, hohe Startfrequenz, Starlink beispielsweise als globales Datennetz, das wirkt wie ein Multiplikator für die verschiedenen Branchen, die auch der Andreas schon angesprochen hat. Und da sind in erster Stelle natürlich zu nennen die Satellitenhersteller, wie zum Beispiel Airbus, ja, Komponentenlieferanten im Bereich Halbleiter, Sensorik, Optik, aber auch Hersteller von Bodeninfrastruktur, also die sogenannten Ground Stations oder Antennen-Hersteller sind da sehr, sehr gefragt.
Und die Logik dahinter ist, dass SpaceX sicherlich die Launch-Kosten drastisch senkt. Wir werden mehr Satellitenstarts sehen, wir werden eine größere Nachfrage entlang der gesamten Wertschöpfungskette haben. Und da kommen wir jetzt genau in die Bereiche zusätzlich, die der Andreas schon erwähnt hat. Im Bereich Connectivity und Telekommunikation, das heißt Satellitenkommunikationsanbieter, Telekommunikationsausrüster, die werden auf jeden Fall davon profitieren. Und Thema Logistik hat der Andreas ja auch schon angesprochen. Das heißt, die globalen Logistikplattformen wie DHL und FedEx, die werden durch das bessere Tracking, die bessere Connectivity profitieren, speziell auch im Bereich der Schifffahrt oder des Aviation Trackings. Da werden wir deutliche Verbesserungen haben und auch eine deutliche Verbesserung dann unter dem Strich der Produktivität.
Ja, und wenn man dann in Richtung Bergbaukonzerne geht, die können natürlich ihre Explorationskosten deutlich senken durch mehr Daten aus dem All. Und das betrifft jetzt nicht nur die Bergbaukonzerne, die auf der Erde, also auf der Erdoberfläche oder auch unter der Erde, sich beschäftigen, sozusagen. Die gesamte Exploration auch von Öl und Gas ist dabei positiv betroffen. Und als letzten und sehr, sehr breiten Bereich, der profitieren kann, ist natürlich der gesamte Maschinenbau und die Aerospace-Zulieferer zu nennen, speziell wenn es um die Präzisionsfertigung geht, wenn es um die Werkstoffe geht, um Halbleiter, da gibt es eine ganz große Vielzahl an Unternehmen, die profitieren. Also wirklich die gesamte Wertschöpfungskette hindurch, die wird sich komplett verändern und da wird es sicherlich sehr, sehr interessante Anlageperspektiven in den kommenden Jahren geben.
Titus Kroder:
Philip, du sagst, dass ein großer Teil der Space Economy vor allem ein großes CapEx-Thema ist, was in der augenblicklich gesamtwirtschaftlichen Lage ja auch zum Problem werden könnte. Was ist damit gemeint, wie argumentierst du da?
Philip Gisdakis:
Ja, zunächst einmal, CapEx bedeutet Capital Expenditures, also Investitionen von Unternehmen in Produktionsanlagen, in Produktionsgütern. Ja, und was ich wichtig finde an dieser Stelle zu betonen ist, wir sprechen ja in diesem Podcast bisher eigentlich im Wesentlichen über Eigenkapitalfinanzierungen. Wir sprechen über die Aktienbörsen, es geht ja auch unter anderem um einen IPO.
Normalerweise ist es aber so, dass große Investitionsvorhaben aus einem Mix mit Eigenkapital und Fremdkapital finanziert werden, also zum großen Teil mit Fremdkapital, mit Krediten finanziert werden. Und da muss man berücksichtigen, dass die Finanzierungskosten mittlerweile deutlich gestiegen sind. Die sind deswegen gestiegen, weil die Inflationsraten höher sind, weil sich die Struktur der Weltwirtschaft verändert hat, weil die Zentralbanken höhere Zinsen brauchen. Zuletzt hat ja die EZB die Zinsen erhöht und alle Beobachter gehen eigentlich davon aus, dass die Finanzierungskosten hoch sind. Und dass ohnehin schon der Investitionsbedarf von Staaten in ihre Energieinfrastruktur, aber auch in Europa in die Verteidigungsinfrastruktur etc.,Transformationen zu nachhaltigen Energiesystemen ohnehin schon groß sind, was eben den Bedarf an Kreditfinanzierung hoch macht und ein weiterer Treiber dafür ist, dass die Zinsen eher hoch bleiben werden und wenn jetzt hier sozusagen eine neue große Industrie hinzukommt mit der Space Economy, dann entsteht da ein Bereich, der noch mal zusätzlichen Kapitalbedarf hat und eben weiter das Renditeniveau zu mindestens nach oben drücken sollte. Und ich glaube, das ist schon etwas, was bedenkenswert ist, was dann auch für die Unternehmen, die diese Investitionen tätigen müssen, bedenken müssen, wie finanziert man das Ganze denn?
Denn so billig, wie das noch vor 10,15 Jahren ging, wo man zu 0 oder fast 0 Zinsen große Investitionsvorhaben aus staatlicher Perspektive insbesondere in Deutschland finanzieren kann, das geht nicht mehr. Die Zinsen sind deutlich teurer und ich glaube, das ist etwas, was wir going forward berücksichtigen müssen.
Titus Kroder:
Also, Inflation und Zinsen können auch dieser Branche durchaus noch einen Dämpfer versetzen. Andreas, das berühmte Space Race der 60er Jahre, die ganze Entwicklung von Weltraumtechnologie, die war historisch ja stark von militärischen Gesichtspunkten und damit von einzelnen Regierungen getrieben. USA und Russland und ihre riesen Raketenarsenale aus dem Kalten Krieg fallen einem da sofort ein. Wer hat denn heute in der Space Economy die Nase vorn und muss man da nicht allmählich fragen, welches Unternehmen und nicht welches Land hat die Nase vorn in diesem gerade erwachenden Wirtschaftszweig?
Andreas Rees:
Ja, also wenn ich mal mit der Länderperspektive anfangen darf, also ganz klar, die USA haben die Nase vorn, die Amerikaner haben im letzten Jahr mehr als 3.700 Objekte ins All gebracht, also Raketen, Satelliten und so weiter. Und dann kommt China mit einem deutlichen Abstand auf Platz 2 mit rund 370 Objekten, also ein riesen Abstand. Das sind ja nur 10% von dem, was die USA auf die Beine gestellt haben. Ja, und noch mal mit weiterem Abstand, dann kommen Russland und die Europäer mit jeweils 100 plus Objekten. Also noch mal hier ein deutlicher Abstand.
Also es ist sicherlich richtig, die Größenordnungen haben sich verschoben, also zumindest auf den ersten Blick. weg vom Staat hin zu den privaten Unternehmen, gerade in den USA. Und wir haben schon drüber gesprochen, das hat etwas mit Technologie zu tun und mit der Möglichkeit, Geld zu verdienen. Also, wir erleben ja gerade so eine Art Industrialisierung des Weltraums, aber muss man auch dazu sagen, am Ende des Tages spielen dann doch, also denke ich zumindest, die Staaten immer noch eine sehr wichtige Rolle, weil sie eben auch viele Aufträge an den Privatsektor vergeben.
Und geopolitische Überlegungen spielen hierbei dann halt auch eine sehr große Rolle bei der Space Economy. Also es geht um Macht, es geht um kritische Infrastruktur, es geht um Kontrolle, es geht um Souveränität und es geht auch um wirtschaftliche Resilienz. Also, wer eigene Satelliten hat, der ist unabhängig, wenn es um wichtige Informationen geht und das kann halt in den geopolitisch turbulenten Zeiten dann entscheidend sein. Und dann gibt es noch einen weiteren Grund, warum ich denke, dass die Staaten hier immer noch eine wichtige Rolle spielen. Viele Weltraumtechnologien, die sind ‚Dual Use‘, das heißt, sie können sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden. Also, ein Satellit, der kann Waldbrände beobachten, aber da kann man auch Truppenbewegungen analysieren. Also im Hintergrund, da sehe ich halt immer noch, dass die Staaten die Zügel in den Händen haben und nicht die Unternehmen.
Titus Kroder:
Was könnte denn noch kommen an künftigen Business Cases der Space Economy? SpaceX Gründer Elon Musk vermutet ja zum Beispiel offenbar ein Friedhofsgeschäft auf dem Mars. Zumindest hat er mehrfach gesagt, er wolle da oben auf dem roten Planeten einmal begraben werden. Aber mal ernsthaft gefragt, was sind die Zukunftsfelder der Weltraumwirtschaft, von denen wir heute vielleicht noch gar nichts wissen?
Andreas Rees:
Ja, Titus, also es kommt so ein bisschen Science Fiction rein, ja, aber das gehört natürlich auch zu einem solchen Podcast. Also am Ende des Tages, gut, wir machen jetzt Witze drüber, aber vielleicht kommt dann doch alles viel schneller als gedacht. Also eine Möglichkeit wären natürlich Raumstationen, die so eine Art industrielle Infrastruktur im Weltall bilden. Also in der Schwerelosigkeit könnte man zum Beispiel Güter oder vielleicht auch pharmazeutische Produkte unter den Bedingungen herstellen, die es halt so auf der Erde nicht gibt. Und damit könnte es auch zusätzliche Innovationen geben und entsprechender technischer Fortschritt, der uns dann auf der Erde sehr helfen könnte.
Dann eine andere Möglichkeit, natürlich der Mond, dass der eine wichtige Rolle spielt, indem man versucht, eine Infrastruktur auf dem Mond zu errichten und ganze Lieferketten aufzubauen. Und eine andere Möglichkeit, dann jetzt noch mal ein bisschen mehr in die Zukunft gedacht, weltraumgestützte Solarenergie, also Solaranlagen im All, die dann die Energieversorgung auf der Erde sicherstellen. Also auch das wird diskutiert und dann noch mal ein bisschen mehr Science-Fiction, zumindest aus heutiger Perspektive, das wäre Bergbau im Weltraum zur Gewinnung von Rohstoffen, zum Beispiel auch auf einem Asteroiden. Also dabei geht es dann allerdings nicht so sehr darum, dass man die Rohstoffe dann wirklich zur Erde transportiert. Das würde zu viele Kosten verursachen, sondern es geht eher dann darum, Ressourcen direkt im All zu nutzen, um die Kosten der Raumfahrt zu senken.
Also, wenn man nicht alles von der Erde nach oben sozusagen transportieren muss, dann könnte man eher in der Lage sein, eine Raumstation zu bauen oder vielleicht eine Mondbasis. Also hierbei geht es vor allen Dingen, dann geht es nicht so sehr um Edelmetalle oder vielleicht seltene Erden, sondern es geht hier, wenn es um Bergbau geht, es geht um die Gewinnung von Wasser, Sauerstoff, Treibstoff und Baumaterialien. Aber wie gesagt, das ist noch Zukunftsmusik.
Titus Kroder:
Wirtschaft bedeutet ja auch immer Risiko, gerade in der Space Economy. Wir hatten es jetzt vereinzelt schon angesprochen, dass etwa das Raketengeschäft technische Risiken bereithält. Das zeigen ja exemplarisch die relativ häufigen Fehlstarts bei etlichen Raumfahrtunternehmen, bei SpaceX genauso wie etwa auch beim deutschen Raketenentwickler ISAR Aerospace. Wie viel wirtschaftliches Risiko steckt aus deiner makroökonomischen Blickrichtung denn in der Weltraumwirtschaft?
Andreas Rees:
Es gibt natürlich, wie das immer ist im Wirtschaftsleben und gerade bei Neuerungen, immer Vor- und Nachteile und die muss man natürlich abwägen. Also, das fängt ja schon an, wenn wir jetzt wirklich über Nachteile reden, zum Beispiel den hohen Treibstoffverbrauch von Raketen bis hin zur Möglichkeit von geopolitischer Eskalation. Also wenn man zum Beispiel Satelliten auch militärisch nutzen kann, dann könnten sie auch mögliche Ziele werden.
Oder ein anderes Risiko, was sich schon abzeichnet, die Space Economy, die wächst möglicherweise so schnell, dass dann über unseren Köpfen so eine Art neuer ‚Wilder Westen‘ entsteht. Der Markt wächst halt schneller als die Regeln und die Institutionen und das birgt natürlich auch Risiken. Man kann das ja auch sehr gut beobachten, zum Beispiel an dem Entstehen von Weltraummüll, der das Kollisionsrisiko erhöht. Also, die Gewinne werden privatisiert, aber der mögliche Nachteil durch den Weltraummüll, den müssen alle tragen und dann fühlt sich am Ende niemand so richtig zuständig. Also das sind Themen und Probleme, die wir halt auch schon von der Erde her kennen.
Titus Kroder:
Mhm, Philip, auch dich noch mal abschließend gefragt, mit der Blickrichtung des Anlagestrategen, welche Risiken bestehen aus Sicht der Investoren denn für die Space Economy der Zukunft und die diversen Geschäftsfelder, über die wir heute gesprochen haben?
Philip Gisdakis:
Ja, Titus, meine Liste hat 'n bisschen 'n Überlapp mit dem, was der Andreas auch gerade gesagt hat. Ich versuch es mal 'n bisschen stärker aus der Investorenbrille zu nennen und ich nenn jetzt einfach mal fünf, die mir eingefallen sind. Das ist natürlich nicht vollständig. Also zunächst mal hab ich das bei dem Thema, wo wir über CapEx und Finanzierung gesprochen haben, es geht bei Infrastruktur natürlich immer um lange Laufzeiten. Das sind also sogenannte ‚Long Duration Assets‘ und das Risiko, was ich damit verbinde, ist, dass eben nicht ganz klar ist, dass über diese lange Laufzeit, wir sprechen über mehrere Jahre, vielleicht sogar mehrere Jahrzehnte, Geschäftsmodelle eben möglicherweise so nicht funktionieren können. Dass man also investiert hat mit einer langen Perspektive und das Geschäftsmodell funktioniert nicht so. Dann haben wir Klumpenrisiken, wenige Hersteller, wenige Dienstleister, die zum Beispiel Raketenstarts darstellen können. Dadurch entsteht ein Risiko, wie zum Beispiel ein ‚Single Point of Failure‘. Was ist, wenn es von den ganz wenigen Anbietern von Raketenstarts plötzlich 23 ausfallen? Wie kann man damit entsprechend umgehen?
Es stehen natürlich auch Klumpenrisiken, Abhängigkeitsrisiken, Unternehmen, die abhängig sind von Daten, von Dienstleistungen, die aus dem All kommen, können Schwierigkeiten haben, ja, diese Daten zu bekommen, weil es eben nicht sehr viel Wettbewerb gibt. Der Andreas hat auch schon den Wilden Westen angesprochen, da würde ich als Anleger noch ein Risiko sehen, das ist im Moment so, aber der Weltraum ist in diesem Sinne kein freier Markt, sondern er ist im Prinzip eine Arena von nationalen Sicherheitsinteressen und das könnte natürlich irgendwann mal dazu führen, dass einzelne Staaten möglicherweise dominante, wichtige, mächtige Staaten sagen: 'So, wir regulieren das jetzt und wir erlauben bestimmte Dinge nicht mehr, auch wenn die private Wirtschaft da entsprechend investiert hat.'
Dann, Andreas hat es schon angesprochen, kann ich nur noch mal verstärken, das Thema Weltraumschrott und was passiert, wenn die Dinger runterfallen und hier irgendwelchen Schaden auf der Erde anrichten zum Beispiel. Und dann auch ganz wichtig für Investoren immer wichtig: ‚Stranded Assets‘. Da kann jetzt vieles von dem dabei sein, was ich vorher schon gesagt hab, aber stellen wir uns mal vor, die Entwicklung ist so rasant, wie wir sie das gesehen haben und es findet 'ne Entwicklung statt, dass bestimmte Bauteile viel, viel besser werden. Dann hab ich Satelliten da oben, die irgendwas können, was ich brauche, aber es gibt neuere Satelliten, die das viel besser können. Das Verbessern oder Aufmunitionieren von altem Material da oben ist wahnsinnig schwierig. Und dann kann es sein, dass man eben Assets, die noch nicht ihre volle Rentabilität erreicht haben, verschrotten muss oder abschreiben muss, ‚Stranded Assets‘, weil es eben neuere Technologie gibt. Das sind also sehr, sehr viele Risiken, die da aus Sicht eines Anlegers 'ne Rolle spielen können, auch weil einfach die Welt noch offen ist und weil wir noch nicht viel wissen über das, was ich da entsprechend entwickeln kann.
Titus Kroder:
Wir haben übrigens zwei interessante Research Papers zum Thema in den Shownotes dieses Podcasts verlinkt. Andreas Rees schreibt im einen unter der Überschrift 'Space Economy lands on Wall Street' und Christian Stocker hat ein Paper verfasst unter dem Titel 'IPOs: signal, not driver of markets'. Beides interessante Papers zum Thema Space Economy.
Ich danke euch sehr für diesen interessanten Austausch. Die Space Economy ist keine Science-Fiction mehr, sondern eine riesige Chance auch für europäische und deutsche Unternehmen und Start-ups. Man staunt. Immer wieder spannend finde ich, welche Geschäftsideen da plötzlich für möglich gehalten werden, über die wir heute auch gesprochen haben: Pharmaproduktion im All, im Orbit schwebende Datenzentren oder gar Sonnenkraftwerke.
Fest steht auch, dass der Börsengang der potentiellen Kursrakete SpaceX hier auf der Erde noch einen weiteren Rekord aufstellen dürfte. Elon Musk dürfte darüber nämlich zum ersten Dollar-Billionär der Menschheitsgeschichte aufsteigen. Da hat er offensichtlich einiges richtig gemacht beim Thema private Altersvorsorge.
Wir irdischen und normalsterblichen Podcast-Moderatoren und Experten bedanken uns bei Ihnen sehr fürs Zuhören. Das nächste Markt-Briefing gibt es in 14 Tagen. Ab dem 29. Juni zum Download, markt-briefing@unicredit.de ist unsere E-Mail: Andreas Rees, Christian Stocker, Philip Gisdakis und Titus Kroder sagen Tschüss, bleiben Sie uns treu und kommen Sie schwerelos durch den Juni.